, und gab mir noch eine Rolle ganz unleserlicher Belege darein. Es ist die Frage, ob sie mein Bedienter nur mit eingepackt hat." "Und zwar die entscheidendste von allen," entgegnete der Vorsitzende mit einem ernsten, recht hässlichen blick, "denn ausserdem müsste sein Herr sich gefallen lassen, so lange hier unter strenger Aufsicht zu bleiben, bis sie beigeschafft wären."
Jetzt wurde Bastian gerufen; dem befahlen sie, Koffer und Kasten zu öffnen, und das, was sie entielten, ihnen stückweis vor Augen zu legen. Der Kerl benahm sich so ausser Fassung dabei, als wenn der Teufel von Beziers hinter ihm stände. Ich sah mich genötigt, den Handlanger zwischen ihm und den Deputirten zu machen, damit sie nur nicht sein verstörtes Gesicht, dem ich selbst in diesem Augenblick die schwersten Verbrechen hätte zutrauen können, bemerken möchten.
Sobald die Rolle mit den heiligen Dokumenten zum Vorschein kam, rekognoscirte und überreichte ich sie den Bevollmächtigten. Ungefordert legte ich ihnen auch meine Rechnungen und andern Papiere vor, um mich recht weiss zu brennen. Dank meiner gelehrten Hand! Bei dem flüchtigen blick, den einer der Beisitzer darauf warf, übersah er sogar meinen Kontrakt mit dem Glaser der Bastille, der mir doch ein sichtbares Herzklopfen verursachte, als ich seiner ansichtig ward. Sie hielten sich ganz allein an die Rolle des Pater André, gaben ihr, ohne sie zu entwickeln, einen neuen Umschlag, den sie mit ihren drei Petschaften versiegelten und mich anwiesen, als Zeichen, dass ich den königlichen Willen nach Ehre und Gewissen befolgt habe, meinen offenen Ritterhelm darneben zu drücken.
Ich sah die Sache nun für geendigt an. Schon hatten die Kommissaire Bastian erlaubt, meine Habseligkeiten wieder an ihren Ort zu bringen, und ich wollte ihm mit den glücklich abgefertigten Papieren mehrerer Sicherheit wegen eben mein Tagebuch noch zureichen, als der jüngste Deputirte – denke Dir, wie mir zu Mute ward – es unterweges mit der Erklärung anhielt: Er habe sich lange in Wien aufgehalten und wolle doch sehen, ob er Deutsch noch so fertig lesen könne, als ehemals. Glück über Glück, dass er nicht lange suchte, und etwa die niedlichen Bruchstücke aus dem Briefwechsel der Königin Anna mit ihrem Liebhaber aufstörte. Was würden die Herren von meinem Ritterhelm gedacht haben, wenn sie jene Abschriften gefunden hätten! Gott sei gelobt, dass er sich nur mit dem letzten Heft beschäftigte, nicht etwa weil es für mich weniger gefährlich – ach im Gegenteil! sondern weil der poetische Fluch auf ihn und seines Gleichen, den er vor den Augen hatte, kein Wiener Deutsch war.
Er starrte das Blatt einige Minuten an und legte es mit einem "Nicht wahr ein Wäschzettel?" zu den übrigen. Wer war froher als ich! Hinter mir hörte ich ein Kofferschloss nach dem andern zuschnappen, und der Vorsitzende entliess meinen Kammerdiener mit einem gebieterischen Wink nach der tür, den er sich nicht zweimal geben liess. Mir aber ging es noch nicht so gut. Ich musste noch zur Schlussformel meines Verhörs die Tortur seiner Beredtsamkeit aushalten. "Mein Herr," wendete er sich mit Würde zu mir, "ihr allerchristlichste Majestät erlauben zwar grossmütigst jedem Fremden, Ihre Staaten zu bereisen, gönnen ihm gerne die Luft – den gesellschaftlichen Umgang und die fröhlichste Teilnahme an den physischen und moralischen Vorzügen Ihres Reichs. – Sie werden aber hoffentlich selbst begreifen, mein Herr, dass diese Vergünstigung sich nicht bis auf die Ausfuhr und Entwendung alter Urkunden und Briefschaften erstrecket und erstrecken kann. Das Unvorsätzliche – das Ungefähr, wie ich glauben will, wodurch sie Ihnen in die hände gerieten – indem Ihre, ad protocollum gegebene Erläuterung dieser verwickelten Sache mit der uns mitgeteilten Aussage des Pater André zur Genüge übereinstimmt – kommt Ihnen in so weit zu Statten, mein Herr, dass Ihr sonderbarer Tauschhandel mit ihm, den Wir von Gerichts wegen, unter Vorbehalt Ihres Regresses an jenen Trunkenbold, für null und nichtig erklären, weniger auffällt. Die Willfährigkeit und gute Art, die Sie bei der Zurückgabe der zum Leben des heiligen Fiacre gehörigen Belege bewiesen haben, wird Zweifels ohne den hohen Senat vermögen, Sie, als eine keinem weiteren Verdachte unterworfene person, frei zu lassen." Hier ward der Redner durch den Eintritt dreier weiblicher Engel unterbrochen, die jedem der Herren, wahrscheinlich zur Stärkung in ihrem Berufsgeschäft, eine Tasse Chocolate überreichten. Während sie solche einschlürften, durfte ich ja wohl diesen unerwarteten Zwischenakt zu dem Vergnügen benutzen, einer Hebe um die andere auf das tiefste in die Augen zu sehen.
Als sie abtraten, blitzten ihnen die meinigen noch so funkelnd nach, dass der Herr Vorsitzende seine stimme erheben musste, um meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. "Z w a r ," diese Sylbe schob er vorerst ein, als er den abgerissenen Faden seines Vortrags auffasste, "z w a r frei zu lassen; jedoch wird zugleich einstimmig von Uns verlangt, dass Sie, mein Herr, je eher, je lieber, und sobald ich Ihnen den Pass zuschicken werde, Ihre Abreise von hier beschleunigen." – Warum denn eben das? dachte ich. O Herr Präsident, sein Sie ruhig! Ihre schönen Mädchen hätten mich ohnehin nicht aufgehalten – "zu der wir übrigens insgesammt," endigte er seine Rede, "Ihnen von Herzen alles erforderliche Glück wünschen." Ich würde gern zu der Feierlichkeit gelacht haben, mit der er die Sitzung aufhob, hätte sie mich nicht um alles gebracht