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, nach der grassen eisernen Kerkertür hinsehen, aus der man den matten, schuldlosen, siebenzigjährigen Greis zum Richtplatz geschleppt hat; als mich ein ungestümes herrisches klopfen nach der meinigen hinzog. Das ist doch ein höchst unbescheidenes Benehmen, fuhr ich laut auf, denn wie konnte ich mir einbilden, dass es Pocher gäbe, die das Recht dazu hätten, ohne für grob gehalten zu werden, bis es mir ein Mann zeigte, der, schwarz gekleidet, mit fliegenden Haaren hereintrat und mir durch das Schreckenswort de par le roi, das alles gleich macht, meine Glieder lähmte. Die Feder, die ich noch nass in der Hand hielt, entfiel mir, und ich habe erst einige zwanzig oder dreissig Meilen darnach reisen und das Gebiet einer fremden Macht gewinnen müssen, ehe ich ihr heute wieder ihren freien Lauf lassen konnte.

Auf meine ehrerbietige Frage: was zu seinem und des Königs Befehl sei? antwortete er befehlend: "Gedulden Sie Sich!" Noch war ich weit entfernt, zu mutmassen, dass es meine Bagage wäre, auf die er mich warten liesse, bis ich sie von vier Lastträgern ihm vor die Füsse setzen sah. Nächst ihnen traten zwei andere, eben so schwarze ominöse Figuren, mit Federn hinter den Ohren herein, als ob sie mir an der Fortsetzung meines Tagebuchs helfen wollten. Ach sie haben es nur zu gewiss durch den traurigen Bericht getan, den ich Dir, lieber teilnehmender Freund, über die bösen Stunden abzulegen habe, die mir ihre werte Bekanntschaft verursacht hat. Derjenige, dem ich den ersten Schrecken verdanke, und der auch, den andern gegen über, den obersten Platz an meinem Schreibtische einnahm, belehrte mich nun mit gerichtlichem Anstand, dass sieund ich glaubte in die Erde zu versinkenKapitouls, und beauftragt wären, mich über gewisse Artikel zu vernehmen. Was mögen das für welche sein? dachte ich zitternd nach. Unmöglich können doch die Herren von ihrem Richtaus herüber durch das Fenster erspäht haben, was ich schrieb; Gott gebe nur, dass sie es jetzt nicht entdecken, und ich hätte für keinen Preis einen blick auf den heutigen Heft meiner Handschrift geworfen, der auf das unverschämteste neben dem Vorsitzenden lag, um ihn nicht auf die Spur meines Anatems zu bringen. Der Mann am Protokoll lauerte und jener begann seinen Vortrag: "Sie werden, mein Herr, im Namen des Königs zum wahren geständnis aufgefordertwer Sie sind und was die Absicht Ihrer Bereisung seines Reichs ist?" Diese königliche Neugier konnte mich nun wohl in keine Verlegenheit setzen. Ich antwortete frisch weg: "Ich bin einer der getreuesten Untertanen Friedrichs, wenn Sie erlaubendes Grossen, ein Berliner, sowohl meiner Geburt, als Krankheit nach, die mich viele schwermütige Jahre hindurch am Verdauen und lachen verhindert hat. Die dortigen ärzte haben mich in die mittägliche glückliche Provinz Ihres Königs, den Feldhühnern, Ortolanen und was sie sonst noch etwa meiner Diät für zuträglich hielten, besonders aber der guten Laune nachgeschickt, die in deutschen Apoteken nicht officinell ist. Die Kur ist mir vortrefflich bekommen. Ich kann jetzt die leckersten Bissen vertragen und die Stimmung meines Gemüts hat sich über alle Erwartung verbessert, so dass ich alles wiederum meiner Jugend gemäss, ja sogarsage ich, jedoch mit schuldiger Ehrerbietungmein heutiges Verhör nur auf der lachenden Seite betrachte. Protokolliren Sie, mein Herr, dass ich meine frohe Herstellung nur ganz allein der grossmütigsten, liebenswürdigsten, scherzhaftesten und tolerantesten Nation der Welt verdanke."

"Haben Sie bei Ihrer Gesundheits-Reise sonst keine Nebenabsicht gehabt?" fuhr der Präsident mit einer kleinen Verbeugung für mein Komplimentund ich um vieles beherzter gegen ihn fort: "Nur noch eine, die ich aber nicht erreicht habe." "Welche war diese?" "Die Verbesserung meines Verstandes und Herzens." "Das ist wohl nur Scherz, mein Herr, vor Gericht jedoch sehr zur Unzeit angebracht." Ich bückte mich für seinen schmeichelhaften Verweis eben so bescheiden, als er vorhin bei meinem Lobe auf die französische Nation. "Sind Sie nicht auch vor kurzem in dem Kloster zu Cotignac gewesen?" Hier schoss mir das Blatt, doch war ich nicht einfältig genug, es zu läugnen. "Was hat Sie zur Reise dahin veranlasst?" "Indigestion." Der Examinator blickte mir ernst ins Gesicht. "Und," setzte ich noch hinzu, "die ungestümen Bitten meines ehemaligen Zeichenmeisters, der die unerreichbare Notre Dame de graces zu kopiren versuchen wollte." "Wie lange verweilten Sie im Kloster?" "Von einigen Frühstunden an bis kurz nach dem Mittag, als der Stümper mit seiner Abzeichnung fertig war." So wechselten unschuldige und verfängliche fragen, andertalb Bogen durch, mit einander ab, bis mein Tauschhandel mit dem Pater André klar am Tage lag. Die Deputirten waren von meiner kalten Küche, der Berauschung meiner Gäste, unserer unklösterlichen Lustigkeit, kurz von allem bis auf die Zahl der Flaschen unterrichtet, die wir geleert, und der vollen, die ich ausserdem noch dem ehrlichen Pater auf den Gastwirt zu Marseille angewiesen hatte. Die folgende Frage: "Ob ich nicht wichtige Urkunden dagegen bekommen?" zog mir beinahe die Kehle zu, doch erholte ich mich nach einem kleinen Hüsteln. "Das ich nicht wüsste. Der Mönch zwar, – – der mit einem Heiligen verwandt sein will, machte mir, seiner Einbildung nach, ein bedeutendes Geschenk mit dessen gedruckter Legende