. Meine geborgten normännischen Füsse, die, wie Räder einer Wassermühle, mir keine Sekunde Zeit liessen, nur einen der vorbeiströmenden Gegenstände fest zu halten, verwickelten meine Sinne noch mehr in ihren Irrtum In der süssesten Betäubung fing ich zu lallen an:
Welch holdes Traumgesicht, welch unabsehlich freies
Mit Segen überströmtes Land!
Lob sei dem Herrn, der mir diess Bild des Maies
Auf meinen Schlaf herabgesandt!
Doch nein, ich bin erwacht, ich sehe' erstaunt im Glanze
Des Morgens, den mein Auge grüsst,
Wie die natur mit e i n e m Kranze
Zu einem wahren Hochzeittanze
Zahllose Wachende umschliesst.
Hier laden tausendfache Sprossen,
In süsser Hoffnung zum Gedeihn,
Des Lebens traute Mitgenossen
Von einem fest zum andern ein.
Um mich herum, auf jungen Aesten
Beblümter Stauden schaukelt sich
Ein muntres Heer von bunten Gästen,
Die ein geheimer Hang nach Westen
Aus Norden gängelte, wie mich.
In diesem heiligen Gewühle
Unschuld'ger Freuden, o wie rein
Und selig müssen die Gefühle
Der Hirten dieser Fluren sein! –
Doch die Türme von Toulouse
Schimmern meinen Augen schon,
Und das Harfenspiel der Muse
Fällt in einen Trauer-Ton.
Rücksicht ins Vergangne störet
Ihre frohe Phantasei,
Zitternd horcht sie auf und höret,
Calas, Deines Bluts Geschrei.
Hilft in schwarzem Traum dem biedern
Matten Greis um Mitleid flehn,
Sieht ihn mit zermalmten Gliedern
Seines Todes Kampf bestehn.
Siehet Blut die Gattin weinen,
Blut bei jedem Keulenschlag,
Dem, als Bein von ihren Beinen,
Ihr Vertrauter unterlag.
Zählet der Verwaisten Tränen
Und des kindlichen Gefühls
Volle Pulse bei den Scenen
Dieses grassen Trauerspiels.
Tron des Aberglaubens! Wehe
Deinem rauchenden Altar,
Bis der Greis verjüngt erstehe,
Der Dein Todtenopfer war;
Bis Gott zu den Flammenstufen
Seines ernsten Richterstuhls
Auch den letzten vorgerufen
Deiner frechen Capitouls.
Und Du, Dulder, ihrer Strafen,
Wenn Du längst der Erde Last,
Alle Menschenangst verschlafen
Und den Traum gesegnet hast
Wenn zu jenem grossen Tage
Die Erforschungsstunde schlägt,
Die auf unberührter Wage
Deiner Unschuld Leiden wägt;
Und dann fern von Dir Voltaire
Mutlos bangt, indess Dein Licht
Stralen wirft, ach, dann verkläre
Auch ein Stral sein Angesicht!
Anwalt in der grossen Sache
Der beleidigten natur,
Schwor er Deinen Mördern Rache,
Und er hielt den edlen Schwur.
Rief die Weisen auf, zu streiten
Gegen Priester, Wut und Wahn,
Und schlug mächtig an die saiten
Aller bessern Herzen an.
Er verwandelte in Ehre
Deine Schmach, und schaffte Ruh
Deiner Asche. dafür kehre
Gott auch ihm sein Antlitz zu!
dafür werde seiner Ränke
Nicht gedacht! der Cherubim
Himmlischer Vergebung schwenke
Seine Fahne über ihm.
Fussnoten
1 Ludwig der Funfzehnte, den man als le roi des ponts et des chaussées pries. 2 Le Maréchal de Montrevel avoit fait venir de Lyon un homme, qui devoit découvrir les Camisards par le moyen de la baguette divinatoire. Cette baguette tourna sur dixhuit personnes, qui furent amenées à Alais. Dans quel état est le peuple, lorsque le Gouvernement emploie les manoeuvres d'un fourbe, et que le soupçon devient la preuve du crime? Histoire abregée de la Ville de Nimes. p. 127. 3 Siehe Memoires de la Curne de Ste Palaye, nach der Uebersetzung des Herrn Klüber im 3ten Bande pag. 146.
Toulouse.
Den 6ten März.
Diese trüben Gedanken begleiteten mich in den Gastof, wo ich einkehrte, der von unten bis unter das Dach mit allen Lockungen der Sinnlichkeit versehen, nicht umsonst dem stolzen Kapitolium gerade gegen über lag; denn eine der vielen, Trepp auf, Trepp ab, wie Liebesgötter in einem Venustempel, herumschwebenden Aufwärterinnen, die mich anwies, erzählte mir, die Herren Kapitouls frühstückten gewöhnlich hier, ehe sie zu Gericht gingen. "Das ist keine üble Gewohnheit," antwortete ich, "denn nichts stimmt menschliche Herzen mehr zum Mitleid für andere, als eigener Lebensgenuss, und für den scheint mir in diesem haus vortrefflich gesorgt. So eingerichtet war es wohl noch nicht, als Calas gerädert wurde?" "O nein," sagte sie, "damals war der Platz noch unbebaut und gehörte, glaube' ich, der schwarzen Brüderschaft zu."
"Wohl Schade!" erwiderte ich, "denn hätte eine so weise Schwesterschaft, als ich jetzt hier vereinigt finde, den Frühstücken seiner Richter vorgestanden, die Mehrheit der Stimmen wäre gewiss zu seiner Lossprechung ausgefallen." Sie lächelte bedeutend und zuckte mit den Achseln. "Nicht wohl," sagte ich, "denn ich gedenke mit der Wasserdiligence nach Bordeaux abzugehen. Wie lange habe ich da noch Zeit?"
"Ungefähr zwei Stunden," berechnete sie und entschlüpfte.
Vor allen schickte ich nun Bastian dahin ab, um Plätze für uns und meinen Wagen zu bestellen, verriegelte darauf mein Zimmer, um ohne weitere Störung meine heutigen Morgengedanken so warm niederzuschreiben, als sie mir auf dem Herzen lagen. Ich setzte mich neben ein offenes Erkerfenster, aus welchem mir der majestätische Pallast jener Mordgehülfen gerade vor den Augen lag. Dieser zweckmässige Standpunkt meines Schreibtisches, konnte ich doch wohl glauben, würde mich über meine gewöhnliche Darstellungsgabe erheben; als ich aber das beschriebene Blatt überlas – wie kraftlos kamen mir die Abdrücke meiner inneren Empfindungen vor. Ich blickte verdriesslich weg, fing mich an vor meinen Lesern zu schämen, und wollte eben, um mich mehr zu befeuern, wie sich gewisse Schauspieler heimlich in den Arm kneipen, wenn ihre Rolle Ausdruck des Schmerzes verlangt