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mund

Ein noch weit ältrer Ahnherr überschrien;

Der sass einst an der Tafelrunde

Des Zauberers Merlin.

Den Andern blieb, so mächtig überboten,

Kein Nachsatz mehr für ihre Forderung,

Und keiner tat ins Reich der toten

Noch einen Rittersprung.

Veredeln kann, vermeidet den Versuch

Und wünschet eher sich statt Helme

Ein ehrlich Leichentuch.

Doch kam noch mancher einzeln angekrochen

Und übergab als Einlasskarte mir

Bald einen grauen Ritterknochen

Bald ein gemalt Visier.

Ein Preusse schwor, von väterlicher Seite

Hab' er auch einen Helden ausgespürt,

Der einst im Faustkrieg das Geleite

Von Nürenberg geführt.

Ein Schwabe rief: Ob mich schon mancher schlaffe

Heraldikus nicht für ganz ächt erkennt,

Trag' ich doch die antikste Waffe

Bei unserm Kontingent.

Ein Hesse, der nach Mönchs- und Nonnenkutten

Sein lahm Geschoss mit lahmer Faust gespannt,

Vertraute mir, er sei mit Hutten

Und Berliching verwandt.

Ein Baier wies mir seinen Helm; den habe,

Prahlt' er, mit Blut gefüllt, aus einer Schlacht

Beim Kreuzzug nach dem heil'gegen grab

Sein Ahnherr mitgebracht.

Ein Reichsbaron fragt' ihn mit Hohn und ballte

Die Faust: Bist du darum von besserm Schrot

Und Korn? – – Zu beider Glück erschallte

"Legt eure Panzer ab, stellt ohne Fahnen

Vor meinen Tron euch dar und hört mich an!

Was hat diess Heergerät der Ahnen

In eurer Hand getan?

Wer hat die Säulen unsres Reichs gestützet

Und treu dem Schwur, der ihm zum Erbteil fiel,

Das werte Vaterland beschützet

Im ernsten Waffenspiel?

Wer unternahm den Brennstoff unsrer zeiten,

Den Blitz des krieges, den Funken des Verrats

Mit treuer Einsicht abzuleiten

Als Genius des staates?

Vermehrtet Ihr durch eure Heldennamen

Des Bürgers Wohlfahrt oder seine Last?

Messt euch, ob wohl in euern Rahmen

Ihr grosses Vorbild passt!

Und wisst, wer sich des deutschen Erbvertrages

Der Ehr' entzog, sein ihm vertrautes Schwert

Verriet, ist auch des Ehrenschlages

Des meinigen nicht wert.

Der Tapfre nur, der aufgeklärte Seher

Im Fürstenrat, tret', als ein ächter Sohn

Des Ahnherrn, unserm Trone näher

Und ernte gleichen Lohn."

Der Kaiser schwieg. Ich aber trug im Kreise

Der Horchenden sein Aufgebot herum.

Schnell ward ihr Stahlgeklirr ganz leise

Und aller Zungen stumm.

Und blieben stumm. Doch bald getröstet zogen

Die Junker ab, stolz, frech und aufgeschwellt

Von Dünsten, wie der Regenbogen,

Der mehr verspricht, als hält.

Denn, wie diess Zeichen von des himmels Gnade

Erst, wenn der Sturm des Landmanns Fleiss zerstört,

In optisch täuschender Parade

Sich vornehm zu uns kehrt;

So zeigen sie nie lieber sich gerüstet

Und brüstender mit ihrer Ahnen Mut,

Als bis das Land, vom Feind verwüstet,

Statt ihrer Busse tut.

Nicht Einer war so sehr um sich verlegen,

Dass er sich nicht hinaus zum Rittersaal

Trotz lachend, wie die Kinder pflegen,

Zu seinen Bauern stahl.

Bald jauchzt er dort, dass ohne Ihn der Schrecken

Des Dorfs verflog, das den Gestrengen nährt,

Und, wo nicht Ihn, doch Helm und Decken

Des edlen Ahnherrn ehrt.

Ich sah mich um, und da ich keinen weiser

Und tapferer als meinen Schatten sah,

Rief ich erstaunt wie unser Kaiser:

Kaum flog diess Wort des Jammers von der Lippe,

So schien es mir, es trät' in Trauerflor

Der Vorzeit drohendes Gerippe

Aus seiner Gruft hervor.

An Helden leer, an Redlichen noch leerer,

Schien mir der Staat nur einer Wüste gleich;

Sein Glanz ging unter, und der Mehrer

Des Reichs fiel wie das Reich.

Den Boden, der sonst einen Kranz von Eichen

Und Lorbern trug, bedeckte dürrer Sand,

Auf dem nur noch als Todeszeichen

Die Tränenweide stand.

Blass blickt' ich, wie ein Monument beim Flimmern

Des Nordlichts, in ein weit gedehntes Grab,

Und warf zuletzt zu jenen Trümmern

Auch meinen Heroldsstab.

Sobald mein Ohrdenn darauf kam alles ansein verschobenes Kissen wieder gefunden hatte, vernahm es von diesem gräulichen Lärm der Verwüstung keinen laut mehr. Meine gedrückte Seele lüftete sich, hüpfte leicht, wie eine Grille, über den kostbaren Schutt und über das ungebührliche Schattenbild hinweg, das so sehr die edle Kaste beleidigt hatte, der anzugehören von Kindesbeinen an mein Stolz war. Flucht war hier das Beste; denn, ungerechnet dass in der Scheide zurück hielt, wäre es auch überdiess ein Donquixoten-Streich gewesen, mich mit meinem eigenen Traume zu schlagen. Das Vorgefühl der erwachten natur pickelte mir an die geschlossenen Augenlieder, öffnete aber, wie es schien, nur die kleinste Falltüre ihres weitläuftigen Tempels, aus welchem mir die heiterste Morgenerscheinung in jener schlanken weiblichen Gestalt entgegen schwebte, die meinen Geist so gerne besucht, wenn er träumt. "O du kommst wie gerufen, liebe Julie!" fasste ich sie bei der Hand, "denn eben will ich eins der Phänomene belauschen, deren du schon manche im Stillen mit mir bewundert hast. Sieh nur, liebe Kleine, wie kindisch die himmlische Aurora sich wendet und sträubt, ehe sie dem ungeduldigen Tage ihre weissen Lilien Preis gibt. Ich möchte wohl wissen, ob jenes jugendlich blasse Landmädchen in diesem Augenblicke nicht auch" – – Es war wohl kein Wunder, dass Siedie ich schon wachend mit der Morgenröte verglichen hatte, mir zwei Stunden nachher im Traume und gerade s o wieder vor die Augen trat, wie ich sie auf einem der vorigen Blätter stehen liess. Dass ich aber auch nicht einmal nötig hatte, es meiner