lehrreichen Schriften in allen fürstlichen Biblioteken, die ich kenne, wie vertrocknete Saamenkapseln, nur noch zur Schau da? Und wo gäb' es ein Land oder Ländchen, dessen Minister nicht weit klüger wären als du, und um hundert Procente bessere Regierungsplane entwerfen könnten, als die deinigen sind? – –
Gott weiss, wie lange ich noch unter meiner Reisemütze so über die Schnur gehauen hätte, wäre mir nicht, sobald ich auf meinem gestrigen Plätzchen wieder fest sass, der Beschwichtiger aller heillosen Grillen – der Besänftiger jedes empörten Bluts – – mein, von einer bösen Stunde verscheuchter Freund, treu, wie gewöhnlich, zu hülfe gekommen.
Ich vertraute meinen erschlafften Körper ihm und meinen getiegerten Mietlingen sorgenlos an, die in dem Tumulte des Feuers und Russes nichts von ihrem angestammten Mute und gefälligen Aeussern verloren hatten.
Der Weg, der ihnen heute mit mir zu tun übrig blieb, mochte wohl eben so gut und sammetartig sein, als der gestern zurückgelegte.
Mit Gewissheit kann ich es jedoch so wenig behaupten, als der Schläfer zu meiner Linken, neben dem ich in einem so komisch-tragischen Traum verfallen lag, als mir je einer vorkam. Er, ein wilder Abkömmling meiner politischen Nachtgedanken, trat mit Würde einem andern voraus, der von weitem ihm nachschlich, und aus allen Elementen zusammengeknetet keinen vornehmern Ursprung hatte, als den Bart eines Mönchs.
Ich weiss wohl, dass Du dergleichen mark- und saftlosen Erzählungen nie hold gewesen bist, da es aber so selten glückt, dass man diesen Zerrbildern der Seele, bis zu den Nebeln ihres ersten Vordämmerns, auf die Spur kommt, und ich ohnehin vor Sonnenaufgang keinen klärern Stoff zu verarbeiten habe, so musst Du mir schon vergeben, wenn ich Dir den einen und den andern mit gleicher Gesprächigkeit entwickele, als Deine Tante die ihrigen. Es währte vielleicht nach dem sanften Stillstand meiner äussern Sinne keine drei Minuten, als ich, altdeutsch gekleidet, mich in Gesellschaft der sieben Churfürsten auf die Kaiserwahl nach Frankfurt am Main verirrte. Im Schlafe weiss man weder von Ceremoniel noch Kalender. Ich hielt mich, wie Du siehst, bloss an den Kodex der güldenen Bulle, die an dieser Zahl eben genug hatte, um sie als Erbfeinde der sieben Todsünden aufschwören zu lassen. Ob sich diese in der Folge der Zeit in gleichem verhältnis mit den erstern vermehrt haben, oder ob für die mehr entstandenen Erbämter keine weiter zu erdenken sei, ist eine Frage, deren Beantwortung den Lehrern der neuern Statistik zusteht. Mir konnte sie nicht in den Sinn kommen. Ich fühlte nur meine glückliche Lage, und fragte mich einmal über das andere: Kann man wohl vornehmer und sicherer reisen, als Du?
Meine Begleiter waren recht artige, höfliche und lustige Herren. Auch gelangte ich durch ihren mächtigen Einfluss in das Wahlgeschäft zu einem Ehrenposten, dessen ich mich am wenigsten versah. Ich stand, ganz ausser mir – rate einmal wo?
Ich stand, geschmückt als Herold, nächst den Stufen
Des Kaiserstuhls an seinem Krönungstag,
Die Volksvertreter aufzurufen
Zum neuen Ritterschlag.
Kaum ward ich laut, als mich, in einer fremden
Antiquen Pracht, ein grosser Junker-Tross
Mit Fahnen, Spiessen, Panzerhemden
In seine Mitte schloss.
Die Herren, vest, gestreng und freigeboren,
Ergriffen mich, wie ein gemeines Lamm,
Und schleppten mich bei beiden Ohren
An ihren Heldenstamm.
Was soll ich hier? schrie ich. "Hier sollst du sehen
Kraft deines Amts, dass wir von Kind zu Kind
Aecht, und aus ebenbürt'gegen Ehen
Geborne Ritter sind."
Mich überfiel ein bürgerliches Grauen,
Weh dir, seufzt' ich, wenn dich dein Ehrenamt
Zum Tugendrichter todter Frauen
An diesen Pfahl verdammt!
Und perlt denn wohl im Amazonen-Flusse
Ein Tröpfchen noch des Quells, der ihn ergoss?
Folgt Treue dem Verlobungskusse
Nur in ein Ritterschloss?
Drückt Amor nicht den Stempel edler Wappen
Manchmal in Blei? Beschien der Abendstern
Nicht oft schon in dem Arm des Knappen
Die Braut des Pannerherrn?
Sie prahlten fort: "Wir sind an Krönungstagen
Bestimmt, der Majestät uns anzureihn,
Und den Churfürstlichen Gelagen
Getreu und hold zu sein.
Aus Männermut mit Weibertreu verschmolzen,
Im reinsten Gold, das keinen Fleck verträgt,
Hat uns die Zeit zu diesen stolzen
Schaumünzen ausgeprägt."
Mein Ohr erlag dem Schrei so vieler Kräher,
Verdruss und Scham durchströmten mein Gesicht,
Ich fühlte angstvoll, zum Verdreher
Der Wahrheit taug' ich nicht;
Zum Toren nicht, der auf ein Feld von Aehren
Jedweden Korn- und Strohhalm Zoll für Zoll
Vergleichen, messen und gewähren,
Nur nicht entülsen soll.
Staub nur entsteigt den treusten Ahnenproben,
Dem ält'sten Stammbaum modriger Geruch;
Bis nach des Kaisers Spruch.
Mein Wunsch gelang. Denn eh' ich, gleich der Motte,
Nur einen morschen Adelsbrief durchschlich,
Sah ich die Matador der Rotte
Selbst uneins unter sich.
Blutdürstig fiel, gleich Wilden, ihr Geschwader
Von Haut zu Haut, auf seine Vettern her,
Und einer schlug dem andern Ader
Mit seinem Probespeer
Der E r s t e schrie: Wer geht mir vor an Adel?
Mein Ahnherr war bei Fürsten angenehm,
Mann ohne Furcht und ohne Tadel,
Wie Bayard ehedem.
Des Z w e i t e n Schild zum höhern Standsbeweise
Führt ihm das Jagdross Karls des Grossen an,
Das, wie bekannt, die erste Reise
Ins Aachner Bad getan. –3
Doch gleich hatte' ihn aus eines D r i t t e n