heute zu spät war, einen neuen Küchenzettel zu entwerfen, so musste ich mich diesen Mittag mit ihrer gewöhnlichen Kost begnügen; und dazu gehörte fürwahr keine grosse Verläugung. Kräftiger, behaupte ich, kann man nicht kochen, und freundlicher kann man nicht vorlegen, als dieses Weib. "Wer hat sie," sagte ich zu mir selbst, wenn sie durch Wahrheit und Einfalt ihrer Rede mein Herz an sich zog, "wer hat sie ohne Kenntniss, ohne Bücher, ohne Welt gelehrt, so bemächtigend zu werden? Oder ist eben dieser Abgang Ursache, dass sie es in diesem Grade ist?"
Mein Bette, mein hölzerner Stuhl und ein Tisch für meine Schreiberei und kleine Gerätschaften stehen hinter einem Verschlage, der beinahe das Viertel von der stube einnimmt, und – damit sind hinlänglich die Grenzen des Eigentums und der erkünstelten Schamhaftigkeit gewahret. Alles lehrt mich hier, unter welchem geringen Aufwande menschliche Zufriedenheit bestehen kann.
Ich bot meiner Wirtin einen Vorschuss von zwölf Laubtalern an, um die Kosten der vergrösserten Wirtschaft zu bestreiten, da sie ja wohl auch, so lange ich bei ihnen bin, meine Gäste sein müssen. – Könnte ich mich nur immer so auslachen sehen!
"Wollen Sie ein Jahr bei uns bleiben, mein Herr?" sagte sie: "Was soll ich um des himmels willen mit so vielem Gelde anfangen? Spärlich und nährlich! mehr kann mein kleiner Herd und meine Kochkunst nicht bestreiten. – Sie müssen, mein Herr, ich kann Ihnen nicht helfen, mit zwei Gerichten zufrieden sein. Ihre Gesundheit und ihre Börse werden dabei gewinnen; und doch sollen Sie mit rötern Backen von uns gehen, als Sie mitgebracht haben. geben Sie mir drei Stücke von Ihrer Münze; ich will zusehen, wie weit ich damit komme, und übrigens tun Sie nur, als ob Sie zu uns gehörten. In zweien Tagen, wette ich, schicken Sie Ihre Arzeneien in's Spital; denn in unserm dorf kann sie kein Mensch brauchen." – Und so flog sie, die sechzehnjährige Hausmutter, zu ihrer ungekünstelten Wirtschaft.
Der Mann übernahm, mich in Bewegung zu setzen. Er führte mich erst um das Schloss seines Lehnsherrn herum. "Wenn Sie," sagte er, "die grossen Säle sehen könnten, die hier über einander gewölbt sind, so würden Sie denken, der Mann habe zum Riesengeschlechte gehört, der sie gebaut hat; und doch soll er nicht mehr Mensch gewesen sein, als sein Enkel, der ein so zierliches Männchen ist, dass er in einem Vogelbauer Raum hätte. Es hängt mancher Schweisstropfen meines armen Aeltervaters an diesen Steinen, der noch mit zu den dicken Mauern gefrohnt hat, die jetzt wieder einstürzen. Seit fünfzig Jahren ist kein Rauch aus diesen verzierten Schornsteinen gestiegen. Die Besitzer dieses unnützen Gebäudes fliehen es wie einen Abgrund, der ihr Erbteil verschlungen hat, und mir und andern stiehlt es die schöne Aussicht auf das freie Feld, das dahinter liegt. Da lobe ich mir doch die kleinen Häuser von Klebwerk, wie das meine, die man ohne Kosten selbst flickt, wenn sie wandelbar werden – um ein geringes wieder aufbaut, wenn sie zusammen fallen, und in denen starke mutige Menschen wohnen, die darin grau werden."
Alles Verödete, liebster Eduard, lässt auch das Herz leer. Wir wurden erst froh, als wir das gesellige Dorf durchwandelten. Was für ein ganz anderes Gemälde für den Geist gegen jene Einöde des kummervollen Stolzes! Hier war alles lebendig. Bald fuhr der Amorskopf eines rotwangigen Jungen zu seinem kleinen Fenster heraus; bald begleiteten uns die Rabenaugen eines blühenden Mädchens über die Gasse. Hier kam uns der Reif entgegen gerollt, hinter dem ein Dutzend spielende Kinder hersprangen. Dort entblösste ein freundlicher Alter sein graues Haupt, um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben. Aus allen Ecken, unter allen Strohdächern hervor, blickte Friede und Freude, Tätigkeit, oder Ruhe nach vollbrachter Arbeit.
Welches Auge könnte so verwöhnt sein, an diesen bevölkerten Hütten die Verhältnisse eines Palladio, und in dieser Männer Leben und den Spielen ihrer Kinder den Maschinengang der grossen Welt zu vermissen?
Das Dorf ist reinlich, und seine Lage höchst angenehm. Ich machte auf unserm Rückwege noch eine Entdeckung, die mir viel wert ist. Sein kleines Gebiet schliesst einen Berg ein, dessen mit Fichten, Mandelbäumen und Geniste bunt unter einander bewachsenen Gipfel ich mir zum Ziel meiner Morgengänge ausersehen habe.
So fehlt mir hier nichts, was meine einfache Diät bedarf. Johann tut sich nicht wenig zu gute auf die Zufriedenheit, die er an mir wahrnimmt, und brüstet sich manchmal wie ein Magister, der sich seit kurzem zum Wegweiser der wahren Glückseligkeit, wie man sagt, habilitirt hat.
Den 22sten December.
Ich trennte mich gestern von Dir und meinem Tagebuche eher, als ich gewohnt bin. Das glückliche Paar meiner Hausleute eilte, nach hergebrachter Dorfsitte, mit heran nahender Dunkelheit seinem Bette zu, und ich – zu gutmütig, sie durch das Licht, das meine Schreiberei erleuchtete, in ihrer verdienten Ruhe zu stören, ahmte ihnen nach, ohne schläfrig, zu sein, und bin herrlich für meine Verläugnung der grossen Welt belohnt worden.
Der zeitige Schlaf vor Mitternacht, in der mir ungewöhnlichen Stille, die mich bald einwiegte, brachte mir heute einen eben so ungewöhnlichen zeitigen Morgen ein. Ich strebte schon dem Fichtenberge zu, da noch die Glut in graulichem Nebel unter ihm lag, sah den Vorhang sich heben,