nach dem anziehenden Orte herumschickte. Ich fand einige, als Zollstätte, mit einer Fahne, – andere, als bischöfliche Residenzen, mit einem Sternchen, und einen mit zwei sich kreuzenden Schwerten zum Merkmal bezeichnet, dass in seiner Nähe eine Schlacht vorgefallen sei; dem Ort aber, wo der grosse Mann geboren war, lebte und schrieb, hatte mein geographischer Handlanger nicht einmal seinen Platz auf dem Erdboden gelassen, geschweige ihn eines Ehrenzeichens gewürdiget. Der jovialische Hausherr liess mir nicht Zeit, mich darüber lange zu ärgern. "Hier bringe ich Ihnen," trat er ein, "zum Abschied noch eine Flasche des guten Weins, der auf den Bergen zu Montesquieu reift; sonst kauften ihn die Engländer auf's teuerste uns vor dem mund weg, aber seit dem tod des gelehrten Präsidenten fragen sie nicht mehr darnach; jetzt steht er um die Hälfte im Preis, ob er schon noch immer von derselben Güte ist." "Das tut mir leid um die Engländer," sagte ich, und nahm ihm das volle Glas ab. "Sie sollen," trank ich ihm die Gesundheit zu, "zum Vergnügen aller Reisenden, noch lange leben, Herr Wirt von Castelnaudari! Sie wissen nicht, wie elend es mir drei Tage nach einander gegangen ist, ehe ich hier ankam. Sie haben mich mit einem einzigen Frühstück vollkommen wieder hergestellt, und wären Sie nicht klüger, als meine Landkarte, so hätte ich, wie andere, auf der ordinairen Poststrasse fortrumpeln müssen, ohne nur zu ahnden, dass der Geburtsort des Mannes, den ich vor allen andern schätze und liebe, mir auf dem Seitenwege in der Nähe lag. Wenn man von gottesvergessenen Menschen so mürbe gemacht wird, als ich in Beziers, wie empfänglich ist dann nicht unser Herz für alles Gute, das uns bessere zufliessen lassen!"
Ich schüttete gegen meinen heutigen Wohltäter alle mögliche Floskeln des Danks um so verschwenderischer aus, als er mir es in wenig Stunden von mehr als einer Seite her geworden war, und bestieg dann meine Berline mit einer gewissen stolzen Selbstzufriedenheit, da ich sie zum erstenmal mit vier prächtigen Normännern, die keinem königlichen Einzuge Schande machen würden, bespannt sah. Dergleichen erborgte Empfindungen halten indess bei einem verständigen Jünglinge nicht lange an, der die vergangene Nacht über guten oder schlechten Versen verwachte, einen Feldweg, wie von grünem Sammt bezogen, vor sich, kühlende Zephyrs im Gesicht, ein weiches Kissen unter seinem Kopf liegen hat, und auf Stahlfedern sitzt. Auch war meine heutige Reise ganz dem süssen Taumel ähnlich, mit dem vormals das Wiegenlied einer lieben Amme meine Kindheit beseligte, und der nicht eher verging, als da der Kutscher Abends sieben Uhr mit dem Zuruf: Herr, wir sind in Montesquieu! vor einem Schindelhäuschen still hielt.
Wie lieblich schlägt solch ein Klang an jedes gute menschliche Ohr! Er erweckt, wie eine Kirchenglokke, Gedanken der Andacht – erinnert an die Veredlung unsers Geschlechts – an den wohltätigen Geist der gesetz – an öffentliches und häusliches Glück.
Das wohl! aber wenn man, wie hier der Fall war, nur ein verödetes, elendes Dörfchen mit solch einem Namen beprägt sieht, möchte man ihm dann nicht lieber einen aus Westphalen genommenen beilegen, der weniger stolz klänge und sich besser zu seinem Schmutz passte? so wie man nur zu oft in vornehmen Gesellschaften den verdorbenen Sprossen eines edlen Stammes, wo nicht vernichten, – doch umtaufen möchte. Nie hätte mir ahnden können, in dem Stammgute des Philosophen dieses Namens einen solchen Mangel an Ordnung, Reinlichkeit und Policei, unter dem Bettlerhaufen, der ihn bewohnt, anzutreffen, als ich leider mit Augen sah. Zur Entschuldigung sagte mir zwar der alte Bauer, der hier den Wirt macht, dass dieser einst wohlhabende Ort im letzten Religionskriege so herunter gekommen wäre. Er sei vorher und so lange mit fleissigen, redlichen, aber freilich kalvinistischen Einwohnern sehr reich besetzt gewesen, bis die Verbreiter der reinen Lehre alles ketzerische Unkraut ausgerottet, Kirchen und schulen verbrannt und keine Hütte verschont hätten, ausser der seinigen, der Einkehr und des Weinschanks wegen. Der nachherige gelehrte Herr des Dorfs habe sich zwar durch Rat und Tat bemüht, seiner verfallenen Besitzung wieder aufzuhelfen, aber zu solch einem Unternehmen reiche e i n Menschenalter nicht hin, und man könne doch auch nicht verlangen, dass der Nachfolger wie der Vorfahr denken und seinen Untertanen Frohnen und Zehnden erlassen solle, ob es gleich das einzige Mittel wäre, dem Uebel ihrer drükkenden Armut zu steuern. "So will ich Gott danken," fiel ich ihm in die Rede, "dass ich in seinem, wie ich sehe, dreieckigen Gastzimmer, lieber Mann, wenigstens vor Religionsverbreitern sicher übernachten kann, wenn es auch vor Ratten nicht sein sollte. Schlafe er wohl, und lasse er es ja meinen schönen Mietpferden an nichts abgehen, ich bedarf nur Ruhe." "Ueberhaupt," setzte ich nun die Unterredung mit mir allein fort, "darf ich, ohne mich eben mit der erstiegenen Höhe unserer Kultur breit zu machen, doch mit frohem Herzen zu den weit niedern Stufen derselben herunterblicken, auf welchen noch vor hundert Jahren die Vorlebenden standen. Wie viele gute Köpfe haben nicht erst, entweder wegen ihres zu schwachen, oder zu starken Glaubens über das Henkerschwert springen müssen, ehe ich in dem meinigen mit Sicherheit eine freie denkart herumtragen konnte. Selbst dir, guter Montesquieu, sammt deiner persischen Maske, würde es nicht besser ergangen sein, als