, je mehr sich der eine Ort entfernte, der andere näherte. Ach wie wünsche ich mir die drei letzten Tage zurück, um sie meinem dermaligen freundlichen Aufentalte zulegen zu können! Mein sinnlicher, so lange unbefriedigter, nun desto begehrlicherer Mensch, wie festlich wird er nicht sein Heute verleben!
Das moralische Ich soll hoffentlich zusehen, und ihm, wie der ältere Bruder dem jüngern, seine kindische Freude nicht missgönnen.
Hätte mir auch nicht Phöbus seine abgeschnallten Flügel zum Rückflug nach jenem Prälatensitz nur für die vergangene Nacht geliehen, diesen Morgen gäbe ich sie ihm ohnehin wieder; denn so umringt von den köstlichsten Leckereien, mein Tagebuch vor mir auf mit einer Zeile mir befassen, die das geringste Nachdenken – einen Gran Menschenverstand mehr erforderte, als den – eines Abschreibers.
Ich nasche bald von diesem, bald von jenem Gerichtchen meines auserlesenen Frühmals, während es meine Feder allein ist, die Dir erzählt und den Wohlklang unverändert zurücktönt, den ich unter dem Mondschein der schnell verflogenen Nacht meinem Silberstifte einblies.
Ich zog einen grossen Taler aus dem Beutel, um mir freien Zugang in das geistliche Storchsnest zu erkaufen. Unterweges kam mir zwar einigemal die Lust an, ihn wieder einzustecken, und lieber meinen Besuch dem Postalter zu machen, mit dem ich immerfort in Gedanken über seine schlechten Anstalten zankte. "Bist du nicht hier," redete ich mir ins Gewissen, "schon auf das erbärmlichste in deinen Erwartungen getäuscht worden, und kannst dennoch deine Wetterfahne aufs neue dem Winde eines Grosssprechers preis geben, der wohl nicht ohne Ursache abgedankt, vielleicht hoffte, mit deinem Trinkgelde näher noch verwandt zu werden, als er es mit dem Kastellan ist. Unglückliche Neugier, die, sogar bei dem Betruge, den sie ahndet, sich nicht abhalten lässt, ihn aufzusuchen!" – Unter diesem fortwährenden Tadel eines jeden Schritts, den ich tat, erstieg ich nichts desto weniger die Anhöhe, stand noch eine Weile unentschlossen vor dem verriegelten Tore, ehe ich anklopfte. Endlich – verzeih' es Freund, wenn mir jetzt ein gemeiner, kahler Soldatenfluch entfuhr, "der T e u f e l !" hob ich an, Gleich einem Korporal, der nach der Kegelbahn Den Rest der Löhnung trägt, "der Teufel hol den
Taler!"
Und schlug mit ihm an's Tor. Kaum war es aufgetan, So streckt' auch schon ein Kerl, der einem trunknen
Prahler
Mehr glich, als einem Kastellan, Die hohle Hand darnach. So schnell als er voran, Trabt' ich nun hintennach. Merkuren selbst, im Wandern Geübter doch als ich, zog nicht sein Schlangenstab Zum Ida schneller hin, als nun Trepp' auf Trepp' ab
Von einer Gallerte zur andern, Bald zu des Bischofs Tron, bald zu des Bischofs Grab Mich dieser Unhold zog. An allem blieb er kleben, Was je die Pracht mit ihrem Vogelleim Bestrich, was je Geschmack und feine Art zu leben Der Armut nimmt, um es dem Stolz zu geben; Und kein G e m a c h war so g e h e i m , Er liess nicht ab, trotz meinem Widerstreben, Den letzten Umhang aufzuheben. Vorzüglich aber schien der schmucke Bildersaal, Sobald er ihn betrat, sein Kunstgefühl zu wärmen. Die grossen Worte: Ideal, Helldunkel, Schmelz und Kraft, die leider überall, Von Leipzig bis Paris, uns um die Ohren schwärmen, Durchwirbelten die Luft, vom nächsten Wiederhall Zum fernsten, wie ein Feuerlärmen. M e i n Auge galt ihm nichts, es musste nach dem Staar Des s e i n e n duldsam sich bequemen, H i e r Venus und Adon für unser älteren-Paar, D o r t das verbuhlte Weib des Königs Potiphar
Für ein Marienbild zu nehmen. Zog Herrmanns Schlacht und Sieg, von Rubens deutsch
und frei,
(Gleich unsrer Nation, in halb verschossnem Lichte) Den Kenner an, und zog gleich einem Schandgedichte Die Nacht des Bluts und der Verräterei Des niedrigsten gekrönter Bösewichte, Als Gegenstück kaum meinen blick herbei, So fragt' er mich, ob eine Weltgeschichte Von überschwenglicherm Gewichte
Als Galliens Annalen sei? Zog d o r t auf Heinrichs Stirn das himmlische
Entzücken,
Ein Volk, das ihn verwarf, vergebend zu beglücken – Zog Ludwigs1 edle Bildung h i e r , Der sein ererbtes Reich, (ihm lohne Gott dafür!) Statt mit Trophäen es zu schmücken, Mit festen Strassen, – schönen Brücken Verherrlichte, des Auges Neubegier, Auf ihre Glorie zu blicken: So jauchzte mein Kompan, und sein Gehirn kam schier In die Gefahr sich zu verrücken, So sagte mir sein Händedruck, wie gut Ihm der Gedanke tat, die Schelsucht eines Deutschen Durch den, einst nur dem Ruhm und nur dem
Heldenmut
Geweihten Lorbeerhain der Gallier zu peitschen, In dessen Schauer jetzt, abschreckend wie die Brut, Die nur von Moder lebt, der Ahnen-Dünkel ruht. Kraft seiner Eigenschaft, das Schöne zu bemerken, Sah er mich höhnend an, wenn ich der Schwermut
Hang
Mich überliess, die sanft aus Poussin's Meisterwerken Dem Mitgefühl entgegen drang, Und bot mir seine Hand, um mich zum Uebergang Nach Watteau's Maskenball zu stärken, Und kroch drauf mit Lebrün dem Dragonaden-Zug Des Feldherrn nach, der, gläubig-aberklug Vom Sonnenstich, im Namen Gottes Den Nussstrauch um die Spur der Ketzerei befrug, Und die sein Schwert nicht traf, mit Wünschelruten
schlug;