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wie eine grosse Smaragdschaale, meinen frohen Blicken entgegen. Aus seiner Tiefe stiegen drei ungeheure Bogenmauern in die Höhe, die das Schiff und den Kanal gleichsam in der Luft forttrugen, indess senkrecht unter uns ein Fluss rauschte, eine Heerde Schafe an seinem Ufer weidete, und eine Gruppe lustiger Mädchen sich, ohne Furcht vor unsern Ferngläsern, zum Baden anschickte.

Das süsse Lebensgefühl, das in dem Herzen eines

auch noch so Unempfindlichen aufwallen muss, der diess fortlaufende reiche natur- und Kunstgemälde zum erstenmal erblickt, und das jetzt glänzend aus meinen Augen hervorleuchtete, machte mir die ganze Gesellschaft geneigt, so wenig meine Bewunderung auch Bezug auf sie hatte. Alle setzten bei mir voraus, dass ich von Barke zu Barke bis nach Toulouse fahren, und auf der Route bei St. Feriol aussteigen würde, um den grössten bekannten Trichter der Welt zu betrachten. Er schwebe, erklärten sie mir, zwischen drei Bergen, wie aus Felsen gegossen, und entalte andertalbmal die ganze Masse Wassers des, vierzig deutsche Meilen durchfliessenden Kanals, um ihn nach den sechs Ablass und Feier-Wochen, die man jährlich seiner Reinigung und Ausbesserung widme, wieder zu füllen. Diese Mitteilung werde mit hülfe dreier metallnen Hähne bewerkstelliget, die, wie an einer Teeurne, sich aufdrehen liessen, und jenem Wassermagazin der erlittene Abgang durch mehrere ihm zugeleitete Bäche in einigen Tagen wieder ersetzt. "Und wer," fragte ich, "war der Erfinder und Schöpfer dieses erstaunlichen Menschenwerks?" "Ein Landsmann und Zeitgenosse des berühmten Pelisson, und nicht nur zur Ehre, sondern auch zum glücklichen Gewinnst für uns," riefen sie alle mit innigem Wohlbehagen, "ein gemeiner Gärtner von Beziers, denn der brave Mann liess absichtlich den Kanal einen Umweg nehmen, um seiner Vaterstadt ein grossmütiges Andenken zu hinterlassen. Wäre er gleich nicht in Narbonne geboren worden, werfen ihm die dortigen neidischen Einwohner vor, so konnte er doch als Bürger des staates, dem er zuerst angehörte, ihm mehrere Millionen ersparen, wenn er dem wasser, das er in Beziers gezwungen war durch Kunst in die Höhe zu treiben, ein neben uns, schon von den alten Römern hierzu eingerichtetes Flussbette angewiesen hätte. Das ist wohl wahr, stimmten sie alle ein, aber was geht einen Bezierser der Staat an?" "Ach!" seufzte ich heimlich, "so hat denn auch jenes grosse Genie, das nur zufällige Geburt in diesen Winkel verschlug, der kleinstädtischen denkart untergelegen, die hier lokal ist! – Auch Fauquets Freundist es möglich," verwunderte ich mich etwas zu laut, "der rechtschaffene Pelisson wäre hier geboren?" "Ja wohl," übernahm der Fähndrich die Antwort, "das hiesige Klima scheint ganz besonders geeignet, vorzügliche Menschen zu entwikkeln." Ich sah ihn bedenklich an, dachte an den Notar, an den Wirt zum Ortolan, und schwieg.

Desto tiefer bückte sich mein zagender Genius vor jenem Mutigen, der diesen künstlichen Strom ausgoss. Der Gedanke an den Umfang, an die Schwierigkeiten seines herrlich ausgeführten Plans, spannte meine Neugier nur noch höher auf diesen seltenen Sterblichen. Der Freibeuter empfahl sich dadurch sehr bei mir, dass seine geläufige Zunge mir so viel von dessen geschichte, als er nur selbst wusste, mitteilte. Wie rührte es mich, alle die Kräfte in dem kopf eines Mannes ohne gelehrte Erziehung vereinigt zu sehen, die erforderlich waren, um das Zutrauen des klugen behutsamen Colbert zu diesem ungeheuern Unternehmendie Zustimmung des Königs zu zwanzig Millionen Aufwand, und einen so vollkommenen Sieg über ein Heer von Gegnern und Neidern zu gewinnen. Der Edelsinn Ludewigs erhob mir das Herz, der den Erfinder nicht würdiger zu belohnen wusste, als mit dem vollendeten Werke selbst, das seinen Nachkommen, den jetzigen Grafen von Caraman, jährlich eine halbe Million Einkünfte abwirft.

Diess tatenvolle Leben beschäftigte meinen Entusiasmus selbst noch in Somailles, wo wir zur gesetzten Zeit anlangten.

Es segne, es segne sein dankbares Land

Den Namen Riquetund Welt und Nachwelt ver

ehre

Den Helden, dessen wohltätige Hand

Zwei ferne, fremde, tobende Meere

Friedlich mit einander verband!

Die aufgeschreckte natur warf mit gigantischem Zorne

Felsen, Wälder und Seen in seine romantische Bahn;

Das scheue Chor der Oreaden entrann,

Als er das grosse verworrene

Rätsel zu lösen begann.

Auf dreissig Stufen vom mann zum Greise

Erschritt er den letzten entscheidenden Tag,

Er rief dem wasseres kam, es floss im sichersten

Gleise,

Und Gondeln flogen zum Ziel der neu erfundenen

Reise,

Berg auf und Berg unter, dem Boot ihres Anführers

nach.

Da blickte sein Auge zu Gott, und sieh! dem menschli

chen Fleisse

Ward göttlicher Lohn; es blickte noch einmal, und

brach.

Ja, Freund, es brach, kurz nachher, als er von seiner ersten Probefahrt zurückgekommen war, und die meinigen feuchteten sich an, als ich's hörte.

Sollte wohl für Reisende irgendwo in der Welt besser gesorgt sein, als auf diesem prächtigen Kanal? Ich glaube kaum. Denn ungerechnet, dass man hier keinen Staub zu verschlucken, für grundlose Wege kein Pflastergeld zu bezahlen, die Grobheiten der Postknechte, den Umsturz des Fuhrwerks und Langeweile so wenig zu befürchten hat, als Zeitverlust, so irrt noch überdiess Dein Auge, wie in einer Gallerie von Claude Lorrain, von einer schönen Landschaft zur andern. Dein Körper schwimmt in dem behaglichsten Gefühl. Für Deinen Gaumen wird schon von weitem das beste Geflügel mürbe gekocht, und geistiger