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Nacht ausbliebe.

Indem streckte mir ein armer in Ruhe gesetzter Soldat seine dürre Hand nach einem Allmosen entgegen. Sein altes, offenes, ehrliches Gesicht brachte mich auf den Gedanken, ihn zu meinem Botschafter zu brauchen. Nun war er freilich auch lahm dabei, aber nicht so sehr, um einen Weg nach dem wirtshaus zu scheuen; denn er übernahm meinen Auftrag sehr gern und um so williger, da ich auf einer Visiten-Karte, von der ich ohnehin weit entfernt war in Beziers Gebrauch zu machen, für den Ueberbringer einen gleich zahlbaren Wechsel von vier und zwanzig Sous auf meinen kammer-Kassirer trassirte.

Ich habe schon grössere für kleinere Bemühungen an weit lahmere Geschäftsträger ausgestellt, ohne nur halb so viel Provision dabei zu gewinnen, als dieser mir abwarf. Das freundliche dankbare Auge des armen Invaliden für den geringen Verdienst, den ich ihm zuwendete, leitete auch das meine gegen Himmel zu jenem grossen Banquier, bei dem ich ja, mit Allem, was ich habemit dem reichlichen guten Brote, das ich verzehre, so wie mit dem wenigen schwarzen, das ich dem Hungerigen breche, in Schuld stehe.

Diese vorüberfliegende Empfindung, die eigentlich jeden heller und Groschen begleiten sollte, den wir ausgeben, machte mich in diesem Augenblick reicher und froher, als wenn mir jemand die ächte Venus geschenkt hätte, vor der ein Beherrscher der Welt den rücken bog. Das Fahrgeld für die erste Station nach Somailles betrug, selbst den Wechsel dazu gerechnet, so wenig, dass ich schwerlich eine andere siebenstündige Zerstreuung wohlfeiler hätte erkaufen können. Meine Unterhaltung in der ersten Stunde möchte ich gern, wenn es nicht zu eitel klänge, auch für die beste halten, denn sie entspann sich in mir selbst. Die mitschiffende Gesellschaftaus Lappen von verschiedener Güte und Farbe zusammen gesetzt, und die Du mir wohl nicht zumuten wirst in eine Musterkarte zu bringen, warf dem Ausländer, ehe sie ihn angriff, erst Leuchtkugeln in das Nest, um ihn aufzujagen. Jedes reichte aus seinem Vorrat dem andern ein Stückchen gefärbtes Glas oder Rauschgold zu, um den Ehrenkranz des gemeinschaftlichen Vaterlands noch höher zu schmücken.

Ich gab für die Lust, die sie dadurch mir machten, ihnen dagegen auch gern mein Erstaunen zu i h r e m Spielwerke preis, und so war mit wenig gesellschaftlicher Falschheit beiden Teilen geholfen.

Ein jubilirter Fähndrich eines längst verschollenen Freikorps war der erste, der mir auf der Bank mit dem Uebelgeruch seiner hörnernen Dose und einem Missklang deutscher Worte näher rückte; die einzigen Ueberreste seiner Beute aus dem siebenjährigen Kriege. Trotz ihrer Verstümmelung gaben sie mir doch, so gut als Gresset's Vert-vert, und bestimmter als es der Redner wohl selbst glaubte, den gesellschaftlichen Ton seiner g r o ss e n Verbindungen in Deutschland so treu wieder zurück, dass mir die Ohren weh taten.

Er gedächte noch mit Entzücken, schwor er mir zu, seiner Rasttage zu Meissen, Dresden, in dem Plauischen grund und auf dem weissen Stein. Desto unerwarteter, obgleich sehr lieb, war es mir, von jemanden, der die Vergleichung machen konnte, zu erfahren, dass ich mich ganz in der Nähe einer Augenweide befände, die nicht nur jene, wie er sich ausdrückte, nicht übeln Gegenden meines Vaterlands, sondern die prächtigsten sogar seines eigenen, weit hinter sich liesse, die malerische nämlichunglaublich schöne Aussicht, die ein Bischof von Beziers auf der Terrasse seiner herrlichen Residenz genösse. "Das ist viel gesagt," entwischte mir, indem ich im geist jene Prunkgefilde der natur und mein unvergessliches Sonnental überblickte. "Nun so gebe ich mich," erklärte er mit militärischem Anstand, "nicht eher zufrieden, bis Sie mir Ehre und Augen verpfänden, dass Sie Sich selbst überzeugen wollen, wie viel zu wenig ich noch gesagt habe." Um so ein Versprechen lasse ich mich nicht lange bedrohn. Ich wiederholte es ihm in der Folge noch einmal, weil mir sein fortwährender Bombast über denselben Gegenstand in der Länge verdriesslich ward. "Morgen, wenn ich von meiner Spazierfahrt zurückkomme," sagte ich, "soll gewiss mein erster gang nach der bischöflichen Burg sein." "Setzen Sie ihn nur noch einen Tag weiter hinaus," suchte er mich zu bereden, "so bin auch ich wieder zu haben, begleite Sie, und besuche zugleich den dortigen Kastellan, meinen leiblichen Vetter, der sein Trinkgeld sauer verdienen soll, dafür stehe ich." Es tat mir wohl leid, dass mir meine ohnehin zu lange verschobene Abreise von Beziers nicht erlaubte, sein höfliches und so vorteilhaftes Erbieten anzunehmen; beinahe aber tut es mir noch weher, der schönen natur eine neue Gunstbezeugung abzulocken, die den Eindruck aller jener verwischen soll, an denen mein Herz noch jetzt mit der treuesten leidenschaft hängt; indess tröste ich mich mit meinen unersättlichen Augen, die noch überdiess zu Pfand stehen. Williger stimmte ich in die Lobrede ein, die der Schwätzer dem Kanal hielt, gab gern zu, dass Deutschland dergleichen nicht aufzuweisen habe, und fand wirklich die Stellen, die er mir im voraus mit Wortgepränge ankündigte, trotz der dadurch gestörten Ueberraschung, jedesmal merkwürdiger noch, als ich erwartete. Das erste Wunder, das ich anstaunte, war ein ausgebrochener Felsen, Malpas genannt, über dessen rücken Lastwagen rasselten, während die Barke unter seinem kühlen, dämmernden, hohen Gewölbe hundert und zwanzig Toisen auf das lieblichste fortschlüpfte. Einige Stunden nachher warf sich ein reizendes Tal,