so lange durch seine schamhafte Verhüllung gequält hat. Es liegt vor mir in seiner ganzen weitläuftigen Nackteit. Und ich – wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da, habe nicht das Herz, noch einmal hinzublicken, lache bitter und befrage mich: Diess wäre S i e , die jedes Herz erweichet, Den Wachenden entzückt, den Schlafenden erweckt, Die Göttin, die mir noch den besten Kelch gereichet, Nachdem ich alle durchgeschmeckt? Bei allen Heiligen, die jemals mich geneckt, Bei Lady Baltimor, die der Madonna gleichet, Bei Margots Reiz, der sich nicht minder unbefleckt, Gleich einer Lilie, die Zephyr aufgedeckt, Stolz aus dem Nebel hebt, der nach den Tälern streichet, Schwör' ich – Es ist die Braut! vielleicht nur zu korrekt Nach der natur gemalt, – denn was hier strotzt und
bleichet,
Hält Venus zu Florenz mit scheuer Hand versteckt; Die Braut ist's, die im Drang, der aus der Brust ihr
keuchet,
Matt wie der Tauben Paar, das ihr zu Füssen schleichet, Die arme nach Erlösung streckt. Getroffner hat noch nie mich ein Portrait verscheuchet Und ein Original erschreckt. Doch, dass verständlicher noch die Verlockung werde, Winkt, so wie ehedem dem Wandrer zur Gefährde, Zu ihrem Rätselspiel, die frevelhafte Sphinx, Hier zu fast gleichem Zweck mit listiger Geberde Ein blinder Junge dir, dem links Die Rüstung Amors liegt – und nun mit gelber Erde
Gleich drunter: Titianus pinx.
Hätte mich nicht Zeit und Erfahrung gelehrt, Meister meiner ersten Hitze und meines spanischen Rohrs zu werden, ich weiss nicht, wie es dem geschwornen Notar ergangen wäre. So aber liess ich es bei einem verächtlichen Blicke bewenden, den ich von der Betrachtung dieser untergeschobenen Venus ausdrükklich für ihren leiblichen Vater aufgehoben hatte. Der Betrug ist zwar grob, berechnete ich in der Geschwindigkeit, den der Unverschämte dir zu spielen gedachte, dafür ist er aber auch, genugsam zwar noch lange nicht, durch den Aufwand von der teuern Chokolate bestraft, um die er sich nun aufs kläglichste in seiner Bettelwirtschaft geprellt sieht. Wohl gar, ging mir ein schreckliches Licht auf, stellte er dir nur d a r u m frei, einige Stunden allein mit dem verschossenen Original zuzubringen, um gegen ein tüchtiges Schaugeld die Aehnlichkeit der Kopie desto besser vergleichen zu können; denn der Kerl ist gewiss jeder Bosheit fähig. In zornigem Stillschweigen nahm ich meinen Hut von der Wand, stäubte ihn ab, während er, ohne dass ich darauf achtete, den Kaufpreis seines Ungeheuers von einem Tausend Livres zum andern heruntersetzte, und eilte, weniger über seinen doppelt misslungenen scheusslichen Versuch, als über meine Leichtgläubigkeit aufgebracht, die Treppe hinab, denn ich Stubengelehrten ein solches Fideikommiss, wenn eins hier vorhanden gewesen wäre, wenigstens eben so gern einer Anzeige würden gewürdiget haben, als jene ruchlose Sentenz. Am längsten schlug sich meine bittere Laune mit dem Tüncher herum, der sich erfrecht hatte, den Namen jenes glorreichen Malers auf seinen Schmierlappen zu prägen.
"Du," rief ich mit geballter Faust in die Luft:
"Du, der des Löwen Haut gleich jenem Esel stahl,
Der dennoch blieb, was er gewesen,
Du Schöpfer meiner Augenqual,
Wird je dein Name laut, so sei's im Hospital,
Wo du für dein Gebild die Farben aufgelesen.
Es leihe als Symbol von ihrem Hochzeittag
So lange Trost der männertollen Dirne,
Bis ein verschobenes Gehirne
Den ekeln Brautschatz heben mag.
Erwarte nicht, o Tor! dass deine kranken Tauben,
Die man zu gut an ihren Federn kennt,
Ein Körnchen je des süssen Weihrauchs rauben,
Der auf dem Herd der Liebe brennt!
Wird wohl ein Wurm wie du, der nach Cyterens Insel
Verweht, ein welkes Blatt aus ihrem Kranz erschleicht,
Ein Genius, dem gern und aus Gefühl vielleicht
Sein Kaiser tief gebückt, den leicht entschlüpften
Pinsel
Zum letzten Schattenstrich des Kleinods wieder reicht,
Das alle andre hebt, wenn's gleicht?" –
Tat ich wohl klug, dass ich noch Galle zu dem
Höllengetränke mischte, mit dem der Fidei-Kommissar und seine, zu einigem Trost der Durchreisenden, e i n z i g e Tochter meine Augen zu bestechen hofften?
Mein armes, diessmal wider Verschulden, gepeitschtes Blut war darüber in eine Wallung geraten, die mir keine Ruhe verstattete.
Schon seit einer Stunde ausser dem Tore meiner unglücklichen Einfahrt hatte ich bereits einen halben Cirkel um das dumme Städtchen geschlagen, als ich gegen alle Erwartung auf einen Punkt stiess, der mich fest hielt.
Ein grosser menschlicher Gedanke mit genialischer Kraft ausgeführt – eins der vielen Wunder des Kanals von Languedoc, lag gerade vor mir. Ich sah ein Postschiff unter meinen Füssen anschwimmen, das, um seinen Lauf in der höhern Landschaft fortzusetzen, zwei und siebenzig Ellen bis zu meinem Standpunkte heraufsteigen musste, welches durch sieben Schleussen, die das wasser zu so viel Stufen anschwellten, in wenig Minuten bewerkstelliget wurde. Während ich nun zusah, wie viele verdriessliche Gesichter die Barke aussetzte und wie vergnügt die schienen, die sie dagegen einnahm, und bei einem Hinblick auf die Stadt, das eine wie das andere Phänomen sehr begreiflich fand, fuhr mir die Frage durch den Kopf, ob ich nicht auch klüger täte, die Verdauung der doppelten Vanille auf einem schaukelnden Schiffchen, als in einer Kneipe abzuwarten, wo man Sperlinge für Ortolane gibt? Ich hatte nichts triftiges dawider einzuwenden, als etwa die Besorgniss Bastians, wenn ich über