seine Augen, noch sein Gedächtniss, unterstützten meine Anrede. Er nahm mich immer für einen andern.
Ein nobles Invaliden-Chor
Hochwürd'ger Blinden, stiftsgerechter Lahmen
Belagerte sein steiles Ohr.
Der innre Schall so werter Namen
Liess nie den Silberklang des meinigen hervor.
Zuletzt gefiel's ihm gar ein Bildniss auszukramen,
Das schon zu Plattner's27 Zeit Farb und Gestalt verlor,
Er passt' es schlau in meinen Rahmen,
Und krähte mir mit heisrer stimme vor:
Ja, beim Merkur, du bists! Sind etwa deine Damen
Auch von der Reise mit, Signor?
Dieser heidnische Schwur, der nirgends gefährlicher klingt, als in Montpellier, erschütterte mich beinahe so sehr, als mich die Verwechselung demütigte, die er mit meiner person vornahm. Ich gab es schon ganz auf, mich ihm kenntlich zu machen, und sah mich nach der Tür um, als sein Kammerdiener uns mit einem sympatetischen Mittel zu hülfe kam, das ich mir merken will. Auf seinen Ruf in das Nebenzimmer trat ein junges freundliches Mädchen herein, legte ihr Strickzeug auf den Tisch – liess sich den Vorfall erzählen – bat um meine Karte – hielt sie ihm mit der einen Hand vor die Augen, und legte die andere in die seinigen. Seit Strassburg ist mir nun zwar aller tierische Magnetismus verdächtig geworden, aber hier musste ich, zu meinem Erstaunen, eine Ausnahme machen; denn kaum hatte er seine abgestorbenen Finger an der Hand des jungen Mädchens erwärmt, so kam auch seine Sehkraft zurück – er las meinen Namen ganz fertig, und "Ja" rief er frohlockend aus:
"Ja, nun erkenn' ich Sie – und Ihre Wangen sind
Den Rosen gleich, die sich entfalten:
Doch, mein Exempel lehrt, wie jämmerlich geschwind
Auch Rosen – vor der Zeit veralten.
Ihr Vater? lebt er noch? Das war ein Mann! Er hat
Mit mir studiert. – Beglückte Zeit! – Wir wussten
Sie auch zu brauchen, Herr! Kein Mädchen in der
Stadt,
Das wir nicht kannten – Trauseat
Cum caeteris! – Jetzt kommt mein Husten."
Er kam geschwind, dauerte aber desto länger. Unterdessen unterhielt mich das elektrische Mädchen. – "Ich bin," sagte sie, "die Tochter vom haus. Wir leben von den kranken Fremden, die bei uns einziehen. Der Medikus des alten Herrn" – mit Vergnügen hörte ich, dass es mein Doktor war, "empfahl, da nichts helfen wollte, ihm die Berührung eines siebzehn- bis achtzehnjährigen Mädchens – liess mich rufen, und der Versuch gelang zum Verwundern ..." "Und bloss mit der Hand?" fragte ich. "Ja, mein Herr, wie Sie gesehen haben. Seitdem sitze ich immer in der Nebenstube, um gleich da zu sein, wenn etwas vorfällt, wozu er sein Gesicht und sein Gehör braucht. Der Herr hat mich auf ein halbes Jahr gemietet – aber der Arzt zweifelt, dass er die Mietzeit aushalten werde. Es sollte mir leid tun; denn mein Dienst ist leicht und einträglich." "O, bei einer so eigenen Kraft," tröstete ich sie, "darf Ihnen nicht bange sein! Geschwächte Reisende gehen hier nicht aus, und der Herr Doktor wird schon weiter für Sie sorgen." Mein alter Freund, da sein Husten vorüber war, suchte nun sein abgelebtes Talent hervor, mich à mon aise zu setzen. Das schöne Mädchen musste ihm zum zweitenmal ihre hände Preis geben, ehe er die Zunge bewegen konnte. Er mochte wohl den mitleidigen blick, der i h r galt, auf sich ziehen. "Ja, da sehen Sie, junger Herr, wie weit es mit mir gekommen ist. Der Doktor hat mir hier ein erwärmendes Mittel verordnet, das zwar einigermassen wirksam – für mich aber bitterer ist, als kein anderes. In Gegenwart dieses unschuldigen Kindes will ich mich nicht weiter darüber erklären. Was für eine Krankheit hat Sie denn hieher gebracht? Hypochondrie, sagen Sie? O da sind Sie gegen mich noch zu beneiden – die kommt von den Studien, hebt sich wohl noch, und lässt keine Reue zurück; wenn man aber, wie ich, funfzig Jahre alle schulen des Hofes durchgelaufen, und in jeder die Gifte verschluckt hat, die ihnen eigen sind, da will ich den Arzt loben, der dem Patienten zu helfen versteht. Wem es keine Zufriedenheit gewährt, hinter sich zu blicken, der kann auch nicht mit Hoffnung vorwärts sehen." Doch, um kürzer von dem alten Hektikus zu kommen, will ich zum dritten Male seinen prosaischen Husten in einen poetischen bringen, der doch noch immer leidlicher klingen wird, als jener
"Der Hof," räusperte er sich –
"Der Hof verdirbt uns das Gewissen,
So wie er uns das Blut verdirbt.
Willst Du Dein Leben Dir versüssen,
Die Seele reinigen, so flieh' ihn! Man erwirbt
Auf diesen Bühnen nichts, das nicht mit Gallenflüssen
Errungen wird. – An Händen lahm und Füssen
Hascht man nach dem Genuss – und stirbt.
Ich überschlug zu spät, was mir der Hof gegeben,
Und was sein Dienst mir stahl – und mit erschrocknem
blick
Gab ich seit kurzem ihm mein ungeniessbar Glücke
Zur Wiederkehr in ein verlornes Leben,
Zur Rettung meiner selbst – zurück
Umsonst! Nun sitz' ich hier und kaufe
Die Apoteken aus, und wenn's Gott nicht gefällt,
Dass ich dem grab noch entlaufe,