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Freundschaftstempel bei der Gewissheit eintreten, dass ihre Zurückgelassenen für gleichen Lohn ihre Gastrollen neben an fortspielen würden! Je weiter ich den menschenfreundlichen Anstalten unseres Arztes nachgehe, je philosophischer erscheinen sie mir. Indem der Anatom in gutmütiger Erinnerung auf die Knochen derer hinblickt, die noch vor kurzem auf fremde Kosten sich an seiner Tafel des Lebens erfreuten, bietet der Menschenfreund seine hülfreiche Hand auch ihren Söhnen und Töchtern, sorgt, so lange sie in dieser Zeitlichkeit wallen, nicht nur für jede ihrer Befriedigungen, sondern benutzt auch ihr Dasein für andere, indem er an der Gränze, wo die körperliche Heilkunde in die des Geistes übergeht, sie bald als Schildwache gegen einen Feind ausstellt, der die Tiefdenker am liebsten beschleicht, bald sie als Blutigel den Grillenfängern ans Herz setzt, denen, wie mir und dem Lord, durch kein Mittel beizukommen ist, als durch muntere Unterhaltung. Wie unheilbar muss nicht der Kranke sein, den in einem Asyl, wo die Essenzen des gesellschaftlichen Lebens nicht so gäng und gebe sind, als die Waaren der Apoteken, die paar Goldstücke gereuen, die er an eine so glücklich ersonnene, viel versprechende Kur wendetund der es der witzigen, schönen und liebenswürdigen Abendgesellschaft zum Vorwurf macht, dass sie sich wenige Schritte von dem Museum ihn zu erheitern bestrebt, wo ihre Blutsfreunde zergliedertin WachsQuecksilber oder Spiritus vini der Auferstehung warten. Gewiss, lieber Eduard, ist von allen albernen Sophisten derjenige, den Hypochondrie dazu gestempelt hat, der albernste. Mein Gott! sind denn die Erbbegräbnisse hoher Familien nicht gewöhnlich mit ihren Ess-, Tanz- und Redoutensälen unter einem dach? Was würden kluge Hofleute von ihrem Fürsten halten, der sich vor der Asche desjenigen scheuen wollte, der ihm zu seinen gebietenden Einfällen Platz gemacht hat? Müsste nicht eine allgemeine Hemmung der Freude entstehn, wenn Grabhügel unsere über sie hinrauschenden Ergötzlichkeiten aufhalten könnten? – Hätte der Hall, bald aus diesem, bald aus jenem Todtengewölbe, wirkung auf unser Ohrhörten wir immer das schreckliche: Stehe still, leichtsinniger Mensch! rufen. – Du hast mich nicht nach Würden geschätztnicht genug geliebt, als ich noch bei dir warhast mir Unrecht getan, und kannst esWehe dir! – nicht wieder gut machenbeim jetzt modert das Herz, das du gekränkt hast, da es noch fühlen konntedie Hand hat keine Kraft mehr, die ich dir zur Versöhnung reichte, und du stolz von dir stiessest. Du gäbst jetzt wohl die Hälfte deines Lebens für einen Tag, wo du mir die Reue gestehen könntest, die du mir verschwiegstaber die Zeit dazu ist verlaufenwenn solche Klagstimmen aus den Gittertüren der Kirchhöfe unsern Jagden, Spaziergängen und Festen entgegen träten, was, o du barmherziger Gott! sollte aus uns werden?

Der Uebergang von dem gerechten Lobe meines gestrigen Abends zu meinem heutigen Mittagsmahl machte mir die Oelkuchen der Chinawurzel nur noch widriger. Wäre ich verdammt, meine Tage in Montpellier abzuspinnen, so bliebe mir wahrlich nichts übrig, als mich dem Doktor in die Kost zu geben. Brächte mich mein Kouvert vollends neben meine Klientin, so möchte er mich meinetwegen nach meiner irdischen Vollendung so freundschaftlich behandeln, als er wollte.

Dass die Liebe sättigt, wohl zu verstehn, ehe ihre neugierigen Wünsche erhört sind, wusste ich schon lange, dass es sich aber mit der Freundschaft eben so verhält, erfuhr ich erst diesen Mittag. Und wären die Gerichte noch so lukullisch gewesen, ich glaube nicht, dass ich zu ihrem bedächtigen Genusse meine Gedanken hätte sammeln können, so sehr war ich mit der Action und Reaction des Vergnügens beschäftigt, das ich in einer guten halben Stunde bei dem Kammerherrnzwar nicht ganz ohne Furchterwartete; denn ich kenne mich. – Solche freundschaftliche Erschütterungen sind meiner Festigkeit so gefährlich, als die Ergiessungen des Meers einem holländischen Damme, und ich stehe nicht dafür, ob ich nicht des lieben Mannes wegen noch ein paar Tage länger hier bleibe, als ich willens war, und Dich sonach, lieber Eduard, um so viel später umarme.

Nein, Du hast nichts zu fürchten. – Meine Vorklage war vergebens. Der Kammerherr hält gewiss keinen halbwege gescheidten Menschen eine Stunde länger in Montpellier auf, als er dazubleiben gedachte. Das soll das letzte Mal sein, dass ich auf einen alten Freund baue. Ich musste dreimal an das einsame Haus pochen, in das er sich eingebettet hat, ehe mir ein eisgrauer Bedienter die Tür öffnete. Ich hatte alle Mühe, den tauben Kerl zu verständigen, was mein Begehr war, und es vergingen zehn Minuten, ehe er von der Botschaft an seinen Herrn zurückkam, und mich einliess. Mein erster blick, der gerade auf den Armstuhl fiel, auf welchem, statt des liebenswürdigen Mannes, den ich suchte, ein Greis in Kissen versunken lag, belehrte mich schon ziemlich von dem grossen Rechnungsfehler, in den ich gefallen war. Konnte ich mir denn nicht an den Fingern abzählen, dass jene, seit unsrer Trennung verlaufenen Jahre, die schon mich zu drücken anfangen, ihn ganz niedergebeugt haben würden, – dass ein Mann, der schon von weitem herkam, als wir auf unserem Wege zusammentrafen, ungleich kraftloser und ermüdeter sein müsse, als ich? Ach, dieses schöne Exemplar eines wohl stilisirten Hofmanns lag jetzt wie ein alter Taschenkalender da, an welchem die Vergoldung verwischtund der Einband verschrumpft ist. Ich näherte mich ihm; aber weder