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, wo er sie fand. Was bekümmert sich eine Neuigkeitskrämerin, die oft im Angesichte ihres Beichtvaters ihrer Nachbarin bald diese bald jene nachteilige geschichte, die man ihr von dieser und jener erzählt hat, ins Ohr raunt, was bekümmert sie sich um sein altes Evangelium und die verläumdete Unschuld der Batseba? Sage Er ihr lieber selbst den Sonntag darauf in öffentlicher Versammlung, was ihre Zunge Böses gestiftet und für unheilbare Wunden geschlagen hat. Die gewöhnliche Sentenz des Verläumdersdie schon manche reine Tugend getrübt, manches Glück zu grund gerichtet hatdie einzigen fein vergifteten Worte: "Etwas mag wohl daran sein!" könnten ein reichhaltiger Text zu einer allgemeinen Erbauung werden. O ihr, die ihr oft mehr aus Leichtsinn oder übler Laune, als bedächtiger Bosheit, durch gehässige Nachreden meinem empfindlichen Herzen blutige Tränen abgepresst habt – o könnte mein Tagebuch, wenn es je unter eure kritischen Augen geraten sollte, euch doch auf allen Blättern belehren, dass ihr wider Rechte verstosst, die auch euch zu Gute kommen, wenn ihr das schillernde Licht, das oft Zufall und Umstände über den besten Menschen verbreiten, zur Grundfarbe seines Charakters macht. Armes, gutes Kind! das mir ein missmütiger Mannohne zuvor der Entstehung des Gerüchts, das ihn irre leitete, nachzuforschen, – als Kindermörderin bezeichnete. Etwas Wahres muss doch daran sein! Ja, das ist es auch! aber dieses Etwas ist die unschuldigste Sache von der Welt. Das Mädchen war zwölf Jahr alt, als der freundschaftliche Arzt von dem Tage an, da ihm die Haut der Mutter kontraktmässig zufiel, sich väterlich der Verwaisten annahm. Es fehlte ihr nichts zu einer vollkommenen Schönheit, als dunkles Haar, weisse und gesunde Zähne, und er nahm das eine und das andere von einer entaupteten Kindermörderin, schmückte seine Pflegetochter mit jenen braunen Lokken, die so malerisch an ihrem weissen Nacken herabrollen, und pflanzte statt schwarzer Stifte reine Perlen in ihren Mund. Tat er unrecht daran? Ist es etwa menschlicher, wenn andere in demselben Fall ihr Gebiss von mehrern Savoyarden zusammenkaufen, und mit dem Elfenbein der armen Jungen auf Eroberungen ausgehen? Würden wohl die Geschichten aller der Haartouren auf unsern vornehmen Dummköpfen erbaulicher ausfallen, wenn sie eben so bekannt wären, als die eben erzählte? Der Arzt, behaupte ich, hat das liebe Kind nicht nur schöner, als es vorher war, sondern auch fester für ihre Tugend hergestellt. Denn ward jene Unglückliche, die vielleicht aus Verzweiflung ihr Kind mordete, des Beispiels wegen hingerichtet, welche Reliquien könnten rührender an das Herz sprechen? Welche Warnung könnte ein unbefangenes Mädchen vor dem ersten Fehltritte kräftiger sichern, als der Nachlass einer so tief Gefallenen, den es als seinen täglichen Schmuck trägt, mit dem es jeden Morgen vor seinen Spiegel tritt? Der ausgelernteste Verführer würde schwerlich Lippen erreichen, die Kleinodien von so magischen Kräften bedecken. Ich würde den Spötter aufs Maul schlagen, der aus diesen, dem lieben kind zugefallenen höhern Reizen die Bemerkung ziehen wollte, dass man, mit der seltensten Mühe sogar, nicht einmal aus zwei weiblichen Geschöpfen ein ganz unberührtes ächtunschuldiges zusammen zu setzen vermöchte. Es wäre nichts, als ein boshafter Einfall. Nach ernster Erwägung eines richtigen Verstandes sind die Spiele des Verführers mit den Locken der ersten Eigentümerinsind die Perlen, denen seine Falschheit huldigte, rein durch den Tod, dem er die Betrogene überlieferte, abgewaschen. Die Reize dieses Naturschmuckes sind, zu Erweckung edler Triebe, auf die neue Besitzerin übergegangen. Die Schuld und das Unglück, die sie ehmals befördern halfen, bleibt allein an der Seele des Verführers ein unauslöschlicher Makel. Ist unser Herz einmal einer unwahren Beschuldigung auf die Spur und in den Fall gekommen, der Verläumdung ein unschuldiges Opfer abzukämpfen, so dünkt man sich gross, bekommt Mut, und macht es sich zum Gesetz, keine üble Nachrede zweifelhaft auf sich beruhen zu lassenkeinem gegenstand, der eines Beschützers bedarf, Bequemlichkeit halber aus dem Wege zu gehen. Darum, und damit Niemand meinem Tagebuch den Vorwurf mache, als habe es das milzsüchtige Geschwätz des Lords nur noch weiter verbreitet, soll mich die Mühe nicht verdriessen, die bessern Gedanken näher zu entwickeln, die mir gleich Anfangs unser freundschaftlicher Wirt und seine Tischgenossen einflösstenund den einen wie die andern mit der Wärme eines jungen Advokaten, der seinen ersten Prozess gewonnen hat, in Schutz zu nehmen. Warumwenn es nicht aus Nationalhass, dem unbilligsten von allen, geschahergoss der Engländer so viele Galle über die anatomischen Leibrenten des französischen Arztes? Verdienen sie nicht eher Lob, als Tadel? Ist es denn nicht menschlicher berechnet, einem Armenstatt ihn verhungern zu lassendas Kapital seiner Erhaltungauf die sicherste Hypotek, die ein Mensch verlangen und geben kann, vorzustrecken, und die Schuld bis zu dem grossen Zahlungstermin zu fristen, wo die natur die ihrige einfordert? Kann wohl leichter Gesellschaftston, ungezwungener Umgang, die sonst zwischen Schuldnern und Gläubigern nicht eben gewöhnlich sind, sicherer in Schwung gebracht werden, als durch einen solchen Kontrakt, der beide Teile so genau mit einander verbindet? Handelten diese Verkäufer ihrer selbst, die gewiss zu ihrer Zeit fröhlicher, als mancher Fürst neben seinem Erbprinzen, bei Tafel sassen, etwa desshalb unmoralisch, dass sie ihre toten Reste lieber ihrem Wohltäterder Wissenschaft und dem gemeinen Besten Preis gaben, als den Würmern? Wie froh verlebten sie ihre zugemessene Zeit auf dem Schauplatze der Welt, wie sorgenlos konnten sie in den