mit demselben unregelmässigen Flug zurückkommen. Genug, ich gab mich ihnen ganz hin, und dankte Gott, dass die Milzsucht nicht so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen hatte, als bei dem Engländer. Seine fünf Louisd'or für die Aufheiterungskur dieses Abends waren geradezu verloren. Er ass und trank nicht – stocherte in den Zähnen, und überhörte die witzigsten Aufforderungen, die an ihn ergingen. Wenn er sich ja einmal zu einer Antwort herabliess, so schickte er immer ein Wort voraus, das einem französischen Ohre höchst widerlich klingt – ein fatales au contraire, das nirgends hinpasste. Als wir gegen Mitternacht vom Tische aufstanden, war er der erste, der nach seinem Hut lief, und sich mit einer trockenen Verbeugung entfernte. Es ärgerte mich die ganze Treppe herunter, dass auch ich mich durch sein Beispiel übertölpeln liess, dieser lieblichen Gesellschaft, die jetzt am allerwenigsten Lust zu haben schien, sich zu trennen, so zeitig den rücken zu kehren. Kaum befanden wir uns auf der Gasse, so schüttelte er mich, um seiner bösen Laune Luft zu machen, beim arme. – "Wie gefällt Ihnen, mein Herr Fremder, der Zeitvertreib in Montpellier?" "Nicht besonders," erwiderte ich etwas verlegen, "wenn ich den heutigen Abend ausnehme." – "Den wollen Sie ausnehmen? Nun Gott verdamm mich, da besitzen Sie mehr Toleranz als ich. Wissen Sie, mit welchen Menschen wir eben diesen Abend vergeudet haben? Mit den würdigen Nachkommen eines Gesindels, das unser Herr Leibarzt auf Unkosten der Fremden zu tod gefüttert hat, weil es sich – wie jetzt seine Söhne und Töchter – bei lebendigem leib, für dergleichen Soupers, zur Anatomie verkaufte, und jetzt, kraft dieses schönen Kontrakts – als Gerippe in seinem Tempel der Freundschaft aufgestellt ist." "Um Gottes Willen, Mylord!" fiel ich ihm in die Rede, "sollte auch so eine Handelsspekulation möglich sein, so ist es doch nicht glaublich, dass Kinder neben einem Saal, wo die irdischen Reste ihrer älteren aufbewahrt sind, schmausen würden." "Glaublich oder nicht," tobte er fort, "genug es ist wahr. – Hätten Sie nur, wie ich, jenes Panteon gesehen." – "Ja, das hab' ich." – "Nun so können wir deutlicher davon sprechen. Der feine Herr, mir gegen über, der bald die Freuden des Lebens, bald das Glück eines empfindsamen Herzens auf der Zunge trug, ist der Sohn eines verdorbenen Kaufmanns, dessen ausgespritztes Gehirn nur durch die Saaltüre von dem seinigen getrennt war. Das Mädchen, das zwischen uns sass, ist die Tochter der ausgestopften Advokaten-Frau, die dort neben einem Skelet kauert, dem Ihre Nachbarin zur Rechten das Leben verdankt, und die Brust, die das naseweise Ding im gelben Schleppkleide gesäugt hat, hängt nicht weit davon in Spiritus vini." – Mir schauderte vor dieser widrigen Sippschaft, während der Engländer mit hohler stimme fortfuhr: "Ja, mein Herr, das nennt der Kerl seine verewigten Freunde, deren Erben sich jetzt, nach demselben Kontrakt, bei ihm gütlich tun. Doch schwöre ich bei Gott, dass es heute die letzten fünf Louisd'or waren, die ich dazu beitrage." "Bei der genealogischen Kenntniss unserer Tischgenossen," nahm ich das Wort, "können Sie mir auch wohl nähere Auskunft über das liebe unschuldige Gesichtchen geben, das an der Seite des Doktors alle andere ausstach. – Ihre braunen Locken – ihre Perlen im mund, gestehe ich, haben nicht bloss meinen Augen zu schaffen gemacht." "Nun so will ich nur wünschen" – schlug er ein Hohngelächter auf – "dass Sie nicht zu sehr erschrecken mögen. Dieses liebe Gesichtchen gehört von mütterlicher Seite – von dieser kann ich nur sprechen, denn die väterliche ist der andern Hälfte selbst ungewiss geblieben – der einzigen Tochter einer wohlseligen Jungfer an, die während ihres schönen Lebens des Morgens Sträusse auf den Stuben herum trug, und deren äussere und innere Teile, mit Quecksilber ausgespritzt, ein ganzes Fach jener freundschaftlichen Sammlung einnehmen, und diese braunen Locken und diese Perlen im mund, so sehr sie Ihnen auch das Herz rührten – sind nichts desto weniger das Haar und die Zähne – einer Kindermörderin." "Nein, Mylord," rief ich mit empörtem Gefühl, "das ist zu arg." – "O ho, mein schwergläubiger Herr," fiel er mir ein, "fragen Sie nur weiter nach. Die geschichte ist so stadtkundig, als alles übrige, was ich erzählt habe." – Unter diesem Gespräch, das mir den Nachgeschmack meines genossenen Abends gar sehr verdarb, waren wir bis vor das Haus gekommen, wo der Lord wohnte. "Verlangen Sie," nahm er mich krampfhaft bei der Faust, "ein treues Mignaturbild von dem Neste, wohin wir verschlagen sind, so bemühen Sie Sich auf mein Zimmer. – Ich will Ihnen die Stelle eines briefes von Jean Jaques an meinen Vater vorlesen, die in wenig Worten alles erschöpft. Dass der Mann den Gegenstand zu schildern verstand, den er einmal ins Auge fasste, ist bekannt. Licht her!" donnerte seine stimme in der Haustüre, und es ward Licht von unten nach oben bis in das sechste Zimmer, wo er endlich verschnaufte. Er holte seine Brieftasche. – Wir setzten uns, und er las: Montpellier est une grande ville fort peuplée, coupée par