Flussgott unter seinen Nymphen, hörte ihr Plätschern – nahm freundlich die Kühle auf, die sie mir zufächelten, und würde meine Augen an dem erstaunlich prächtigen Anblick der Wasserleitung, die vor mir lag, auf das entzückendste geweidet haben, wenn diess herrliche Werk, nach einem geraden Lauf von einer Viertelstunde, nicht den Fortgang des überhingleitenden Blicks durch eine schiefe Wendung unterbräche. Wie empörte sich aber erst mein Herz, als mir mein Führer erzählte, dass diese Krümme durch die schiefe denkart eines der landschaftlichen Deputirten entstanden sei, denen dieser kostbare Bau war übertragen worden. Er besass auf dem Wege, den der Bogengang durchschneiden sollte, einen Oel- und Weingarten, an dem seine niedrige Seele so fest hing, dass er die Rechte des Eigentums auf das unverantwortlichste missbrauchte, und es durch seinen Einfluss in den Beratschlagungen dahin zu leiten wusste, diess Denkmal einer grossen Nation, deren unwürdiges Mitglied er ist, auf immer zu verunstalten. Als ich mich genug ausgelüftet hatte, liess ich mich durch die brennende Sonne nicht abschrecken, über die hohen Arkaden – zwischen den reizendsten Aussichten auf beiden Seiten – bis an den Garten dieses Elenden hinzuschweben. An der Ecke, wo der Bogengang sich zu wenden gezwungen wurde, war ein Pilaster – eine wahre Schandsäule für den Oel- und Weinkrämer, errichtet. Ich machte sie wenigstens dazu, und schrieb mit Bleistift meinen Fluch daran:
Stimmst du, sein niedrig Herz zu kränken,
natur! mit meinen Wünschen ein;
So wirst du nie mit jährlichen Geschenken
Sein tugendloses auge' erfreun.
Was seiner undankbaren Seele
Ermangelt, Reinigkeit und Kraft,
Geist und Geschmack – das fehl' auch seinem Oele,
Das fehl' auch seinem Rebensaft!
Der Zufall begünstigte mich so sehr, dass ich bei der Zurückkunft von meinem hängenden Spaziergange auf den berühmten Arzt stossen musste, den ich suchte. Der Lohnlaquai zeigte mir ihn schon von weitem. Er sass in dem Nymphentempel zwischen zwei artigen Frauenzimmern, denen er, Gott weiss welchen Trost, zusprach. – Ich liess mir eine Audienz von ihm erbitten, die er mir ungefähr wie ein grosser Herr bewilligte, der durch wichtigere Geschäfte zerstreut ist. Denn während ich ihm meine Angelegenheit vortrug, schielte er mehrmal nach dem Sitze, von dem ich ihn aufgerufen hatte. Er hörte mir kaum einige Minuten zu – sah mir in die Augen – befühlte meinen Puls, und als ich ihm mein Bedenken über den Stein in der Leber vorgelegt hatte – lachte er mir gerade ins Gesicht. "Aber, lieber Herr Doktor," bettelte ich ihm vor, "wo glauben Sie denn, dass es mir fehlt? Versagen Sie mir nicht Ihren guten Rat." "Nein," antwortete er, "den sollen Sie haben." Weisst Du, Eduard, worin er bestand? In einigen Versen aus einem französischen Liedchen, die er mir vorträllerte, und die übersetzt vielleicht so lauten würden:
Statt ängstlich deine Uhr zu richten und zu putzen,
Zu spähn, ob jedes Rad leicht in das andre greift,
Und frei um seine Spindel läuft,
Ermuntre deinen Geist, den Augenblick zu nutzen,
Der Zeit, die dir vorüber schweift,
Die schnellen Fittige zu stutzen.
Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, dass
Protogenes, auftrug, die Treue seines Hundes auf einer Votivtafel zu verewigen. Das arme Tier war der Spur seines Herrn nachgelaufen – wie der Mensch seinen Leidenschaften – bis zur völligen Entkräftung, von der er nur mit Mühe geheilt werden konnte. Der Künstler stellte alles der natur gemäss dar – die starren Augen – die blutenden Tatzen – die herabhängende Zunge. Nur der Schaum des heissen Rachens wollte ihm nicht gelingen, so dass er zuletzt aus Ungeduld den Schwamm, mit dem er seinen Pinsel reinigte, gegen das Bild warf. Was geschah? Der Wurf glückte so gut, dass der Maler auf einmal den Schaum natürlich an der Schnauze des Hunds hängen und die Schwierigkeit überwunden sah.
Diess Geschichtchen, lieber Eduard, hat viel ähnliches mit der meinigen. Ich darf mich auch wohl rühmen, die physischen und moralischen Uebel, von denen mich Sabatier und andre gute Menschen heilten, eben so treu nach der natur auf meinem Dir gelobten Votiv-Gemälde geschildert zu haben, als nimmermehr Protogenes die kläglichen Umstände des Hundes auf dem seinigen, bis auf den Stein, den ich, wo nicht in der Leber, doch in der Einbildung mit mir herumtrug. Mit dem, sagte ich immer zu mir, wird es wohl nicht bis zum Malen kommen – und wenn der unter deinen abgeschüttelten Gebrechen fehlt, ist dein ganzes Ex voto nichts wert. Es war die letzte und Hauptschwierigkeit, aber auch sie ist nun, Gott sei Dank, durch den Schwamm gänzlich gehoben, den mir der ungeduldige Doktor an den Kopf warf – denn was könnte jetzt meinem Bilde noch zum endlichen Aufhängen in Deinem Tempel abgehen? So sonderbar auch das Betragen des Mannes gegen den Ernst abstach, den ich an unsern Aerzten gewohnt bin, gestehe ich doch, dass mir die scharfsinnigste entwicklung meiner verworrenen Organe nicht halb so viel Freude gemacht hätte, als es sein Spott tat. Ich konnte nun mit entzückender Beruhigung auf D. Kämpf als einen Ignoranten herabsehen. Von welchem festen Stoff muss nicht meine Lebenskraft sein, da so ein Mann nicht einmal einen Versuch mit ihr machen will! Meine Brust schien mehr Raum bekommen zu haben. Ich wusste nicht mehr, wo die Leber lag, und griff in der freigebigsten Stimmung nach