Merkwürdigkeiten in den Ringmauern der Stadt haben nicht sehr viel anziehendes für mich, ob ich ihnen gleich ihr grosses Verdienst nicht abläugnen will. Sie sind gerade so, wie sie sich für den berühmtesten Stapelort der Medicin schicken. Du findest verschiedene Teater hier – aber nur anatomische und chirurgische – und die herumliegenden Gärten sind weder französische noch englische – sondern botanische. – Die engen Gassen verschlingen sich in einander wie die Gedärme in einem menschlichen Körper. Aus allen Türen und Fenstern tritt Dir ein Apoteker-Geruch entgegen – und auf dem Markte liegen Skelete, die man bleicht. Diese auf das höchste irdische Gut – auf Gesundheit und Leben – berechneten Anstalten machten – ich will nicht sagen meine Hypochondrie – aber doch eine gewisse Besorgniss für meinen körperlichen Wohlstand rege, der ich mit allem Ernst nachging, den die Sache verdient. Ich habe die Regel, die mich in jüngern Jahren auf mehrere Universitäten geleitet hat – von jeder etwas mitzunehmen, wodurch sie sich vor andern auszeichnet, eben so probat auf meinen Reisen gefunden In Strassburg kaufte ich eine kalte Pastete und Strohwein – in Nancy eingemachte Johannisbeeren ohne Körner – zu Auxerre ein Taschenmesser – in Nimes seidne Strümpfe – und ich könnte Montpellier verlassen, ohne mich mit dem Rate eines der grossen ärzte zu versorgen, die hier von ihrem Tron aus ihren Zepter über den halben Erdkreis erstrecken? Würde ich nicht diese Versäumniss zu spät bereuen, wenn mich einmal eine von den ein und dreissig tausend Krankheiten, die, wie ich gelesen habe, dem menschlichen Leben, wie die furchtbarste Armee, gegenüber stehen, zu Boden schlüge? da sie vielleicht heute noch durch die geschickte Hand eines Aeskulap im Keim zu ersticken wäre. Wenigstens will ich mir doch endlich Gewissheit über den Stein in der Leber verschaffen, mit dem mich vor zwei Jahren D. Kämpf so gewaltig erschreckt hat.
Gesunden mag es freilich auffallen, dass hier keine Waare verfertigt wird, die nicht Bezug auf die Verfeinerung der Waffen hat, über die Moliere, selbst in dem Augenblicke, als ihn, bei der Vorstellung des Malade imaginaire, ein warnendes Beispiel! der Tod beim Worte nahm – seinen freigeistigen Spott ausgegossen – – dass hier kein Haus zu finden ist – wo nicht Droguisten – Bader – Professoren und Schüler der Heilkunde wohnen – dass man selbst in Gastöfen nur Kräutersuppen zu essen bekommt, und sogar das hiesige Meer, nach meiner Bemerkung von heute Mittag, keine Austern darbringt, die nicht mit kleinen Seespinnen wie mit Schröpfköpfen besetzt und mit Sedativ-Salz geschwängert wären. Aber einem Kranken erscheinen diese Umstände unter einer ganz andern Gestalt. Er fasst Zutrauen zu einem solchen so reich ausgestatteten Orte, und hofft auf den balsamischen Dünsten, die er ausströmt, noch einige Jahre weiter zu schwimmen.
Nach diesem Selbstgespräche drehte ich mich gegen den Lohnlaquai und fragte nach dem berühmtesten hiesigen arzt. "Das ist," anwortete der Mensch, "unstreitig Doktor Mellin, der auf dem Markte wohnt, um seine Bleiche in Augen zu haben. Kein Kranker kommt hier an, der sich nicht seines Rats bedient, und kein neugieriger Fremder reist durch Montpellier, der nicht den Tempel besucht, den er in seinem haus der F r e u n d s c h a f t errichtet hat." Ein sentimentalischer Zug putzt doch jedes Menschengesicht schon von weitem. Ich fasste schon das beste Vorurteil für den Mann, ehe ich ihn sah, und liess mich von dem Schweiss, der mir über das Gesicht lief, nicht abhalten, ihm zu Gefallen, zwei schon einmal durchkeuchte Strassen wieder zurück nach seinem haus zu keuchen. Es ging mir aber nicht nach Wunsch, denn auf mein Anklopfen rief mir jemand aus dem Fenster zu: "der Herr Doktor sei mit ein paar Damen auf den Peirou gegangen." – "Was ist das für eine gelegenheit?" fragte ich ganz schachmatt meinen Begleiter. – "Ein Lustplatz," war seine hochtrabende Antwort, "auf dem man vier Königreiche übersehen kann – das sagt alles." "Gut! so führt mich den nächsten Weg dahin." Es war, als ich anlangte, das erstemal in meinem Leben, wo ich meiner Müdigkeit gut ward, und meine Erwartung übertroffen fand. In der Ungewissheit, wo sich mein Auge zuerst hinwenden sollte, machte ich den Anfang mit dem Mittelpunkte des schönen Platzes, auf welchem das Ritterbild Ludewigs des Vierzehnten hervorragte. – Die Stände von Languedoc – las ich im Schweisse meines Angesichts an dem Fussgestelle – gelobten diess Denkmal Ludewig dem Grossen bei seinem Leben und errichteten es nach seinem tod. – Und ich, ergriff mich der bittere Gedanke an die arme eiserne Maske, gelobe seinem verkannten Bruder, dem dieser Ehrenplatz mit mehrerm Rechte gebührt – Eins hundert Jahre nach seinem tod – und wendete mich, um meine äussere und innere Hitze zu verschnaufen, von diesem nach einem andern, meines Beifalls ungleich würdigern Monumente – nach dem Wassertempel, der dem Haupteingange gegenüber, mit sechzehn marmornen Säulen, die seine Kuppel tragen, umgeben, einen grossen Behälter bedeckt, in dem sich die Masse Wassers sammelt, das ihm auf turmhohen Arkaden durch einen drei Stunden langen Kanal zugebracht wird. Malerisch rauscht es auf den drei freien Seiten des Doms, gleich der Quelle, die ein Monarch von dem ihm zugeflossenen Reichtum wohltätig unter sein Volk verlaufen lässt – in ein noch grösseres Becken herab, von da es durch verborgene Röhren in die Stadt geleitet wird. Ich sass so stolz in dieser Rotunde wie ein