und Würde. Ich will Ihnen aus meinem Portefeuille ein Blatt holen, worauf ich die Physiognomie dieses Mädchens nach verschiedenen Ansichten, als Nonne – Heilige – Betende – Entzückte und als einen Engel geätzt habe. Wäre die Zeichnung – wie sie es freilich nicht ist – von einer Meisterhand – von der Hand eines Raphael oder Battoni, Sie würden nicht läugnen können, dass dieses zur Venus so geschickte Modell unter allen Gestalten denselben Eindruck machen würde. Was kann uns aber einen höhern Begriff von der Allgewalt der Unschuld und Tugend auf das menschliche Herz geben, als dass es selbst in seiner Verdorbenheit durch nichts so stark als durch eine Bildung angezogen wird, in welcher die Anlagen dazu gezeichnet sind, und selbst die grösste Verführerin, wenn sie am unwiderstehlichsten zu verlocken trachtet, wider Willen zu dieser Maske ihre Zuflucht nehmen muss."
Während der Baron in seinem Zimmer die edlen Gesichtszüge der jetzigen Lady Baltimore aufsuchte, kam sein Bursche mit der Nachricht zurück, dass meine ehemaligen Bedienten ... Nein – fuhr es mir so wütend durch den Kopf, dass ich vom stuhl aufsprang, ohne weiter auf ihn zu hören – der Prologus, der ihr als Teufel erschien – der Epilogus, in dessen Bette sie flüchtete – die beiden Grenadiere, die sie mir boshafter Weise in Avignon vor die Tür stellte – die armen Unglücklichen, die in Ketten lagen, während der Propst sie in integrum restituirte – Ducliquet sie einsegnete – diese Unschuldigen sind es, die in d e r s e l b e n Nacht erfroren aus einem feuchten Kerker kriechen, in d e r , wenig Schritte von ihnen, jener Sünderin alle Freuden der natur zu Befehl stehen, und ein Lord in schwärmender Andacht den unheiligen Busen küsst, an den von Ewigkeit her das böse Schicksal zweier gutmütiger Puppenspieler gebunden war! Diese Betrachtungen jagten mich die stube auf und ab, und ich konnte mich nicht eher wieder fassen, bis der Baron hereintrat und nun – der Bediente seinem Herrn viele Grüsse von dem Kriminal-Gerichts-Präsidenten ausrichtete und die frohe Nachricht wiederholte, dass die beiden Brüder und ihre Gesellschafterin des Gefängnisses entlassen wären. Wir wünschten gegenseitig zum Ausgange dieses verworrenen Handels einander Glück, setzten uns zusammen an einen Tisch, und fingen nun an nach allen Regeln Lavaters gemeinschaftlich die schönen, offenen, unschuldigen und rührenden Liniamente zu entwickeln, hinter welche die Mutter natur ein so hässliches – heuchlerisches – freches – und verbuhltes Herz verborgen hatte, als Herr Ducliquet zu seiner Bearbeitung nur eins verlangen konnte. Ich lege Dir zwei von den radirten Exemplaren bei, die mir der Verfertiger zum Verteilen unter meine Freunde verehrt hat. Ewig Schade, dass meine geheimen Nachrichten von ihr in der Asche liegen! – Wie würden sie nicht den Kupferstich unterstützt haben! Indess ist es doch gut, dass ich allen denen, die etwa von meinen Torheiten hören sollten – (denn was verschwatzt sich nicht!) – diese betrügende Physiognomie vorhalten kann, mit der Bitte, sich zum vollständigeren Beweis meiner Rechtfertigung vel quasi, noch die jugendlichste Farbe – die rührendste Karnation – die sonorischste stimme und jenen lebhaften Frohsinn hinzuzudenken, der dem Original eigen ist. Wer alsdann noch anstehen kann, mich loszusprechen, muss entweder die Entaltsamkeit eines Patriarchen – eine Braut zu haus – oder ein versteintes Herz haben.
Eine Bekanntschaft, wie die meine mit dem Baron war – und von so kurzer Zeit her, dass inzwischen die Sonne weder einmal auf- noch untergegangen ist – sollte man denken, müsse sich eben so kurz abbrechen lassen; aber wir beide machten eine seltene Ausnahme von diesem gewöhnlichen Falle. Er sah es mir an, wie sein Händedruck zum Abschiede mir an das Herz trat, und Er "Wartete unterweges," sagte er, "nicht eine Geliebte auf mich, so wollte ich auf Sie warten, um Ihnen zu beweisen, dass jedes Land gleichen Wert für mich hat, das mir die Aussicht gibt, einen Freund mehr zu gewinnen. Ich reise als ein Liebhaber, Tag und Nacht, dem gegenstand meiner Wünsche entgegen." – Sie – als ein Neugieriger, der in seinem vaterland nichts zu versäumen hat, dem kein Umweg etwas kostet, Ihnen darf ich bei solchen Verhältnissen ja wohl, über der französischen Gränze, noch einen vorschlagen, der vielleicht so viel wert ist, als jeder andere, den Sie gemacht haben. Sie sind Zeuge von der gegenseitigen Ueberraschung zweier Liebender gewesen, denen für einander bange war, und die wir nun in diesem Reiche unstreitig für die glücklichsten halten können. Wäre es aber nicht, schon der Vergleichung wegen, Ihrer Mühe wert, nun auch ein paar gute deutsche Herzen aufzusuchen und zu beobachten, die längst mit einander einig, sich doch trennten, nur um durch eine von Posttag zu Posttag immer höher steigende Erwartung, der Magie der Liebe einen Reiz mehr zu geben. Ich will das System unsers gemeinschaftlichen Freundes nicht tadeln; aber ich halte mich an das meinige. Die Seligkeit ist gleich – obschon die verschiedenen Wege dahin ihre eigenen Vorzüge haben. Ich nahm seine Einladung mit Vergnügen an. Er nannte mir den zu seiner Verbindung mit Karolinen bestimmten Tag. Während ich ihn in meinem Musenalmanach anstrich, und seufzend überlegte, wenn doch einmal mein Glücksstern ein solches Kalenderzeichen erhalten würde, hatte sich der Baron fortgeschlichen.
Um ihn heute nicht weiter zu stören – da es schon über Mitternacht ist – übertrug ich Bastianen, ihn morgen früh bei seiner Abreise nochmals meiner Hochachtung – Dankbarkeit und besten