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Gefühl und gesunden Augen fehlte, wenn er nicht wie Baltimore, für sein freigeistiges System mit Blindheit gestraft waram wenigsten ein Herz wie das meinige, das einem fast eben so reizendenzugleich aber auch dem reinsten und tugendhaftesten weiblichen Wesen angehört. O, meine Karoline, mit welchem Wohlbehagen unverletzter Treue werde ich dir nun bald unter die Augen treten! Wie belohnend, mein Herr, ist dieses Bewusstsein am Ende einer Reise, sie mag einen Weltteil oder das Leben umfassen!" – Lieber Eduard, wenn Du mir die glühenden Zangen der Beschämung, die mich bei jedem dieser Worte zwickten, nachfühlen müsstestich würde Dich herzlich bedauern. Da mochte ich mich doch auf die eine oder die andere Seite des Prangers stellen, den der Baron Klärchens Liebhabern anwies, so hatte ich keine Ehre davon. Ich bekam eine recht kleine idee von mir, die noch nicht vergehen will. Besonders tat es meiner Eigenliebe weh, dass hier zwei Deutsche in so verschiedenem Lichte einander gegenüber sassen. Ich konnte mir nicht verbergen, dass diesem jungen, blühenden, artigen mann das Reisen viel besser zugeschlagen sei, als mir. Mich, glaube ich, hat er auf den ersten blick weg gehabt. Sagte er nicht oben, ich wisse vielleicht schon, dass er eine Braut habeund würde er wohl mit der Huldigung seiner Karoline so laut gewesen sein, wenn er mir nicht schon angesehen hätte, dass mir der Inhalt des briefes in der Schreibtafel so bekannt wäre, als ihm selbst? Was konnte' ich in dieser überzeugung klügeres tun, als den Vorwürfen, denen ich nicht auszuweichen vermochte, offen entgegen zu gehen? "Ich merke, Herr Baron," stoppelte ich meine verschämten Worte zusammen, "dass Sie voraussetzen, ich habe mich von dem Geheimnisse Ihres Herzens auf eine Art unterrichtet, die grosse Entschuldigung bedarf. Was mir eigentlich nötig war um den Eigentümer des Gefundenen aufzusuchen, konnte mir schon die Adresse sagendas sehe' ich jetzt recht gut einund dennoch ..." "Wenn der Brief meines Freundes" – unterbrach er mich – "Ihnen die Zeit verkürzt hat, so hat er seine Absicht doppelt erfüllt, und es ist mir lieb, dass Sie ihn lasen" – "Und auch abgeschrieben?" fragte ich. – "Ja, auch das!" antwortete er lächelnd. "Hätte er ihn im Ernst geschrieben, so viel er übrigens auch Wahres entält, so dürfte ich wohl hoffen, ihn bald genug zu überführen, wie Unrecht er mir und dem guten Geschmack getanund wie voreilig er die Aufschrift über dem Portale meines Landhauses kritisirt hat." – Ich könnte nun mit gutem Gewissen und an keinem schicklichern Orte als hier den Brief über oder gegen den guten Geschmack, wovon ich Dir bereits in meinem verbrannten Tagebuche den Anfang mitgeteilt hatte, ganz einschieben. Er würde Dir zum bessern Verständniss der Sache, auf die sich die Widerlegung des baron beziehtmir aber als eine Anleitung dienen, die Verdienste meines Landsmanns in ein noch schöneres Licht zu setzenaber ich würde nur dadurch den Faden meiner Erzählung, die doch auch bedacht sein will, verlieren. Genug, Du sollst nicht darum kommen, und sollte ich Dir ihn in einem besonderen Futteral mitbringen. – "Ich schmeichele mir," fuhr der Baron mit sichtbarer innerer Zufriedenheit fort, "dass ich die Zeit meiner Abwesenheit in fremden Ländern nicht so gar übel für meinen künftigen Aufentalt im vaterland und für das Glück meiner Erwählten angelegt habe. Die Kenntniss der grossen Welt muss vorausgehen, um durch Vergleichung sein häusliches Glück desto schmackhafter zu machenso wie man nach einigem Genuss sehr feiner Gerichte gern wieder zu einer kräftigen Hausmannskost zurückkehrt. – Auch mein Kunstgefühl soll mir hoffentlich so viele Freude gewähren, als meinen Nachbarn ihre ruhige Ignoranz. Die Leuchterdie Vasen von griechischer Form, denke ich, sollen mir so wenig im Wege stehen als ehemals den Griecheneine Venus von Titian wird meinem Auge immer einen so angenehmen Ruhepunkt verschaffen, als das freundlichste Gesicht einer Dorfnymphe, und Lady Baltimore in ihrer schönen Nackteit, wo mich jeder Pinselstrich an das Original erinnert, besser als noch jene Göttin, der man ausser ihrem Reiz auch nicht viel Gutes nachsagen kann. Da Sie Klärchen, wie ich gehört habe, persönlich kennen, müssen Sie nicht eingestehen, mein Herr, dass ihr Anblick minder noch wollüstige Begierden erweckt, als edle und erhabne Gedanken, die nur durch die Ungestalt der Seele zurückgestossen werden, die den herrlichen Bau, wie die Kröte einen Tempel, bewohnt. Haben Sie wohl je Nevisans Gedichte und die dreissig Bedingungen gelesen, die er zu einer vollkommenen Schönheit fordert?" – "Ja," antwortete ich, "ich habe diese Stelle erst kürzlich für einen meiner Freunde abgeschrieben." – "Und ich," – erwiderte der Baron, "habe noch mehr getanhabe sie, das Buch in der Hand, durch Klärchens Vermittelung mit der natur selbstjedes rohe Wort des Dichters mit dem feinen Reiz verglichen, den es anzeigtsie alle an dem schönen Mädchen beisammen, aber durch das lebendige Koloritdurch die Abstufung des Schattens und Lichtsdurch die Schlangenlinien, die sie vereinigen, ungleich anziehender, und hier den Ausdruck der natur unendlich poetischer gefunden, als den Dichter. Hauchen Sie nun einer so sinnlich vollkommnen Gestalt Selbstschätzung und Tugend ein, und Sie haben das anbetungswürdigste Ideal weiblicher Schönheit