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wäre durch ein Wunder aus Avignon entkommenzu Lambesk hätten sie die Schreibtafel in einer verborgenen tasche gefundenund dem Herrn sogleich in Verwahrung gegebender es vermutlich vergessen, sie dem Eigentümer auszuliefern, und bei ihrem Abgang in Begriff gestanden hätte, in sein Vaterland zu gehen. Diese widersprechenden Aussagen, die alle Stunden einen neuen tollen Zusatz erhielten, erbot sich doch jeder Bruder zu beschwörendabei sahen sie sich vor Gerichte so scheu um, wie das böse Gewissen. Die Frau, wenn es möglich ist, bezeigte sich noch verwirrter. Sie deklamirte in leeren nichts sagenden Phrasen ihre Verteidigung, und rief unaufhörlich in dem Gefängnisse und vor dem Tribunal: 'Ach mein Teseus! – wo bist du hin, mein Teseus?' – Doch war sie es, die den Brief an den deutschen Baron in dem heiligen Geist schrieb, ohne Hoffnung zwar ihn anzutreffen, und den ich sogleich durch eine Stafette abschickte. Mir fing selbst an bange für den Ausgang zu werden. Ich hielt sie zwar sehr richtig für Narrenverschob jedoch mein Urteil über den Verdacht, dem sie bloss standen. Das Tribunal hingegen hielt sie hinlänglich für überwiesen, und ohne meine Gegenvorstellung hätten sie vielleicht schon die Question ordinaire et extraordinaire erlitten. Es tut mir leid, dass den armen Schelmen ihre Ehrlichkeit so übel belohnt worden ist. Dass mich ihre Unschuld jetzt mehr freut, als Schreibtafel, Venus und Brief, die ich eins wie das andere für verloren hielt, können Sie mir wohl zutrauen. Ich bin glücklich, dass meiner über die Zeit verschobenen Abreise nun nichts mehr im Wege steht. Denn vielleicht wissen Sie schon, mein Herr, dass mich in Deutschland eine liebenswürdige Braut mit sehnsucht erwartet, um so viel mehr, da mein letzter Brief ihr den Tag meiner Ankunft bestimmt, und sie gebeten hat, mir auf ein Gut ihrer Tante sechs Meilen weit entgegen zu kommen. Die Aengstlichkeit, mit der sie mir sonach entgegen sehen muss, beklemmt mich nicht wenig." – Brauche ich Dir, lieber Eduard, wohl die Stellen in dieser Erzählung anzustreichen, die mir einen Stich nach dem andern ins Herz gaben. Ich erduldete sie ohne Murren, als eine gerechte Züchtigung meines unverantwortlichen Leichtsinns. Kleinmütig zog ich das anvertraute Gut aus der tasche, aber wie ich es dem Eigentümer einhändigte, brachten mich die Vorklagen, die ich beifügen wollte, in eine neue Verlegenheit. Auch diese schlug er sofort als ein Mann von Welt nieder. Er öffnete die Schreibtafel, besah mit wahren Kenneraugen Klärchens Bild und überlas lächelnd mein Epigramm auf der Hinterseite. Die gelegenheit war zu gut, um ihm nicht die Veränderung bekannt zu machen, die seitdem mit dem Original vorgegangen sei, und durch welches Ungefähr ich heute ihr Gefolg verstärkt hätte. "Nur heute? das ist glücklich!" sagte er ein wenig ironisch, (vermutlich hat der Pro- und Epilogus eins und das andere zu Protokoll gegeben, was er Anstand nahm, mir gerade in das Gesicht zu sagen). "Also an Lord Baltimore verheiratet? Nun da ist sie in den rechten Händen," schlug er ein lautes lachen auf – "ich kenne den alten Schwärmer und seine abgeschmackten Versuche für einen Text, über den unser kluges und erfahrnes Klärchen ihn in einer Stunde mehr lehren würde als alle die abgesetzten Lady's, die ihren Triumphwagen begleiten. Wer weiss, ob sie ihn nicht wieder zum Glauben an weibliche Tugend bekehrt, und seine Erfahrungs- und Seelenkunde mit einem Phänomen bereichert, dem er bis jetzt umsonst nachgeforscht hat. Wie wird sie die Unbefangene spielenihn schon von weitem kommen sehen, während er seine Experimente für die ersten hält, denen sie bloss steht. Die Reise nach Spanien ist gewiss ihr Werk. – Dort, wo keine Seele sie kennt, wird sie ihm noch lange, ehe sie in den hintersten Wagen versetzt wird, für den Stein der Weisen gelten, den er sucht." – Ich erwähnte des Mundkochs. – "Den allein," sagte er, "wünschte ich von der saubern Gesellschaft zu sprechen. Der Ehrenmann hatte mich vor einiger Zeit, wie mir mein Kammerdiener vertraut hat, in einem schimpflichen Verdacht, und seine liebe Nichte, der er damals alles Böse an den Hals wünschte, in einem noch schimpflichern." – "Diese Ungerechtigkeit," fiel ich dem Baron ins Wort, "bereut er jetzt gegen beide von Herzen, seitdem er einen unverwerflichen Zeugen Ihrer bloss artistischen Verhältnisse mit seiner Nichteden Herrn Le Sauve gesprochen hat, der die Schöne so oft unter Ihren Augen und in der Lage gemalt hat, die Sie dem Modell gaben." – Der Baron verfiel in ein kleines Nachdenken, das ihn glücklicherweise verhinderte, die brennende Schamröte zu sehen, die mir in das Gesicht tratdenn siehe nur, ehe ich mich dessen versah, fiel mir der verfluchte Stimmhammer, bei dem meine Kunst scheiterte, und die geweihte Farbe ein, die ich verschüttete. – "O hätte ich," erwachte der Baron wie aus einem Traum, "das schöne geschöpf noch so unmündig an Kenntnissen und Jahren gefunden, als da Herr Ducliquet ihre Bekanntschaft machte, keine Seele würde jetzt gegen die Wahl des Lords etwas gegründetes einwenden können. So aber war sie schon ganz verloren, als ich sie kennen lerntenur für die Kunst des Malers nicht. Ihre trügerische Aussenseite konnte schon keinen mehr betrügen, dem es nicht ganz an sittlichem