Tugenden unbefangen, und liefern ihm tagtäglich neue Bemerkungen zu seinem Texte. Es ist der vollständigste Apparat zu dergleichen physiologischen Experimenten, den man sich nur denken kann – aus den leichtsinnigsten–schwermütigsten – sprödesten – unschuldigsten – und erfahrensten Geschöpfen zusammengesetzt – mit deren Seelen, (denn wirklich ist es nur darauf abgesehen) er hunderterlei Versuche anstellt, um endlich ein neues Resultat herauszubringen. Gott gebe, dass es ihm gelingt – denn es wäre gewiss ein sehr nützliches Buch!" – "Und dieser Sachverständige," fuhr mir heraus, "hat Ihre Nichte heiraten können?" – "Stille," fiel mir mein verunglückter onkel ins Wort – "hier ist nicht der Ort, darüber zu schwatzen. – Ich muss in meine Küche – leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl!" – Das Buch möchte ich sehen – setzte ich nun meine Verwunderung mit mir allein fort – indem ich mich von einem Lohnbedienten in die Stadt führen liess, in die man, wie du wohl wissen wirst, nicht anders, als zu fuss oder in Sänften kommen kann. – Armer Autor! Gott gebe dir Glück zu deinen Studien, denen freilich die meinigen nicht das wasser reichen! über deine junge Frau könnte ich dir zwar wohl wichtige Beiträge liefern – aber, ob sie es gleich nicht um mich verdient hat, würde ich mich doch schämen, weniger edel zu handeln, als Herr Ducliquet, der Probst und der getaufte Jude.
Montpellier ist bei allen seinen unläugbaren Vorzügen doch eine sonderbar ängstliche Stadt, lieber Eduard. – Gassen, die so schmal sind, dass die Inwohner der gegenüber stehenden hohen Häuser einander die hände reichen können, und ein Liebhaber, der so gute gelegenheit hat, seiner Schönen den Tag über in die Fenster zu sehen, nichts weiter als ein Bret braucht, um des Abends einzusteigen. Wenn die Hitze zunimmt, spannt man, aus Furcht vor dem Sonnenstich, Tücher über sie her. Dann sieht jede ohnehin wie ein Himmelbette aus, und kann füglich dazu benutzt werden. Die Schilder der Wirtshäuser sind alle aus der Botanik genommen. – Da hört man von keinem Römischen Kaiser oder Kurfürsten, wie in Frankfurt und andern deutschen Städten, sondern nur Namen aus dem Linneus. Ich fragte nach dem besten. Mein Lohnlaquai nannte mir die Rhabarber-Pflanze und die Chinawurzel. – Ich wählte das letztere und hätte es nicht besser treffen können; denn an der Haustüre lehnte ein Bedienter, dessen mir nur allzubekannte Livree mich sogleich verständigte, dass er dem Herrn angehöre, den ich suchte. Er bestätigte es, und war so flink in seinem Dienste, dass er dem Baron die Ankunft der Schreibtafel schon gemeldet hatte, als ich noch auf der Treppe war. Kaum hatte ich meinen Staubmantel abgeworfen, so trat dieser auch schon in mein Zimmer – eine Figur von dem edelsten Anstande, ein offenes – liebreiches – verständiges Gesicht – so einnehmend und munter in seiner Unterhaltung, wie es nur ein Deutscher sein kann, den gute Gesellschaften und Reisen gebildet haben. Ich wusste nicht gleich, nach was ich zuerst greifen sollte, um ihm eine bessere Meinung von mir beizubringen, als ich selbst hatte – machte Entschuldigungen über den Aufzug, in dem er mich träfe – hätte zwei Nächte nicht geschlafen – und käme – das war es eigentlich, wodurch ich mir ein Ansehen bei ihm erbetteln wollte – von der Bastide meines vertrautesten Freundes, des Marquis von St. Sauveur, dessen Vermählung ich als der einzige Gast beigewohnt hätte. In der Tat traf ich es hier wieder so gut damit, wie bei Herrn Filbert. Er kannte den Brigadier – wünschte mir Glück zu seiner Freundschaft – und hörte mit innigem Anteil mein entusiastisches Lob über seine Gemalin. "Es ist wohl Schade," sagte er, "dass Sie ihm nicht auf sein Stammgut haben folgen können. Dort würden Sie ihn als einen kleinen Fürsten bewundert haben, der alles das leistet, was man oft umsonst von dem grössten erwartet." Ich ging nun nicht ohne Herzklopfen zu dem Hauptgeschäft über, das ich mit ihm abzutun hatte. – Er machte es mir sehr leicht – nahm alles, was ich über meine hitzige Krankheit – nachherige Erschlaffung – und verordnete Zerstreuung zu meiner Rechtfertigung herausstotterte – für gültig an, und forderte, ehe ich ihm noch seinen Verlust einhändigte – Feder und Tinte, um durch ein Billet an den Kriminal-Gerichts-Präsidenten, den armen Puppenspielern noch vor Nacht ihre Freiheit zu verschaffen. "Es ist nicht meine Schuld," sagte er, "dass die guten Leute in Ketten liegen". Sie wurden zwar auf meine Anzeige in den Zeitungen – nach der Livree, die sie trugen – eingezogen; doch ihre eigene Aussage in dem Verhör, das man mit jedem besonders anstellte, machte sie hauptsächlich verdächtig. Sie mussten ganz den Kopf verloren haben. – Dass sich der eine Prologus, der andere Epilogus nannte, liess man Puppenspielern hingehen; als sie aber den Herrn, der sie gekleidet, angeben und beschreiben sollten, standen beide mit einander in geradem Widerspruch. – Der eine nannte Sie so, der andere so, und ich konnte nur versichern, dass kein Edelmann in ganz Deutschland einen so kauderwelschen Namen führe. Der älteste Bruder sagte aus, Sie wären in Avignon eines Kirchenraubes wegen arretirt worden – der jüngste, Sie hätten die heilige Dreifaltigkeit in einem Kamin entdeckt. – Man fragte nach ihrem Abschiede, sie hatten keinen aufzuweisen. Ihr Herr