trat. Ich reichte ihm nun das Blatt. – "Da lesen Sie selbst – aber überlegen Sie hauptsächlich dabei – dass hier nicht zu zaudern ist, und das Testament nur noch einige wenige Wochen zu Ihrem Vorteile gilt." Er schlich, wie das böse Gewissen, mit seinem Vorbeschied in die Ecke des Fensters, las, und schüttelte bei jeder Zeile den Kopf. Seine unglaubliche anhänglichkeit an ein stümperhaftes Talent erregte mein innigstes Mitleiden. Aber, grosser Gott, was für eine Schaar von Brüdern hat er nicht in dieser Rücksicht umherlaufen. Wie viele opfern nicht ein glückliches sorgenloses Leben dem Vorurteile des Standes, – ihre Ruhe einer falschen Ehre, ihre gegenwärtige Zufriedenheit dem Hirngespinste der Nachwelt auf; verhören das Koncert, das sie umgiebt, und horchen nur nach der Trompete hin, die einst, wie sie sich einbilden, über ihr Grab schmettern wird. – Wer kann die Märtyrer der Religion zählen, die oft so irrig – abgeschmackt und toll ist, als nimmermehr die fixe idee des armen Sperling! Wer muss, bei gesundem verstand, nicht die Unsterblichkeit der Miltone, Buttler und Kepler bemitleiden, die sich bei lebendigem leib ihre Lebenskraft abzapften – die besten Gelegenheiten versäumten, das Herz eines fröhlichen Freundes, den Busen einer schönen Zeitgenossin zu erobern – nur an ihren eigenen Fingern und Federn nagten – und die magersten Bissen verschluckten, um nach ihrem tod, wo sie nicht mitessen konnten, unbekannten Buchtrödlern desto fettere aufzutischen. Ich mochte den Weg, auf den mich Sperling gebracht hatte, nicht weiter verfolgen, aus Furcht, auf meinen eigenen Haushalt zu stossen – schob einstweilen mein Selbstgespräch auf, und hielt es für dringender, mich in das seine zu mischen, das nicht aufhören wollte. So oft ich bei seinem Erker vorüberschritt, warf ich eine Bemerkung hinein, die er nutzen sollte. – "Die ewige Kunst, können Sie mir, als einem alten Freunde, glauben, verliert nichts dabei, wenn Sie Sich fügen. – Das Vergnügen, Talente unterstützen zu können" – indem ich meinen Oberrock anzog – "ist vielleicht mehr wert, als die oft betrügliche überzeugung, ein eigenes zu haben." – Er liess sich durch alles das nicht stören. "Ich stelle mir eine wahre Freude vor," (redete ich so für mich) "wenn ich einmal meinen alten Lehrer auf seinem Landsitze besuchen kann, und wir bei einer guten Mahlzeit über die Grösse des armen Correggio plaudern, – und uns der vergangenen zeiten erinnern werden." Auch das focht ihn nicht an – Er starrte noch immer vor sich hin, das Wochenblatt seinem dürren Knie über gebogen, und hing den Kopf, ohne einen laut zu geben. Bastian meldete, dass die Pferde gleich da sein würden, aber sein Seelenkampf dauerte fort, und mir ward dabei ganz schwül um das Herz. –
So oft ich, lieber Eduard, den Donquixote gelesen und bis zum Ende des herrlichen buches über seine Torheiten gelacht habe, so grübelte es mich doch bei dem letzten Kapitel, wo er wieder klug wird, immer in der Nase. Ich dächte, es wäre für uns alle nichts erbaulicheres und rührenderes geschrieben. Wie der arme Mann, so stillschweigend in sich gekehrt, nachsinnt, die Schatten des vergangenen Lebens – jene Heldentaten – seine heisse platonische Liebe zu Dulcineen, Sancho's gutmütige Freundschaft und die treuen Dienste des dürren Rosinante – seiner erstaunten Seele vorübergaukeln – wie er alles, was sonst in seiner Einbildung von so hohem Werte war – jetzt in einem ganz verschiedenen Lichte betrachtet – nicht begreift, wie ihm doch sein gesunder Menschenverstand abhanden gekommen, und Gott demutsvoll um Vergebung bittet, dass er so lange ein Narr gewesen. Ein solcher Büssender – welche Mitgefühle muss er nicht bei jedem rege machen, der ihn anblickt! In gleicher bänglichen Lage befand, sich dermalen auch mein guter alter Zeichenmeister, und erhielt sich so lange warm darin, bis ihn das Horn meines Postillions von seinem Sitze aufjagte. Er ergriff in grosser Bewegung meine Hand – "Teuerster Freund und gönner –" holte er tief Atem: – "Ziehen Sie mich aus meiner Angst, und sagen Sie mir aufrichtig: Kann ich wohl den bedungenen Eid mit gutem Gewissen ablegen?" "Ja, Freund" – klopfte ich ihn auf die Achsel, "mit dem besten von der Welt – Sie wunderlicher Mann! Was machen Sie für Umstände, und wie mögen Sie Sich nur einen Augenblick besinnen? Bei zwei Talenten – und sonst auf Gottes Erdboden nichts – könnte man, dächt' ich, ja wohl eins abschwören, wenn der Umstand darauf beruht, ein Freigut zu gewinnen." Das schien ihm einzuleuchten. "Sie werden im Anspachischen und überall," fuhr ich fort, "menschliche Gebrechen genug finden, deren Sie so viele in Wachs pousiren können, als Sie wollen. Das verbietet Ihnen ja die Tante nicht, und gibt Ihrer Tätigkeit allen möglichen Spielraum." – "Da haben Sie Recht," erheiterte sich auf einmal sein trübseliges Gesicht. "Spornstreichs laufe ich nun nach haus, um Anstalten zu meiner Abreise zu machen – will meine Madonnen und Seestücke recht behutsam einkästeln, und ...." "Ist das nicht wieder ein Einfall! Was um Gotteswillen, gedenken Sie mit so vielen unbefleckten Jungfrauen in den Preussischen Staaten anzufangen, wo man an keine einzige glaubt?" "Aber, fragte er sehr naiv, die von letztin darf ich doch – Notre