Wenn wir Euch, sagen sie, als Künstler vernachlässigen, so würden wir Euch als Handwerkern alle mögliche Gerechtigkeit angedeihen lassen. Ihr überlegt nicht, dass der Staat, der Euch nähren soll, der arbeitsamen hände weit benötigter ist, als der gefälligen Künste. Unsre steinigen Aecker – verfallenen Wege – elenden Hütten und zerrissenen Schuhe wollen nicht gemalt – besungen, beschrieben und in Kupfer gestochen – sondern gepflügt – gepflastert – gebaut und besohlt sein. Wir lassen Euch darben, weil Eure göttlichen Talente uns unbrauchbar sind." "Hoffentlich," fiel mir der alte Kauz mit grossen Augen in die Rede, "ist das weder der Fall bei mir, noch bei vielen andern. Correggio ..." "Halt, Freund," trat ich ihm in den Weg – "Auch er hat, nach ihrer Meinung, für die Zeit, in der er lebte, keine kluge Wendung genommen. Hätte er – sagen sie – von jenen fühllosen Mönchen, die seine unsterbliche Nacht nicht besser als eine gemeine Tapete von Wachstuch bezahlten, ein Tafelgut in Pacht genommen, sein Name würde freilich so vergessen, als der ihrige – aber seine Tränen würden schon bei seinen Lebzeiten vertrocknet und sein Elend nicht auch auf seine Frau und Kinder übergegangen sein. – Wenn du merkst – dünkt dem Patrioten die beste Lebensweisheit – dass die Zeitgenossen deine Gedichte – Gemälde und Meisterstücke deines Meissels nicht mögen, so lass deinen Geist ruhen, und kehre zu dem andern Teile deiner Selbst zurück, an dessen Erhaltung du zuerst hättest denken sollen. Suche mir, sagt das Vaterland, mehr körperlich, als geistig, durch die Axt, die Nadel, den Hobel, als schreibe- und Rechnungsmaschine, oder als Marktelfer nützlich zu werden. Du wirst deinen Kopf weniger anstrengen und mehr eigenen Genuss davon haben, als jene wahren oder eingebildeten Talente gewähren, die ihres Zwecks und Lohns fehl und betteln gehen." – Mein Eifer, lieber Eduard, hatte mich so weit von meinem Texte verschlagen, dass es mir, wie manchem Prediger, Mühe machte, auf die Anwendung zu kommen. "Wenn Ihr Vaterland," nahm ich einen traulichen Ton an, "Sie verkannt hat, lieber Passerino, so haben Sie ihm hingegen alle Rückkehr zu Ihnen versperrt." "Wie so?" fragte er verwundert. – "Mögen Sie wohl noch fragen? Wer kann ein Original in einer Uebersetzung wieder finden? Und wenn sich sieben Städte um Ihren Besitz stritten, wie um den Homer – würde es Ihnen nicht eben so gehen, wie ihm? Wie kann Passerino das fordern, was Sperlingen gehört? Gesetzt, es fiele Ihnen in Deutschland eine Erbschaft zu; müssten Sie nicht entweder Ihren sonorischen Namen oder die Erbschaft aufgeben? und könnten Sie Sich wohl durch Ihre Marinen legitimiren, dass Sie der rechtmässige Erbe wären? Doch vielleicht ginge das noch am ersten an" – "Lieber Herr," unterbrach er mich lächelnd – "Sie setzen hier Fälle voraus, die ganz und gar nicht auf mich passen. Ich habe in Deutschland nirgends etwas zu hoffen – sogar von meiner leiblichen Tante nichts, die zwar wohlhabend, aber die unverträglichste, geizigste und mir abgeneigteste Frau auf Gottes Erdboden ist. Ihre Brüder waren geschätzte Maler; sie aber lebte bloss von ihren Renten und verstand – Nichts. Sie hielt nur die Italiener für Meister, und immer setzte sie hinzu: ich würde nie einer werden – und eben ihr zum Possen habe ich meinem Namen durch eine Uebersetzung geholfen, und werde ihn forttragen bis an meinen Tod." – "Ja, wenn das so zusammenhängt, mein guter Passerino," wobei ich mich hinter den Ohren kratzte, "so weiss ich kaum, wie der Sache zu helfen steht." – "Welcher Sache?" fragte er neugierig. "Nun – ich kann Ihnen wohl wieder sagen, was ich von einem meiner Korrespondenten als gewiss gehört habe – Ihre liebe Tante ist seit Jahr und Tag sehr verträglich geworden. Sie vermutet, dass es Ihnen hier eben nicht nach Wunsch geht." – "Das hat sie erraten," seufzte er, "denn Ihnen kann ich es wohl gestehen, dass ich manchmal nicht weiss, wovon ich den andern Tag leben soll. – Und Sie werden wohl selbst bemerkt haben, dass ich noch immer das Kleid trage, in welchem ich Ihnen Stunden gab, und dass es nun nicht länger mehr halten will ..." "Und diese will Ihnen," fuhr ich fort, (ohne ihn merken zu lassen, wie nahe mir sein Elend ging) – "ihr schönes Freigut zu Triesdorf sammt den Einkünften einräumen, wenn Sie der ewigen Kunst ..." "Entsagen? Nicht wahr?" fiel er mir ins Wort – "Nun und nimmermehr" – "und zwar gerichtlich, eidlich und feierlich entsagen." – Dadurch erschreckte ich ihn so, dass er zitterte. – "O! da muss sie," hub er an, "ganz verrückt geworden sein!" – "Das nun eben nicht," erwiderte ich; "aber diese Grille hat sie sich nun einmal so in den Kopf gesetzt, dass sie es sogar in ihrem letzten Willen zur Bedingung gemacht hat und darüber – gestorben ist." – Er überblickte mich bei dieser Anzeige mit zweifelhaftem, unbeschreiblichem Erstaunen, und ward bald karminrot, bald leichenblass, je nachdem ihm das schöne Vermächtniss oder die hässliche Bedingung zu kopf