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in die Sänfte, die Bastian herbeigeholt hatte. Ich brauche Erholung, erklärte ich ihm beim Aussteigen, und kann unter zwei Stunden noch nicht abreisenrichte dich darnach! Doch eben da ich im Begriff war, mein Zimmer zu verschliessen, um ungestört meiner Schwermut nachzuhängen, trat mir der Maler mit seiner Zeichnung in den Weg – "Das, meinen Sie –" fuhr ich ihn nach dem ersten Ueberblick an, "stelle den leidenden Engel vor, von dem wir herkommen? Können Sie es bei Gott verantworten, so eine Sudelei für Nachbildung seines herrlichsten Geschöpfes auszugeben?" Dochum den armseligen Wicht nicht ganz nieder zu drükken, fuhr ich gemässigter fort: "Aber, es ist begreiflichso überwältigt von schmerzhaften Empfindungen, als Sie und wir alle waren, würde es einem Rotarieinem Leonard da Vinci eben so wenig gelungen sein. Gehen Sie, lieber Passerino, einstweilen zur Wirtstafel. Ich habe höchst nötig, die wenigen Stunden vor meiner Abreise allein zu sein." Wie kann ich mich dochzankte ich nun mit mir selbstüber nichts und wider nichts so ereifern? Ich hätte doch wohl aus dem Bewusstsein meiner eignen erworbenen Fähigkeiten auf die Kräfte meines Lehrers schliessen können. Warum liess ich mich von ihm zu einer Arbeit begleiten, der er nicht gewachsen war? Bei solchem Bedarf eines helfenden Genies kommt uns freilich die Mittelmässigkeit als ein Laster vor, aber es ist unbillig. Für meine Erinnerung kann ich übrigens jedes Bild von ihr entbehren. Weder Worte, noch Farben könnten es mir so treu schildern, als es die vergangene Stunde mir in die Seele gebrannt hat. Während dieses Selbstgespräches suchte ich ein zweites Schnupftuch, denn das gebrauchte war ganz durchnässt von Tränen, und darüber spielte mir der Zufall aus seinem Glückshafen statt der schwarzen Kugel, die ich schon gefasst hatte, eine der schekkigstendas Paket Zeitungen nämlich, in die Hand, die ich heute früh in dem Janustempel eingesteckt und ganz vergessen hatte. Ich musste mich erst besinnen, was ich damit anfangen, und dass es ein Steckbrief nach Freund Sperling war, den ich darin aufsuchen sollte. Gott gebe, wünschte ich mit pochendem Herzen, dass sich St. Sauveur geirrt habe! – Geirrt? Jadas sähe ihm ähnlich. Der Schäkerdem immer sein System zu Gebote steht, sah die Ueberraschung nur zu gut voraus, die er mir und meinem Lehrmeister zubereitete. Was fand ich? Eine sehr willkommene und allemal um das vierte Blatt wiederholte Ediktal-Citation, wie ich sie Dir in einem kurzen Auszuge mitteile. – "Nachdem," hiess es, "ein gewisserNamens Teodor Sperling, der sich fälschlich für einen Maler und Architekten ausgäbe, seit vielen Jahren verschollen seiso werde er, im Fall er noch am Leben, kraft dieses mit der Bekanntmachung vorgeladen, dass weiland seine leibliche Tante ihn, als ihren nächsten Blutsfreund, zum Universalerben sowohl ihres Freiguts zu Triesdorf, als übrigen Nachlasses in einem bei dem Stadtrat niedergelegten Testamente, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung eingesetzt habe, sich dieses Vermächtnisses nicht eher erfreuen zu dürfen, bis er zuvor jener sich angemassten brotlosen Künste, die bei ihm weder durch erforderliche Kenntnisse, noch durch Genie unterstützt wären, für das künftige gerichtlich, eidlich und feierlich entsagt haben werde. Widrigenfalls, wenn er in Zeit eines Jahres und sechs Wochen nicht erscheine oder den vorgeschriebenen Eid abzulegen sich weigeresolle er für tot oder der ihm zugedachten Verlassenschaft, die sich nach gerichtlicher Würdigung circa auf 31700 Reichstaler belaufe, für unwürdig angesehen werden, und solche dem dasigen Waisenhause auf das rechtsbeständigste verfallen sein. Anspach, den 19. December 1785." –

Die gute verständige Tante, war mein erster Gedanke, hat nun wohl freilich hier nicht den Grundsatz Filberts vor Augen gehabtjedem Narren das Spielwerk seiner Laune zu gönnen: indess ist doch die Art, es ihrem Neffen aus der Hand zu winden, nicht so gar übel, und nur zu wünschen, dass er sichs nehmen lasse. Mein zweiter Wunsch war, dass er noch zur rechten Zeit dem Waisenhause in den Weg treten möge, und ich rechnete geschwind im Kalender die Möglichkeit aus. Ich hielt die Nachricht für sättigend genug, um denfreilich etwas zu lange am Pranger ausgestellten Erben von der Wirtstafel abrufen zu lassenund während der Zeit, die ich hier noch zu vertändeln hatte, die Hetze zwischen der ewigen Kunst und dem zeitlichen Freigute mitzunehmen. Ich setzte mich, als er gelaufen kam, wie ein Senator in Positur, bat ihn, sich einen Stuhl zu nehmen, und leitete meinen Vortrag mit der Frage ein: "ob er sich nicht wieder in seine Heimat sehne?" Er verstand mich die Quere. "Nein," antwortete er bestimmt – "so angenehm es mir auch sein würde, den lieben Herrn zu begleiten, so kann doch dieses lockende Anerbieten meinen einmal gefassten Entschluss nicht umstossen. Ich bin zu sehr in meinem vaterland verkanntbin es aber nicht allein. Verdienstedas wissen Sie selbst! – haben dort weder Ansehen, noch Brot. Ist es nicht die allgemeine Klage der Maler, Bildhauer und Dichter? und was kann das Vaterland darauf antworten?" – "Was es darauf antworten kann?" erfasste ich seine Frage, über ihren anmasslichen Ton ein wenig aufgebracht. "Je nundie Patrioten kehren die Anklage um, und richten sie wider alle diese verkannten Herren selbst.