Wo seine Schwermut weint,
Den ganzen Menschenjammer,
Den dieses Haus vereint!
Des Uebeltäters Werke
Lohn' Angstgefühl und Spott!
In seinem tod stärke
Ihn kein Gedank' an Gott;
Durch Blutgefilde treibe
Hinüber ihn mein Fluch,
Und Satans Finger schreibe
Ihn in sein Höllenbuch!
Dort möge des Verbrechers
Gewinn gegraben stehen,
Und ewig nicht des Rächers
Erbarmung sich erflehn!
Kaum waren diese schrecklichen Verwünschungen über ihre Zunge, so schien es, als ob sich ihre eigene Seele davor entsetze. Sie zitterte, schwankte und sank ohnmächtig in die arme ihrer Busenfreundin, die selbst von Tränen erschöpft, mit zärtlicher Behutsamkeit sie in das Nebenzimmer trug. Jetzt drang weiter kein laut aus der Kerkerwohnung der edlen Kranken; und mir war, als hätte mich ein Orkan auf einen einsamen Felsen geworfen. Meine zerbeizten Augen starrten vor sich hin und die Stille, die nach einem solchen Aufruhr mein Gehör überfiel, erleichterte mein blutendes Herz nur, um es desto heftigern Nachwehen Preis zu geben. Diese Betäubung verlor sich nicht eher, als bis meine beiden Begleiter sich in so weit von ihrer eigenen erholt hatten, dass sie mir ihre zitternden hände bieten konnten – und so schwankte ich endlich aus dieser Behausung des Schreckens mit zu Gott erhobener sprachloser Empfindung.
Wie sauer ward mir dieser gang! Setze den Fall, Eduard, dass Dein bewundernder blick von Rubens jüngstem Gerichte auf einmal zu dem Jahrmarkte eines Teniers herabsänke – Du würdest Dir doch nur einigermassen den widrigen Eindruck vorstellen können, den jener Haufe gemeiner Narren auf mich machte, an deren Behältern vorbei ich jetzt meinen Rückweg nehmen musste. Ich hatte keine Augen, kein Mitleiden für sie mehr, so voll war mir das Herz von den Seelenleiden des herrlichen Weibes und der schrecklichen Wahrheit der Worte
Um mich Zerknirschte sammeln
Sich viel Bedrängte her:
Doch Aller Zungen stammeln:
Ich traf, als ich in Filberts Zimmer trat, den Arzt an, dem St. Sauveur die Besorgung seiner unglücklichen Freundin auf die Seele gebunden, und der seit einer Viertelstunde auf meine Zurückkunft und die Nachrichten gewartet hatte, die ich ihm von dem Zustande der Kranken mitbringen würde. Meine Bemerkungen konnten nichts neues für ihn entalten. Ich brach sie kurz ab und bat dafür i h n mit nassen Augen, mir, der ich auf dem Punkt stände, Marseille zu verlassen, den Balsam mit über die Gränze zu geben, dessen mein verwundetes Herz so sehr bedürfe – die Gewissheit der Wiederherstellung dieses weiblichen Engels. "Sie verlangen zu viel von der misslichen Kunst, der ich diene, wenn ich Ihnen," antwortete er, "mehr als die grosse Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung zusichern soll, da sie auf Bedingungen beruht, über die Gott allein Macht hat – dass nämlich die periodische Heftigkeit ihres Wahnsinns nicht tödtlich für das Unterpfand ihrer ehelichen Zärtlichkeit sein werde, und die Geburtsstunde mit jener Geistes-Erschütterung nicht zusammen treffe. In dieser Voraussetzung dürfen wir den glücklichsten Erfolg – von dem Erstaunen erwarten, mit welchem ihre erste Entbindung – die Erscheinung der Frucht ihrer Liebe und das neue süsse Gefühl ihr mütterliches Herz erfüllen wird. Die Vereinigung aller dieser Umstände, durch die sich die natur im Fortgange erhält, wirkt in gleichem Masse schmerzstillend auf den äussern Menschen, als sie den inneren zu hohen, moralischen, edlen Entschliessungen erweckt. Ja, mein werter Herr, auf die Gott gebe! glückliche Stunde ihrer Niederkunft, die vielleicht zu Anfange künftiger Woche eintritt, setze ich mein grösstes Vertrauen – und bin beinahe überzeugt, dass die heilsame Gegenerschütterung in dem Augenblicke, wo die Verlassene Mutter wird, ihren zerrütteten Verstand wieder ins Gleichgewicht bringt. Die kleinen hände des neugebornen Kindes werden die beiden Enden des zerrissenen Bandes ihrer Liebe wieder zusammenknüpfen. Mit himmlischer Neugier wird sie in seinem Gesichtchen die edlen holden Züge des Vaters aufsuchen – entdecken, und die Freude des Wiedersehens in einem hohen Grade geniessen. Sie wird sich nicht mehr für verlassen in einer öden Welt achten, und ihre lange verhaltenen Tränen werden an der Wiege ihres schlummernden Säuglings einen wohltätigen Ausfluss gewinnen. – Die sorge für den kleinen Hülfsbedürftigen wird ihr die notwendigkeit ihrer eigenen Erhaltung sanft an das Herz legen, und so, denke und prophezeie ich, wird sie der Allmächtige, unter dem Vorgefühl besserer Tage, zum Bewusstsein ihrer selbst – zu ihrem, jetzt so getrübten glänzenden Eigentum und in die Nähe ihres und unsers edlen Freundes zurückführen.
In dieser schönen Erwartung besuche ich täglich die holde Kranke. Während ihres Schlafs, der nach der galligen Entledigung ihres unnatürlich gereizten, sanften, grossmütigen Herzens – zum Glücke für ihre Erholung bis gegen Mittag anhält, kann ich ihr allein mit meiner hülfe beikommen, die sie wachend ausschlägt, und Verabredung mit ihrer freiwillig Mitgefangenen nehmen, deren Beistand der armen Verirrten wichtiger ist, als der meinige, und die sich gewiss schon eine ängstliche Weile nach mir umsieht. – Sie sind innigst gerührt, mein Herr! Möge der Eindruck dieses erhabenen Trauerspiels Sie nicht aus unserer grossen sittenlosen Stadt, sondern bis zum Ausgang Ihres Lebens begleiten, und Sie für die kummervolle Stunde entschädigen, die für so viele Leichtsinnige, die sie schon sahen, verloren war. Reisen Sie glücklich, und leben Sie wohl! –"
Ein Händedruck – denn der Sprache war ich nicht fähig – dankte dem ehrlichen mann für seinen Trost und seine guten Wünsche. Ich umarmte den wackern Filbert, unaussprechlich bewegt, und setzte mich zwar höchst traurig, aber doch mit einem Herzen, das sich fühlte, und mit sich zufrieden war,