musste. Er schien es mit Verdruss zu tun, und das kann wohl nicht anders als dem zum Nachteil gereichen, den er unter seine Scheere nimmt. Sobald er mich in das Licht fasste, studierte er meine Gesichtszüge mit so tief forschenden Blicken, dass es mir eiskalt über die Haut lief. Es währte lange – und das ist begreiflich – ehe er sein Urteil abgab. Ich reichte ihm inzwischen eine Prise Tabak, um mich bei ihm in Gunst zu setzen. Er nahm sie auch mit sichtlichem Vergnügen – nies'te und erklärte sich:
Wohl dem, der so wie Du bedächtig
Nur die gerade Strasse geht,
Stets seiner schwachen Sinne mächtig
Sich nie aus seinem Gleise dreht!
Dess überwichtiges Gehirne
Nie in den Stürmen untersank.
Wohl seiner flachen Stirne,
Tritt auch in Deinem Trauerspiele
Kein König Lear aufs Bret – wohl Dir!
Dem Rasenden zunächst, am Ziele
Der Narrheit, stand sein Shakespear.
Klug meidet drum der Dichter Haufen
Die, seit ihm, unbetretne Bahn:
Wie bald ist nicht im Laufen
Ein Schritt zu viel getan!
Ein Schluck zu viel beim Nektar-Schmause
Apollens – eine Rose mehr
Der Rosen in dem vollen Strausse
Der Liebe, schleudert Dich hieher;
Die Torheit lockt mit Amoretten
Die Bernards in ihr Vorgemach,
Und zieht mit Ordensketten
Den Löwen-Ritter25 nach.
Während der gute Magister sich so bescheiden über meine Physiognomie herausliess, beschäftigte ich mich indess mit der, die er mir darlegte, und fand in seiner gewölbten Stirn, gebogenen Nase, und spitzen Kinnlade eine Aehnlichkeit von einem – aber Gott weiss – welchem meiner Bekannten. Ich liess mir von Bastian eine ganze Deute Rappée geben, die ich ihm verehrte, und wir schieden als gute Freunde aus einander. Filbert sah nach der Uhr. "Noch haben wir Zeit, einen blick in den Hof zu tun, der das weibliche Geschlecht einschliesst. Gleich am Eingange wird Sie die sapphische Furie fest halten, von der ich Ihnen erzählt habe." "So wollen wir lieber," versetzte ich, "davon bleiben! denn es ist mir schon so übernächtig ums Herz, als wenn ich ein Dutzend Musenalmanachs gelesen hätte." – "Nicht doch, mein Herr," redete mir der Aufseher zu. – "Schon des Kontrasts wegen mit der vortrefflichen Dame, die Sie bald sehen werden, rate ich Ihnen zuvor diesem Gegenstücke einen kurzen Besuch zu machen."
Kaum hatte er die Tür des Hofs geöffnet, so bäumte sich mir auch schon in dem nächsten Behälter ein so widriges Megären-Gesicht entgegen, als mich seit langer Zeit keins erschreckt hat – für die Anatomie der Seele aber ein noch ungleich schrecklicheres Kadaver; denn alle die Grundzüge des Neides, der Gefallsucht, der Heuchelei und der Wollust, die das schlimmste Weib – so lange es bei sich ist – in etwas doch zu verbergen weiss, traten hier durch den Hohlspiegel der Tollheit so vergrössert hervor, dass es keine andere Empfindung, als Schauder erregen konnte. Sie schien eben von ihrer Toilette zu kommen und sich nicht wenig auf ihren Kopfputz und den vorteilhaften Faltenschlag ihres Halstuches einzubilden. Auf der einen Seite lag ein Gebetbuch mit vergoldetem Schnitte von Madam Guyon,26 wie mir Filbert sagte, neben einer Muschel mit Schminke – auf der andern eine Wulst von schwarzem Sammet, die ihrem hoch aufgestreiften arme zur Unterlage diente. In dieser gezwungenen Stellung lächelte sie mich zuerst grinzenhaft an, ehe sie eine andere versuchte, die vor funfzig Jahren nicht ohne wirkung gewesen sein mag. "Womit," fragte ich boshaft, "vertreiben Sie Sich hier die Zeit?" "Mit der Vergangenheit," fasste sie sich in drei stolzen Worten, "der Gegenwart und der Zukunft;" spielte bei dem ersten mit dem Schnürband – warf sich bei dem zweiten in die Brust und blickte bei dem dritten mit grässlich andächtigen Augen gegen Himmel. – Nun höre, wie sie diesen Text ausführte. "Mir," fing sie mit dem Ausdrucke süsser Erinnerung an, und hätte gern ein wenig verschämt dazu ausgesehen:
"Mir hatte die natur, als Kind schon, manches
Wunder,
Das Männerherzen rührt, in Umriss angelegt;
Gefüllter selbst und runder,
Als sie sonst pflegt.
Still war ich fortgedieh'n zu immer höhern Reizen,
An Wuchs der Hebe gleich – Dianen an Gestalt,
Der Sommer kaum erst dreizehn
Bis vierzehn alt.
Da setzte mir die Zeit des Pfandspiels und der Küsse
Ans Ohr ein Räuberheer, das immer lauter rief:
Welch Mädchen! Gott, wie süsse
Da heftete sich mir das Brillenglas der Greise,
Des Jünglings Geier-blick mit der Beteurung an:
Ich überträf' an Weisse
Cyterens Schwan!
Doch diese Schwanenbrust verbarg den Trieb der
Tauben,
Ein Herz voll freundlicher und girrender natur,
Und nebenbei den Glauben
An Männer Schwur.
So schnell tönt Zephyr nicht in eine Aeols-Harfe,
Als jedes falsche Wort mir durch die Adern lief,
Das mich zu dem Bedarfe
Der Liebe rief.
Den Morgen weckten mich die zärtlichen Sonnette
Petrarchs. – Mein Tagewerk schloss Sappho's Abendlied,
Und Wach' an meinem Bette
Hielt ein Ovid.
'Dem Röschen folgt nur Spott, das zu dem fest der
Weihe
Berufen,' sang ihr Mund, 'von keinem Wunsch erreicht,
Verachtet, in die Reihe
Der Dornen schleicht.'
Ach! dieser Hebel war's, durch den ein Sohn der
Musen
Aus ihrem Gleichgewicht einst meine Tugend hob,
Und mir den