gegen meinen Begleiter, "der ältliche Mann, der hier so frei herumgeht und so behutsam einhertritt, als ob er auf Eier träte und ein geheimnis unter dem Mantel trüge?" "Er ist," berichtete mich Filbert, "mein Unteraufseher in diesem hof und nur um etwas klüger, als die er bewacht. Es gab eine Zeit, wo dieser Schleicher als der sicherste Führer durch das Labyrint der Metaphysik angestaunt wurde, und Schüler zog, die ihn vielleicht hier noch einholen. Es mochte wohl damals nicht ganz richtig mit ihm bestellt sein. Seine letzte Arbeit aber verriet ihn vollends. Nach vielen Versuchen über die Anomalien anderer kam er endlich auf seine eigenen, mit denen er, glaube ich, hätte anfangen sollen, und auf den unglücklichen Einfall, Selbstbekenntnisse zu schreiben, wie Rousseau. Von dieser Epoche an zählt sich seine Verirrung." "Das ist auch," fiel ich ihm ins Wort, "der geradeste Weg, entweder ein Heuchler oder ein Narr zu werden. – Könnten Sie mir wohl sagen, ob er sie in Form eines Tagebuchs schrieb?" "Ist mir nicht bekannt," antwortete Herr Filbert. "Die Handschrift wurde auf königlichen Befehl verbrannt." – "Verbrannt?" wiederholte ich, "wie kommt es aber, dass man einen so gefährlichen Schriftsteller bei dem Zuspruche der vielen Neugierigen in so leidlicher Verwahrung hält, und ihm obschon die Feder nicht – doch die Zunge frei lässt?" "Weil er," gab mir der Oberaufseher zur Antwort, "keiner Seele etwas zu leid tut, immer am liebsten von sich spricht, wie sein Original, in der freien Luft am ruhigsten ist – eben so gern, als jener, in die Sonne blickt, und ein Metaphysikus in einem Tollhause keine Autorität mehr bei seinen Zuhörern hat. Sein verlorner Wirkungskreis schien ihn anfangs sehr zu schmerzen – diess bewog mich, ihm als eine kleine Entschädigung die Polizei dieses Hofs anzuvertrauen. Er benimmt sich recht gut dabei – schleicht – wie Sie sehen, von Gitter zu Gitter – horcht, beobachtet und verfehlt nie, es mir sogleich zu melden, wenn einer seiner Untergebenen den Kopf durch das Luftloch gezwängt oder sonst einen Unfug gestiftet hat – doch Sie werden gleich selbst urteilen können, wie es mit ihm steht." "Ich bekleide hier" – war seine Antwort auf meine hingeworfene Frage, "ein Amt, das ich lange durch grosse entfernte Umwege zu gewinnen gesucht habe, ehe ich auf einem ganz einfachen dahin gelangte." "Wie so?" suchte ich ihn in seine Schwärmerei zu verlocken, und ich traf es so gut, dass er die hier grassirende Poesie zu hülfe nahm, um mir vermutlich für sein Selbstbekenntniss desto mehr achtung einzuflössen, das ungefähr so lautete:
Der Wahrheit dunkeln Pfad zu finden,
Der unterm mond sich verlor,
Durchglüht' ich mich und hielt den Blinden
Die Leuchte meiner Schriften vor.
Mit Rauch umgeben und versunken
So gut als sie auf Gottes Heerd,
Schätzt' ich mich doch als einen Funken
Des Feuers, das die Geister nährt,
Als einen teil, der für das Ganze
Notwendig wie die Sonne sei,
Und wähnte, zum gemeinen Glanze
Misch' ich auch meinen Firniss bei.
Da hört' ich eine Stimm' erwachen:
Die Welt braucht dein erhabnes Licht,
Braucht, um ihr Feuer anzufachen,
Den Brennstoff deiner Schriften nicht!
Lass dem Erhalter seine Sorgen;
Genug dem Sterbling, der im Schweiss
Des Angesichts den nächsten Morgen
Mit Heute zu berechnen weiss.
Steig an der Kette der Ideen
Nicht bis zum Engel – steig herab;
Der stolze Weg, der dir zu gehen
Vergönnt wird, ist der Weg ins Grab.
Der Wurm soll kriechen, sich verstecken,
Den Staub vermehren, der ihn schuf –
Das Unsichtbare zu entdecken
Ist keines Sterblichen Beruf!
Was dein Gehirn in Umlauf bringet,
Befördert keines Sternes Lauf,
schreibe oder nicht, die Sonne schwinget
Sie doch am Horizont herauf.
Kann wohl ein Doktor, ein Verfechter
Der Wahrheit seines inneren Sinns
Mehr nützen als ein Narrenwächter?
Der wollt' ich eben sein – und bin's!
Wohl Schade, dachte ich, dass du dein Stammbuch nicht bei dir hast, denn das wäre gerade der Mann, den du ohne Bedenken um ein Memoriae gratia bitten könntest. Ich würde auch gern seiner beichte – ob ich gleich hier und da den Sinn erst hineinlegen musste, mein Ohr noch eine Weile geliehen haben, wäre nicht das seine durch ein Geräusch am Ende des Hofs stutzig geworden – denn nun war er nicht aufzuhalten. "Lassen Sie ihn nur gehen," sagte Herr Filbert, "Sie sollen nichts dabei einbüssen. Treten Sie nur an das Gitter Nummer fünf, wenn Sie einen Narren von Magister hören wollen, den das Nachgrübeln über die schwierige, aber nicht ganz verwerfliche Physehr treffend – Sehen Sie nur wie seine Wände mit Schattenrissen überklebt sind. In einer Stunde kann ich Ihnen voraus sagen, ist Ihre Silhouette auch darunter, und gewiss so gleich, als wenn Sie ihm gesessen hätten." – "Da ist es doch," erwiderte ich, "wirklich ewig Schade, dass sein Talent hier, so ganz unnütz für die Welt, vergraben ist. Spricht er auch in Versen?" – "Das können Sie denken," sagte mein Führer und klopfte an die Tür. Der arme Narr! Es tat mir wohl leid, dass er meinetwegen von seinem Arbeitstische aufstehen