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mehr, der ihr abgeht. Es dünkt den Kleinen von der wohltätigen Hand eines Salamanders gebacken, und schmeckt und bekommt ihnen nur desto besser. So ging es gerade auch mir. Ich folgte dem Feenmährchen meines Freundes mit kindischer Neugierdeliess den kleinen Anspielungen auf seine wahre geschichte alle Gerechtigkeit widerfahren, und sein Bergschloss sammt den Rittersälensein Talisman und die himmelblaue Rotunde gefielen mir ganz wohl, aber so anlockend konnten sie doch für einen verständigen Mann nicht sein, dass er darüber seine Rückreise ins Vaterland nur um einen Taggeschweige einen ganzen Sommer verschieben sollte. Da Freund Saint-Sauveur sah, dass seine Bildersprache nicht wirkte, ging er zur schlichten Prose über. "Meine dortigen Besitzungen," sagte er, "gehören in allem Ernst zu den angenehmsten in Frankreich. Sie sind mit Wäldern durchflochten, wie du sie liebstdas Klima ist ganz deutschdie Luft gesunddie natur gross, fruchtbar, heiter und wohltätig, und mit meinen romantischen Anlagen wirst du zufrieden sein." Das mag wohl alles seinen Wert haben, dachte ich, aber treffe ich es denn nicht auch in Deutschland wieder an? Es ist eine eigene Sache mit dem Heimwehich überhörte nochmals seine freundschaftliche Einladung, und blieb unerschütterlich bei meinem Vorsatzeaber jetzt rückte er mir das Zukkerbrot unter die Augen. "Auch Agate wird uns begleiten," warf er noch am Schluss seiner Rede so hin ... und nun verriet sich das Kind mit seiner ganzen Schwäche auf einmal. Ich stutztedoch länger nicht, als ich Zeit zu dem pfeilschnellen Gedanken brauchte, welche Lust es sein müsste, in den dortigen herrlichen Wäldern, Agaten am arme, zu wandelnder Vorzeit in den alten Rittersälen mit ihr nachzuspüren und ihre Meinung über die himmelblaue Rotunde zu hören. Mag doch aus meinem vaterland werden was Gott will! – dort komme ich immer noch zeitig genug an, und ohne mich länger zu besinnen, gab ich mein Jawort zweimal hinter einander. Indem brachte der Bediente das Pakt Zeitungen, ich schob es in die tasche, ohne es anzusehen. Mein Freund hatte mich in eine Gegend verzaubert, aus der ich mich nicht wieder wegbringen konnte. Er musste mir alles auf das genaueste vormalen und beschreibenAlle Winkel in seiner Burg waren mir lieb geworden, und ich hätte mich mit Agaten finden wollen wie zu haus. Wäre ich in diesem Momente vom Schlage gerührt worden, o Gott, wie viele köstliche Aussichten des Lebenswelche süsse Erwartungen hätte ich verloren! Das geschah nun zwar nicht, dafür traf mich aber eine andere Widerwärtigkeit, die jener nichts nachgab. Man händigte mirund die Rede blieb mir im mund steckeneinen Brief ein, den eben eine Stafette gebracht habe. "Gieb acht," erschreckte mich Saint-Sauveur, "die Unwissenheit der Berlinischen ärzte hat gesiegtEuer grosser Friedrich wird dahin sein, und dann erbarme sich Gott deines Vaterlandes" – Ich riss den Umschlag auflaserblasste, als ob er es erraten hätteund nun reichte ich ihm das elende Geschreibe zu seiner Beruhigung hinMit der meinigen war es vorbei. Ich setzte mich auf eine Altarstufe und hing den Kopf. "Was zum Henker hast du da für eine Korrespondentin," fragte SaintSauveur, als er die Unterschrift zuerst ansah – "Elektra? – dermalen auf dem Jahrmarkt zu Montpellier?" – Ich gab ihm Aufschluss so gut ich konnteaber jede Zeile, die er weiter las, nötigte ihn zu einer neuen Frage, die endlich, zusammen genommen, ein Verhör bildeten, wobei ich selbst nur zu sehr fühlte, wie albern ich aussah – "Du hast also deine Livreen auf dem Trödel gekauft? Schmuck von Wert darin gefunden? und ihn seinem Eigentümer nicht wieder gegeben? und darüber, wie ich sehe, zwei ehrliche Kerleals Mörder der entlaufenen Bursche, die vorher die Kleider trugen, in Ketten und Banden gebracht? – Die Frau meldet, das Gericht bedrohe beide Brüder mit der Torturundes ist schrecklich, gäbe ihnen nur drei Tage Zeit, ihre Unschuld entweder darzutun, oder sich auf den Galgen gefasst zu machen. Welchen fatalen Handel hast du dir da zugezogen, lieber Wilhelm, und was gedenkst du nun anzufangen?" Ich hockte vor dem Marquis wie ein armer Sündergab ihm kleinlaut über alles Bescheidgestand ihm aufrichtig die Schuld meines unverzeihlichen Leichtsinns und bat um seinen guten Rat. Er tat mancherlei Vorschläge, die er aber ihrer WeitläuftigkeitUnsicherheit oder möglicher Zufälle halber, eben so bald wieder zurücknahm. Nach langem Hin- und Herreden blieb mir nichts übrig, als um seine Pferde und Wagen bis Marseille zu bitten, von da ich Post nach Montpellier nehmen wollte, um die Sache durch meine eigene Gegenwart ins rechte Gleis zu bringen. Der menschenfreundliche Mann war selbst zu betroffen, zwei Unschuldige, meiner Torheit wegen, in der Todesangst schwitzen zu sehen, und kannte die Geschwindigkeit der französischen Justiz viel zu gut, als dass ihm sein Gewissen erlaubte, mich aufzuhalten – "Willst du nicht wenigstens vorher in unserer Gesellschaft frühstücken?" fragte er zuletzt – "In Eurer vortrefflichen Gesellschaft?" jammerte ich, "ach erinnere mich nicht daran, was ich alles hier verliereWo sollte mir die Esslust herkommen? Muss ich nicht eilen, um fortzukommen, da es die Ruhe und das Leben zweier schuldlosen Menschen gilt?" Hierauf liess