mituns, dass seit seiner Befreiung protestantische Prediger keine Strafe mehr zu befürchten hätten, wenn sie, wie sein Vater, im Stillen ihre Pflicht täten; malte mir in natürlichen Ausdrücken den Zustand seiner Seele, während sein Körper in Ketten lag, und wie ihn der Gedanke an seinen guten Vater und an seine Geliebte, die den Wert seiner Tat erkannte, gestärktund wie ihn das Bewusstsein, rechtschaffen zu handeln, mitten in seiner Mühseligkeit überreichlich belohnt hätte, und rührte mich durch seine ungezwungene Erzählung bis zu Tränen.
Während dieser Unterredung, und da wir eben eine Seitenallee einschlugen, sahen wir am Ende derselben einen dunkeln Rock, der sich durch einen blinkenden Stern schon in der Entfernung auszeichnete. – Wir sprachen ungestört fort, ohne auf diesen Stempel des Verdienstes weiter zu achten, und das war eben mein Unglück.
Die Figur war immer näher gerückt, und ehe ich ausweichen konnte, fand ich mich schon von den Armen des unerträglichen Ritters der Annonciade, des Grafen von ** umschlungen. Ich beantwortete seine fragen, seine Umarmungen und sein Erstaunen so verlegen, wie zu Berlin, und stotterte in der Angst den Namen der Marquise, an die er sich nun mit seiner zweiten Verbeugung wendete. Ich hätte voraus sehen können, wie geschwind er dies; für eine Aufforderung halten würde, sich in seiner Stärke zu zeigen – Gott weiss, ob er's tat! Der entscheidende Ton, der ihm eigen ist, seine verunglückte Diskant-stimme, sein musiver Witz, sein Elsterlachen, vertrieben nur zu bald jedes Merkmal voriger Zufriedenheit aus unser aller Gesichtern.
Um seiner los zu werden, verfiel ich auf das einzige Mittel, das uns bei einem Schwätzer übrig bleibt: – ihn selbst zu verlassen. Ich sah nach meiner Uhr und fragte die Marquise: ob es nicht Zeit sei in die Komödie zu gehen?
Kaum war diese Frage entwischt, so tat er den Sprung der Verwunderung zurück.
"Bei dem Gotte des guten Geschmacks!" quäkte er: "was wollen Sie in der Komödie machen? Doch" ... erholte er sich wieder: "meinetwegen sollen Sie Sich nicht abhalten lassen. Das heutige Stück ist zwar, nach dem Zettel, auf den ich dort an der Ecke im Vorbeigehen einen blick warf, in der Tat keines der ersten. Die Scenen sind matt, und das ganze Sujet ist unter der tragischen Würde. Indess – dergleichen Missgeburten gehören ja zur herrschenden Mode! Vor vielen Jahren wurde es sogar m der Hauptstadt aufgeführt – Doch das beweis't freilich nichts für seine Güte!"
"Der Kenner klagt auch dort, die Bühne sei, zum
Schimpfe
Des heutigen Geschmacks, bei'm tod Cäsars leer.
Allein was schadet das? Weint etwa das Parterr
Beim Centfall einer Bauernnymphe
Um einen Tropfen weniger?
Sonst hatten wir mit Kronen nur Verkehr.
Diess ist vorbei – Kein Mensch, wenn ich die Nase
rümpfe,
gibt Acht darauf. Jetzt trabt kein Ritterheer,
Kein König in Triumph auf unsern Bühnen mehr,
Denn unser Mode-Held – wirkt Strümpfe."
Das Blut stieg dem ehrlichen Fabré in das Gesicht. Die Marquise erschrak, und ich, der ich mich als die erste Ursache dieses groben Ausfalls meines witzigen Landsmannes ansah, mir vorwarf, dass ich unsern ehrlichen Begleiter nicht zur rechten Zeit dem Grafen vorstellte – was ich in diesem Augenblicke empfand, das wirst Du Dir selbst sagen. Ein Fehler folgte in dieser unseligen Stunde aus dem andern.
"Lieber Graf," sagte ich, um die Sache gut zu machen, "vergeben Sie mir, dass ich Ihnen diesen Herrn noch nicht bekannt gemacht habe. Es ist eben der rechtschaffene Herr Fabré, dessen rührende geschichte der Inhalt des heutigen Stücks ist. Ihr Epigramm kann in Absicht der Ausführung dieses Schauspiels sehr wahr sein: das wird Sie aber gewiss nicht abhalten, der Tat selbst, die zum grund liegt, und den Verdiensten dieses edlen Bürgers Ihre schuldige achtung zu schenken."
Ich Unbesonnener! Was für ein Gewitter erregte ich!
"Ein edler Bürger! Welch ein Schrecken
Ergriff sein deutsches Ohr bei dieser Dissonanz!
Ihm stieg der Kamm, sein Auge schwamm im Glanz,
Und ausgeschmückt mit Panzer, Helm und Decken,
Trabt' er einher auf seinem alten Schecken
Gerade los auf Fabers Eichenkranz.
Doch ich, dem jetzt der Retter seines Vaters
Und deutsche Ritterschaft gleich nah' am Herzen lag,
fand noch, so schwer es war, ein Mittel zum Vertrag:
Sprach mit dem vesten Mann von der Entree des
Praters
Und von dem neusten Ritterschlag,
Mit Fabern vom Getös des bunten Weltteaters
Voll Helden, die doch nur der letzte Probetag,
Der alle Masken hebt, zu würdigen vermag.
So mischt' ich schlau mit Ernst und Spotte
Die Karten so, dass mein verdecktes Spiel,
Mit zwei Gesichtern, gleich dem Kriegesgotte,
Den beiden nach verschiednem Ziel
Hinstrebenden, gleich wohl gefiel,
Und so wurde' ich kraft jener Menschenkunde,
Die mich der Hof, die Welt und mein Gefühl gelehrt,
Von Freund und Feind mit einem mund
Als Kenner des Verdiensts geehrt."
Da ich es so weit gebracht hatte, bot ich der Marquise den Arm, und eilte mit ihr aus der Atmosphäre des Schwätzers, um mir in der Loge den Angstschweiss abzutrocknen, in welchen mich dieser Auftritt gesetzt hatte. Der gute Fabré begleitete uns, und ich hoffe, dass ihn die Empfindungen, die ihm während der Vorstellung seiner guten Taten aufsteigen mussten,