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ihr wohl entdekken, wie grossmütig er gehandelt hatte, sobald er die Klausel in dem Testamente erfuhr? Musste ich nicht fürchten, dass die heroische Tat einer Jugendfreundin einen nachteiligen Eindruck für St. Sauveurs Liebe auf Klarens Herz machen würde? Ich bat Gott inbrünstig um Weisheit zur Leitung dieses so verwickelten Geschäftsteilte meine ganze Aufmerksamkeit zwischen beide Freundinnen, belauschte das in zärtlich freundschaftlicher Wehmut dahin schmelzende Herz der einen, und rief St. Sauveur zu hülfe, wenn es sich ganz für ihn verlaufen wollte, und half der gewaltsam unterdrückten Liebe der andern, ohne dass sie es ahnden konnte, wieder in die Höh', und da sie dennoch auf ihrer religiösen Schwärmerei blieb, setzte ich meine ganze Hoffnung auf den Ausgang des heutigen Festes, dem sie selbst den eifrigsten Wunsch äusserte als Choristin beizuwohnenals sie hörte, dass ich eine Kapelle der heiligen Ursula durch Klarens Eintritt in das Noviciat einweihen würde. Sie erbat sich von der äbtissin die erlaubnis dazu, in der gewissen Hoffnung, gleich nach der Ceremonie mit ihrer Busenfreundin zurückzukehren, und sie bei den Klosterschwestern einzuführen. O wie unendlich hat mich Gott für die sorge belohnt, die ich für diese herrlichen Geschöpfe getragen habe! Die vielen bänglichen Jahre, die vorangingen, liegen jetzt so vergessen hinter mir, als ob sie nie da gewesen wären, und meine Seligkeit, scheint es mir, hat mit dem heutigen Tage ihren Anfang genommen." "O lieber, biederer, grossmütiger Mann," rief ich aus, als er schwieg, "möge Gott doch noch lange Euer ehrwürdiges Leben fristen, und Euch noch oft auf die Spur bringen, arme Verirrte und Verlockte zu ihrem wahren Beruf zurückzuführen!" Ich fiel ihm, als wir an das Gartentor kamen, um den Hals, bat um seinen Segenschlug aber, statt ihn hinaus zu begleiten, aus einem eigenen Gefühl, den Feldweg ein, den ich gekommen war. Nach dem Kapuziner auf der Galeere war er der zweite Mönch, den ich umarmte, und ich kann Wohl sagen, herzlicher noch als jenen. Sie verdienen beide die Bewunderung fühlbarer Seelenaber welcher verdient sie wohl mehr? Jener, der Unglückliche bei dem Bewusstsein ihrer Schuld vor Verzweiflung bewahrt, oder dieser, der Unschuldige von einem moralischen tod rettet? Gott mag entscheiden, ich kann es nicht. Ach, mit welchen herzerhebenden ganz andern Empfindungenselbst der glückliche St. Sauveur, dächte ich, müsste mich darum beneidenüberstieg ich jetzt zum zweitenmal den Gartenzaun! O der Mensch ist nicht so bösartig, als man ihn gewöhnlich ausschreit, oder er sich oft selbst hält! Er sucht zwar nicht gern die Scenen auf, die sein Herz rühren und bessern könnten, aber führt ihn der Zufall dahin, so hängt er sich leidenschaftlicher daran, als an seine strafbaren Irrtümer. Schon traten, als ich mich dem Park näherte, die verbleichten Bilder der natur hinter dem grauen Vorhang, der sie verbarg, farbig wieder hervor. Das Säuseln des Erwachensder Gesang des Lebensdie Freude des Wiedersehensdie Auferstehung eines neuen tages begann. Wie möchtest du jetzt an dein Bette denken, sagte ich zu mir selbst, und wenn es Agatens Reize umschlösse, ich würde mein Herz zuvor durch den Anblick der aufgehenden Sonne erwärmen, ehe sich meine Augen in den ihrigen berauschten; und wäre es der fröhlichste Bürger der Erde, der ungeduldig anklopfte, er müsste warten, bis ich seinen Schöpfer begrüsst, und in dem Meere seines Lichts meinen Bildungstrieb gereinigt hätte. Ich lagerte mich an den Stamm einer Balsamfichte, und erwartete das grosse Schauspiel mit dem Entzücken, das ich schon kannte. Die Wolken zerflossender Mond verblichdie Sterne verloschen, und nun schwenkte sich das gebietende Gestirn aus der Unterwelt über unsern Erdball, ergoss seinen Lichtstrahl und wirkte. Mein Auge spiegelte sich in den Tautropfen, die, wie reine Herzen, wenn sie brechen wollen, noch einmal aufschimmerten und verdunsteten. Unwillkürlich streckten sich meine arme dem Wunderballe entgegen, der an den Bergsaum heraufrollte, und der Drang hoher Empfindung suchte einen Ausweg über die lallenden Lippen: Ach wo, rief ich in meinem Entzückenwo gäb' es in der natur einen Gegenstand, der rührender an das menschliche Herz spräche? und hörte hinter mir rufen: H i e r ! Betroffen sah ich mich um, und Saint-Sauveur und Klara, an seine Brust gelehnt, waren es, die mich behorcht hatten – "O Ihr habt Recht," sprang ich von meinem Sitze auf – "ihr trefflichen Menschen! Eure Liebe ist rührender, ist edler noch, als der Glanz der Sonne." Sanft lächelnd gaben sie sich meiner Betrachtung Preis, und mein blick weidete sich an dem für ein unschuldiges Herz erstaunlichen Bewusstsein, das in den Augen des jungen Weibes lag. Wer hätte in Anschauung ihrer nicht alles vergessenwelcher Firniss seliger Gefühle überglänzte nicht ihr verschämtes Gesichtwie sanft verlor sich nicht ihr Nachdenken in der Glorie des ersten anbrechenden Tages ihrer grossen Errettungwie freundlich spielte nicht sein Strahl um ihren in frohlockenden Dankgebeten schwellenden Busen, der unter blassroten Schleifen eines weissen Gewandes, sich allen Blicken noch eben so schüchtern als gestern unter dem Nonnenschleier verbarg. So verschliesst die Nachtviole jedem Lichtstrahle ihren duftenden Kelchhüllt sich in den Instinkt ihrer angebornen Würde, und öffnet ihren Wohlgeruch nur den verschwiegenen Schatten. Doch in welches poetische Labyrint verlockt mich nicht dieses herrliche Weib! Ich könnte