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diesem sonderbar glücklichen Verhältnisse habe ich erst angefangen meiner wahren Bestimmung zu folgen, aber das Glück der Jugenddas Eingreifen der Liebe in die Zukunft, war dahin, war einem falschen Götzen aufgeopfert, und ach! kinderlos blicke ich nun in das Grab. Doch lernte ich in der Freiheit, was in meiner Zelle unmöglich warMenschen lieb gewinnen, und gewann selbst treue und würdige Freunde. Das Bette eines Kranken brachte mich mit dem edelsten von allen, mit dem Marquis von St. Sauveur in Verbindung." – Aber hier, Eduard, will Ich das Wort nehmen, um Dir die grosse Seele dieses Religiosen anschaulicher zu machen, als aus seiner eigenen, nur allzubescheidenen Erzählung erhellen würde. Erst durch die zudringlichsten fragen und durch Zusammenstellen seiner kurzen Antworten, konnte ich mir nur über seine Würdeseinen Anteil an den frohen begebenheiten des heutigen Tages und den geheimen Zusammenhang derselben Licht verschaffen. St. Sauveur, dessen hohe tätige romantische Tugend er mir nicht beredt genug schildern konnte, brachte ihn in die Bekanntschaft von Klarens Mutter, die zwar eine religiöse Schwärmerin, aber zum Glück für die Tochter eine eben so rechtschaffene, verständige und lenksame Frau war. Sie hatte bei der schmerzhaften Geburt derselben der Maria das Gelübde getan, sie der Entsagung des Ehestandes und dem Klosterleben zu weihen, und durch ein feierliches Testament ihr alle Mittel benommen, ein anderes zu führen. In einer solchen Lage fand der Dominikaner diese Gewissenssache, als er in dem haus des Gouverneurs bekannt und von seiner Gemahlin zum Beichtvater gewählt wurde. Der rechtschaffene Mann nahm sich sogleich auf das heiligste vor, die Mutter von ihrer Verblendung zu heilen und das unschuldige Kind zu retten. Er bemächtigte sich der Freundschaft und des Vertrauens der Marquise, und stieg endlich in demselben so hoch, dass er es wagen konnte, ihr seine bessern Grundsätze vorzulegen; aber welche Gewandteit, welche sanfte Beredtsamkeit musste er nicht anwenden, um die fromme Frau nur erst bis zum Zweifel an der Rechtmässigkeit ihres Gelübdesund welche List der Tugend, um sie bis zur Bereuung desselben zu bringen! Endlich gelang es seinem standhaften Eifer, den schwachen Grund in so weit zu untergraben, dass die Säule ihres Aberglaubenswo nicht ganz einstürzte, doch um ein merkliches sank. Als er eines Morgens das kleine liebe Mädchen auf den Arm nahm, sich an ihren Schmeicheleien ergötzte, ihre grossen blauen Augen, ihre zum Küssen einladenden Lippen, und die herrlichen Züge betrachtete, die schon damals ihr Gesichtchen zum Verwundern erhoben, rief er bewegt: Und alle diese Kleinodien der natur, diese Geschenke Gottes sollen dem menschlichen Glücke entzogen und lebendig vergraben werden, bis sie unter dem peinlichsten Gefühle zu Reliquien verschrumpfen! Diese Worte und die männliche Träne, die dabei über seinen schneeweissen Bart rollte, erschütterten das mütterliche Herz. – Nun so zeigt mir, grausamer Mann, schluchzte sie, einen Ausweg aus diesem Labyrinte, ohne meinen Eid zu brechen, und Ihr mögt es bei Gott und seiner heiligen Mutter verantworten. Ja das will ich, rief er ernst und feierlich, und brachte nun einige Tage nachher das Kodicill zu stand, das er mit ihr verabredete, selbst aufsetzte und mit einem Eide übernahm, es unter keiner andern als den festgesetzten Bedingungen geltend zu machen, die aber immer noch schwärmerisch und durch die Möglichkeit, dass Klara auf ihrer Seite sie nicht erfüllen würde, furchtbar genug waren. Denn hätte das gute Kind, in der angeordneten Betäubung, den Wurm, der ihr Herz nagte, aus weiblicher Schwäche verhehltvor ihrer feierlichen Entsagung, nicht unter den Augen des Mutterbilds der Maria den Mann genannt, der ihr den Uebertritt ins klösterliche Leben so schwer machealle Mühe des redlichen Mönchs, das KodicillBriefRing und die Erbschaft wären für sie verloren, und dem Kloster, in das sie aus jener ländlichen Kapelle versetzt zu werden in Gefahr stand, verfallen gewesen. Daher kam die angstvolle erschütternde Beschwörung des Mönchs, daher das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung des armen Brigadiers, der hinter dem verhängten Gitter, mit gleicher Bangigkeit wie der Flügelmann, den er vor einigen Tagen überraschte, Leben oder Tod von den Lippen seiner Geliebten erwartete. Daher ärgerte ich mich ganz umsonst über die zweideutige Voraussetzung des Dominikaners in Ansehung des Schenkungsbriefes. Die entlassene Novice wagte nichts, ihn zu bestätigen; denn er lag ja in den Domainen ihres Bräutigams und konnte nun nicht mehr in unrechte hände fallen. Und ach! wie manche andere Dinge, die ich heute Morgen ganz der Quere nahm, setzte mir diese nächtliche Unterhaltung erst ins Klare. Doch ich habe Dir noch lange nicht die Geistesgrösse dieses seltenen Mönchs in ihrem ganzen Umfange dargelegt. Nach dem tod seiner schwärmerischen Freundin widmete er alle seine Sorgfalt der verwaisten Tochter, deren gutes oder böses Schicksal in seinen Händen lag. Er sah die Rettung aus der Gefahr, die ihre Zukunft bedrohte, als den Zweck seines Daseins an. Aber welch ein Mann! rufe ich mit der höchsten Bewunderung aus, der sich durch den langen Zeitraum, der sein Ziel verbarg, so geschickt zu winden wusste, dass der Preis seiner Anstrengung nicht verloren ging, – der so viele Menschenkenntniss besass, um die Kräfte der verschiedenen Federn so zu berechnen und zu spannen, dass sie die beabsichtigte wirkung hervorbrachtender bei den Schwierigkeiten, die ihm entgegen traten, nie in der Wahl der Hülfsmittel fehl griffund Herzen in Flammen sogar, mit solcher Behutsamkeit zu lenken verstand, dass sie