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, kam aber bei allem dem bald genug meinem gegenstand so nahe, dass ich, bestrahlt vom Lichte, zwar nicht Agaten, aber eine andere menschliche Figur unterscheiden konnte, die sich langsam an einer Urne in die Höhe richtete, und mir kein geringes Grausen erregte, ehe ich bemerkte, dass es der Spender des heutigen Segensder fromme Mönch war, der mir entgegen trat. "Ach, heiliger Vater," sprach ich ihn an, "was macht Ihr an diesem einsamen Orte, und welchem Heiligen gilt euer nächtliches Gebet?"

– "Einem Unglücklichen, dessen Gebeine hier verscharrt liegen," antwortete er mit ernster stimme, "der sein schönes Daseindie Liebe und herrlichen Verstand seiner Gattin, dem Vorurteile der Ehre und einem Mörder Preis gab. Auf seinem Grabhügel unter dieser Weinlaube, die noch eine Stunde vor seinem tod ihn in den Armen seiner Gemahlin umschloss, bitte ich täglich Gott um Vergebung seiner schweren Sünde, und flehe den Allbarmherzigen um die Genesung der schuldlosen witwe" – "Ach!" rief ich, "so bin ich denn in dem Garten des armen Grammont? O, wie nahe liegt hier Freude und Traurigkeitwie nahe jene stolze Brautkammer und diese Todtengruft an einander! Ach! lasst mich mit euch beten, lieber Mönch, hülfe für die traurig getrenntedauerhaftes Glück für die durch euch so fröhlich Vereinten erbeten!" Der Mönch ergriff und drückte meine Hand au seine Brust; dann knieten wir beide in andächtiger Eintracht neben dem Monumente des Entleibten nieder, und als wir uns, eine gute Weile nachher, von dieser Todtenfeier erhoben, ich mit tronenden Augen auf- und über den Garten hinblickte, und es mir schien, als ob der vortretende Mond den Trauerflor von dem Eremitenhäuschen wegzöge, das einst in bessern Tagen der armen Wahnsinnigen so lieb und teuer war, und ich gern als ein himmlisches Zeichen angesehen hatte, dass unser Gebet erhört sep' – deutete ich mattlächend dahin. Der gute Mann verstand mich. Wir stiegen von der Anhöhe der Laube, der kleinen glänzenden Hütte zu, und nun, da ich davor stand und mir über dem Eingang die Worte Voltaire's, die sie, die Erbauerin, zur Aufschrift gewählt hatte, in die Augen fielenich mit der Sprache rang, um sie an diesem stillen Orte der Erinnerung noch einmal zu wiederholen, und bei der letzten halben Zeile est-on seul, on est sage, meinen Begleiter bedeutend anblickte, als wenn ich sagen wollte: Wer kann diese Wahrheit besser fühlen, als ein Mönch! – ach, wie gerührt wurde ich nicht durch feine Antwort! "Wollte Gott," sagte er, "die letzte Halste des Spruchs wäre so wahr als die erste! Ach, wer kann denn mehr allein sein, als die arme es ist, die ihn hinschrieb? Was hat sie mutlos bis zum Wahnsinne gemacht, als TrennungEntfernung und die Unmöglichkeit, ihr verschwundenes Glück wieder zu erlangen? – und sind nicht, mein Herr," indem er mir die Hand drückte, "sind das nicht auch die Grundpfeiler der Klöster, und bringen sie nicht auch dieselbe wirkung hervor?" Ich war so verlegen über diese unerwartete Aeusserung eines Dominikaners, dass Gott wissen mag, wer mir zwei Worte, die ich immer für widersprechend gehalten habe: das Glück des abgezogenen Lebens, auf die Zunge gerieten – "Das Leben," antwortete der Mönch, "sollte nie von Tätigkeit und erlaubtem Genuss abgezogen Werders denn was wäre sonst seine Bestimmung? Wenn dein Widerstand gegen wilde Neigungen nur von der Kette herkommt, die man dir anlegt, wem kann die Ehre davon gebühren, als der Kette? Ach, wie ist das Verdienst der Mönche und Nonnen so geringe! Unendlich ehrwürdiger ist mir der Mann, der in den Wellen des Lebens, wo nicht fest wie ein Fels steht, doch ihnen nur so viele freie Kraft entgegen setzt, dass sie ihn nicht ganz in den Sand spielen. O! ich kenne den Wert der Tugend, die von Versuchung entfernt istverstehe die Lieder der singenden Vögel, die ein Käfich umschliesstWas entielten die Seufzer meiner Andacht von meinem achtzehnten Jahre an bis in mein funfzigstes? Löset die zärtlich frommen Empfindungen der Nonnen, die nächtlichen Gebete eines Klosterbruders auf, und Ihr werdet erschrecken! Wie kann das Zerreiben eines armen menschlichen Herzens, das aus der Werkstatt der natur sich als einen unnützen Stein in eine Wüste verworfen fühlt, wie kann es zufrieden sein, wie könnte es Gott gefallen! Das Glück, im Guten tätig und frohen Herzens zu sein, geniesse ich alter Mann erst seit funfzehn Jahren, mein Herr, und musste mir es durch die Folge meiner sitzenden, und ohne mir einer andern Sünde bewusst zu sein, als die mir zur Pflicht gemacht warbussetuenden Lebensartdurch eine schwere Krankheit erringen, die aus Ungeduld gegen Gott und Menschen zusammengesetzt, zu dem höchsten Grade von Melancholie erwachsen war. Hoffnung der Freiheit, die mein Arzt menschenfreundlich unter seine Arzeneien zu mischen verstand, bewirkte allein meine Genesung, und auf seine Furcht vor einem Rückfalle, die er dem Pater Schatzmeister ans Herz legte, verlängerten meine Obern die Kette, die mich an ihre Stiftung band. Ich kam unter die Zahl der Wenigen, denen als Priestern einzelner Kapellen, und als Beichtvätern, oder, welches einerlei ist, als gedungenen Erbschleichern, ausser dem Kloster zu leben erlaubt wird. Seit