haben, auszeichnete. Ich weiss Dich besser zu schätzen. Die psychologischen, moralischen, metaphysischen Erfahrungen, die ich während dieses Vorspiels der geheimnissvollen Nacht mir und andern Gästen abnahm, und die ich Dir so unbefangen mitzuteilen verspreche, als ich sie erhielt, sind, hoffe ich, Deiner Aufmerksamkeit schon eher wert. Wenn sie Dich so gut als mich überzeugen, dass in der natur nichts in so naher Verwandtschaft steht, als ungewöhnliche Gerichte mit neuen Gedanken, wenn Du nebenbei meinen inneren Menschen auf Schleichwegen der Sinnlichkeit, die Deiner Metaphysik noch unbekannt waren, ertappst, so habe ich gewonnen, was ich wünsche. Ich könnte ein Buch über meine stillen Tafelbemerkungen drucken lassen; aber ich würde es nie tun, da ich weiss, dass in unsern lesesüchtigen zeiten keines mehr, wenn es nur von aussen nicht schmutzig aussieht, der Neugier unsrer Schönen entgeht, und ich keine Verrätereien an meinem Geschlechte begehen mag, die es in den Augen des ihrigen nur noch mehr herabsetzen würden, als es ohnehin schon steht. Vor einem so verwünschten Zufalle schützt mich, zum Glück, das geheime Fach in Deinem Schreibepulte. Das beruhigt mich.
Die vermutliche Pracht des Saals, in den wir traten – zeigt mir erst jetzt mein Nachdenken – ist über der runden Tafel in seinem Centrum, die mich ungleich mehr anzog, ganz von mir übersehen worden. In ihrer Mitte – wie wäre es möglich gewesen anderwärts wohin zu blicken? – erhob sich, aus dem reinsten Alabaster geformt, Amor und Psyche, in der lebendigsten, aber zugleich in einer so behutsamen Darstellung, dass sowohl der männliche blick an ihre – als das weibliche Auge an seine Göttergestalt, unbeleidigt bis zu dem Kusse beider hold verschlungenen hinanstieg. Die einzige Schwierigkeit war nur von dieser kleinen empfindsamen Reise ohne die sehnsucht zurückzukommen, das schöne Beispiel nachzuahmen. Wir alle unterlagen der ersten Regung. Einstimmig mit dem Gefühl des Andern, begegnete sich Auge und Auge, drückte sich Mund auf Mund. Ehrenvoller hat wohl nie die natur der Kunst gehuldigt. O des trefflichen Bildners, der einem Steine diese gebietende Macht zu geben verstand! Dreimal gepriesen seist du mir! denn deinem Amor verdanke ich, dass Agatens Lippen die meinen berührten. O dass von meinem, in dieser seligen Minute entflammten Herzen ein Fünkchen in das ihre geflogen wäre – dann hätte mir der kleine Heidengott weiter geholfen, als das Wunderbild der Maria in jenem romantischen Felsen! An diesen sehr erlaubten Wunsch, mit dem ich nun, zwischen ihr und der alten Gouvernante, meinen Platz nahm, reihten sich nach und nach, bei jeder neuen Schüssel, die man auftrug, jene zufälligen Gedanken und Betrachtungen an, die ich für Dich bei Seite legte, und die mir am Ende des Mahls – nachdem alles für meinen Genuss dahin war – so systematisch vorkamen, dass ich selbst darüber erstaunte. Und nun weiter keine prosaische Zeile – wenn sie sich nicht etwa ungebeten einschleicht – über ein fest von so hohem poetischen Werte. Der Eingang meines Selbstgesprächs entwickelte sich von selbst nach einem Blikke, den ich in die unschuldigen Augen der dem Noviciat entronnenen Schöne getan hatte. Die folgenden minder sittsamen, aber desto philosophischern Stellen meines Gedankenspiels hatten freilich keinen so lautern Ursprung – aber sollte ich denn in einem fort dem guten Mädchen ins Gesicht sehen, um Elegien zu dichten? Da hätte die Tafel ganz anders eingerichtet sein müssen. – Wer – hob meine Schwärmerei an, Wer ein holdseliges Weib durch Lieb' und achtung errun
gegen,
Blickt von dem Gipfel herab des schönsten irdischen
Guts,
Und steht dem Heros weit vor, der funfzig Jungfern be
zwungen:
Er hat nicht männlich geliebt, er hat nur tierisch ver
schlungen,
Erregt nur Schauder und bleibt ein Bild verrächtlichen
Muts.
Mehr Kraft des Geists als des Beins sei unserm Hymen
bedungen;
Der Brautkranz hefte verwelkt, dem heissen Zweikampf
entschwungen,
Zur Bürgerkrone erhöht, sich an die Krempe des Huts. Statt jenes albernen Lieds, an Euern Wiegen gesungen: Dem Vater gliche der Sohn wie aus den Augen gesprun
gegen,
Kläng' es nicht klüger? – Ihr sängt – (wär's auch im Zwei
fel – was tut's?)
Es sei ein Strahl des Genies aus dem Gehirne des jungen Belohnten Freundes der Braut in den Entsprossnen ge
drungen:
Die Tugend Alfreds11 vielleicht, vielleicht die Kühnheit
Canuts,12
Obschon dem Klügsten sogar diess Kunststück selten ge
lungen,
Drang, vor dem grossen Geschäft, durch das Vehikel der
Zungen
Ihm nicht ein Löwengefühl in die Behälter des Bluts. Diess ziehen, mit gutem Erfolg, die beiden Helden des Fe
stes
Mehr als das Bildungssystem der neuern Zeit in Betracht. Als Grubenlicht steigt es herauf aus dem verfallenen
Schacht
Der kritisch reinen Vernunft, doch, wie gewöhnlich, ver
lässt es
Auch Sie, gleich einem Spion in dem Getümmel der
Schlacht;
In dreissig Reizen vertieft, die Nevisanus13 in Acht Zu nehmen freundlich empfiehlt, sorgt Plato noch für ihr
Bestes,
Indem in ihrem Gehirn sein altes Dreieck erwacht: Die e i n e Seele, die hier die erste Linie macht, (Berechnet heimlich ihr Stolz) sei aus des heiligen Nestes Gewalt, der z w e i t e n , durch Sturm, bereits zur Seite
gebracht,
Und schnell – ja schneller, als Sie sich die Erstürmung
des Restes
Zum Aufriss auch der d r i t t e n gedacht – Entsteigt diess Delta dem Tal, das nur ein Giton verlacht, Umgaukelt Irrwischen gleich