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seinigen. Wir erkannten uns in der ersten Viertelstunde, und wechselten, wo nicht unsere Herzen, doch unser gegenseitiges Zutrauen aus, und ich danke ihr schon jetzt mehrere recht vergnügte Stunden.

Zwar nicht wie Hebe jung, doch der Empfindung treu,

Die wir gern geben, gern empfangen

Wie sanft vertreibt ihr Lied die Blässe meiner Wangen

Und macht mir Wein und Liebe wicher neu! –

Kann wohl ein Kranker mehr verlangen,

Den deutsche Barden längst mit ihrer

Wasserscheu

Und M o n d s u c h t hypochonbrisch sangen?

Doch glaube nicht, dass sie, die mit Anakreon

Verschwistert scheint, drum auch Cyterens Sohn

Den Zoll so leicht, als ich es wünscht', entrichte.

Trotz ihrem lockenden gesicht,

Wird keiner satt bei ihrem Lohn;

Kein Sünder wie Saint-Preux, ob sich gleich mancher

schon

Als Beichtkind ihr genaht und ob sie gleich die Nichte

Des Bischofs ist, vernahm in ihrem Scherzgedichte

Ein Wörtchen noch von Absolution.

Es war auch noch ein Dichter, und mich wundert, dass es nur Einer war, in dieser Gesellschaft; ein reicher, stattlicher Mann, der eine Revolution in Portugal geschrieben hat, ohne eine in der Dichtkunst zu machen. Er tat mir die Ehre, noch ehe wir beide unsere Namen wussten, mich mit der dritten Auflage seines Trauerspiels zu beschenken. Diess gab mir Anlass, mich näher nach ihm zu erkundigen, und man machte mir eine beneidungswürdige Schilderung von seinem glücklichen Genie. – Der Mann tut in allem Wunder was er unternimmt! Sein Vater war ein gemeiner Krämer, und Er? Er ist Baron und Besitzer einer grossen Domaine, von der er den Namen führt. – Er wünschte die reizendste Frau im land, und erhielt sie; – den besten Koch, ein prächtiges Haus und Freunde die Mengeder Himmel gewährte ihm das eine, und das andere konnte ihm nicht fehlen. Keine Phantasie stösst ihm auf, er kann sie befriedigenNur bei guten Versen geht es ihm wie Pharao's Zauberern bei den Läusen; er kann sie nicht nachmachen, und muss sagen: lesen; das ist alles was ich für ihn tun kann.

Den 13ten December.

Es wird wohl nichts für mich übrig bleiben, als

krank zu werden, wenn ich wieder in mein voriges Gleis kommen will, aus dem mich meine neuen höflichen Bekanntschaften drängen.

Ich kam eben nach haus von dem schönsten Mor

gegen erheitert, voller Friede und Freude, und in keiner andern Absicht, als meinen Hunger geschwind abzutun, um bald wieder zu der natur zurück zu eilen. Da kommt mir Johann mit einer Einladung zum Spiel und Abendessen und mit einem Befehl der Marquise d ' A n t r e m o n t entgegen, sie auf der Esplanade aufzusuchen und in das Schauspiel zu begleiten. Man gibt den honnête kriminel, ein Lieblingsstück der hiesigen Einwohner, weil es über eine wahre einheimische geschichte gemodelt ist. – Sie will mir vorher noch den braven Mann kennen lehren, der durch seine tugendhafte Handlung der Held dieses Drama's geworden ist, Fabré heisst, und nicht weit von hier sein Handwerk als Strumpfwirker treibt.

Die Tugend hat auch ihre Genies! Vielleicht hat sie

deren mehrere noch als die WissenschaftenNur bemerkt man sie seltener, weil es schon nicht mehr Tugend sein würde, wenn sie, wie jene vorzüglichen der Welt zu machen, um, nach einem gewöhnlichen feinen Missverstande einer guten Lehre, ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten. Das ist jedoch nicht der Fall des ehrlichen FabréEr ist unschuldig an seinem Rufe. Die prahlende Menschenliebe des Ministers Choiseul entzog ihn der despotischen Strafe, die er freiwillig seinem Vater abgenommen hatte, und seine Mitbürger, die ziemlich gleichgültig gegen sein Schicksal waren, ehe noch am hof davon gesprochen wurde, brüsten sich jetzt mit seiner Tugend, als einer Seltenheit ihres Landesseitdem sie aufsehen gemacht hat, und auf dem Teater gespielt wird.

Dachte ich's doch, dass es so gehen würde! Ich habe in der Gesellschaft, mit der ich den Abend zubrachte, den Artigen so gut gemacht, als es mir möglich war: dafür büsse ich jetzt in der Nachtmütze, meinem Sammtrocke gegenüber, nur desto empfindlicher den Zwang, den ich meiner natur antat. Missmütig sitze ich da, und suche die widersprechenden Gefühle zu vereinigen, mit denen mich die feine Welt entliess. Meine Augen verlangen Schlaf, und mein wohl genährter Körper verlangt BewegungIch habe viele witzige Sachen gehört, und doch umschleicht eine hässliche Migräne meinen Hirnschädel, von der ich jeden Augenblick befürchte, dass sie ihn ergreifen wird.

In solchen Umständen finde ich bei meinem Tagebuche noch die beste Erleichterung. Es ist mir in Deiner Entfernung der trauliche Freund, dem ich mein Herz ausschütte; es zieht meine Gedanken von den unnützen Nachforschungen ab, die ich ausserdem auf meine schwierige Verdauung heften würde, und lässt den Schlaf nicht eher zu, als bis sich Seele und Körper die Hand bieten. Ich habe also diessmal einen Beruf mehr, Dir die Vorfälle meines heutigen Tages zu schildern.

Du kannst nicht denken, liebster Freund, was für einem albernen Auftritte ich diesen Nachmittag entgegen ging. – Ich fand die Marquise mit dem redlichen Fabré auf der Esplanade, und seine geschichte ward, nach unserer geschwind gemachten Bekanntschaft, der Hauptinhalt unsers Gesprächs. – Er musste mir erzählen, wie lange er die Stelle seines Vaters auf den Galeren vertreten hätte. Er freute sich