ich rufe – als Priester dieses Heiligtums – rufe ich Sie beide Verlobte, und in gleicher Eigenschaft auch Sie auf, Herr von St. Aignan, Prinzessin von Montbasson, mir an die Stätte unsrer Anbetung des Allsehenden, Unerforschlichen und Gnädigen zum Empfang der heiligen Weihe Ihrer Verbindung zu folgen." Er schwieg – Ein wehmütigzärtliches Lächeln durchflog die errötenden Wangen der Aufgerufenen. Ihre feuchten Augen, zitternden hände und gleichgestimmten Seelen begegneten sich, und in geschlossener Reihe traten sie dem ehrwürdigen Priester nach. Und als er nun vor dem Altare stand, beugte er dreimal sein graues Haupt über die gefalteten hände, wendete sich darauf in dem Glanze seines Alters gegen die frommen gehorsamen Kinder, sprach in rührendem Ton über jedes Paar das Gebet der Trauung, legte seine beiden hände auf ihre Stirne und segnete sie. Und die zur Ehe geweihten fielen auf ihre Knie und erhoben in sprachloser Andacht ihre Blicke zu der Madonna, dem Sinnbilde hoher weiblicher Würde, das von dem Schimmer der Abendsonne gerötet auf die Gruppe der Betenden herrlich zurückglänzte. Eine Stufe niedriger war Klarens Vater und ihre Erzieherin, und an der Seite Agatens auch ich niedergefallen. Mein stilles Gebet schwebte in seliger Seelenvereinigung mit dem ihrigen empor. Ich erhob, wie sie, – o Eduard, wie würde ich mich gestern zu Cotignac dessen geschämt haben – Augen und hände zu der unbefleckten Jungfrau, und hoffte unter heissen Tränen – nenne es Verirrung, nenne es Schwäche meines Verstandes – aber hingerissen von unwiderstehlichen Empfindungen, hoffte ich ihre Fürbitte bei Gott für den Besitz des lieben Kindes neben mir zu erflehen, dessen schmachtende Augen, in Betrachtung vertieft, der Seelengrösse nachzufeuern schienen, die Guido seinem göttlichen Ideal angeprägt hatte. Freude und Wünsche umrauschten die Vermählten, als sie von den Stufen des Altars herabstiegen, und ach! ich wähnte die Umarmung zweier Verklärten zu sehen, als Agate Klaren an ihre Brust drückte. Der Mönch, nach einigen leisen Worten mit dem Vater, grüsste uns alle und entfernte sich. Der Kirchner öffnete eine Seitentür der Kapelle. Eine Wendeltreppe leitete uns nach einem gewölbten Gange, in welchen wir Paar für Paar eintraten. Zu einer andern Zeit würden seine gotischen Fenster von farbigem Glas meine volle Aufmerksamkeit angezogen haben, aber ich führte Agaten, und wäre der Boden mit meiner ScheibenSammlung belegt gewesen, ihre Zertrümmerung hätte mich doch, glaube ich, nicht aus dem stolzen Takt meiner Tritte gebracht. Als wir an das Portal kamen, hob Klara die Hand ihres Befreiers an die Stirn, und blickte, wie wir, mit Wohlbehagen noch einmal auf das düstere Gemäuer zurück, das wir verliessen, indem die beiden Flügel der Klosterpforte aufflogen – und wie ich mir denke dass es sein wird, wenn am Tage der Auferstehung die Gräber sich öffnen – wir aus ihrer Finsterniss hervor hinüber in die Verklärung treten, und einander zujauchzen: Wo bin ich? Wo bin ich? – so, Eduard, war uns in dem Augenblicke des Austritts zu Mute – denn wir standen – und unsre Gedanken verloren – unsre Begriffe vermengten, und alle unsre Sinne empörten sich – wie durch Gottes Finger berührt und in das innere Heiligtum seiner Grösse versetzt, standen wir mit hinstrebenden Augen, wankenden Füssen und aufgehobenen betenden Händen vor dem überwältigenden Schauspiele, das ich Dir letztin mit eben so schwachen Worten, als diese, zu versinnlichen suchte, vor dem hinunter wallenden brennenden Balle der Sonne, sahen erstaunend jenes Tal der Unschuld und Freude, unter dem dunkelblauen Ueberhange des Abends, wie ein Kind der Liebe der mütterlichen natur in dem Schooss liegen. Das Wunder dieser Erscheinung wirkte gleich einem heftigen Fieber auf diejenigen, die es zum erstenmal erblickten. fest an einander gedrängt, flammten ihre Augen, klopften ihre Herzen im Einklang – und jede Brust schmiegte sich an die andere, aber sie alle genossen des Erstaunens wie Kinder, ohne zu fragen. Mich allein belehrte die Erinnerung. Ich erkannte die Sonne, die ich besang – das Tal, dem ich schon so viele Freuden verdanke – den Landsitz meines Freundes – den Felsen meiner Wiedergeburt, und wurde bald überzeugt, dass der Balkon, von dem wir herabsahen, über dem Eingange des Steinbruchs schwebe, an dem, wie Du weisst, meine Baukunst so erbärmlich scheiterte – aber Gott im Himmel! durch welche Rätsel hängt hiess alles mit dem Kloster – den Urselinerinnen und der Feengeschichte Klarens und ihres Bruders zusammen? O du Schöpfer unnennbarer Empfindungen, teurer romantischer Saint-Sauveur! welche Kräfte standen hier deinem Systeme zu Gebote, und wie unwiderleglich hast du nicht heute seine ganze Schönheit entfaltet! Seine Augen hatten schon lange in stillem Seelengenusse an den süssen begeisterten Blicken des holden Kindes gesaugt, das in sich selbst vertieft mit schwellendem Busen in das magische Spiel des schwindenden Tages hinstaunte, ehe er dem noch grösseren Entzücken nachgab, das teuer errungene geschöpf in die arme schloss, und sein volles Herz sprechen liess: "Hier, Klara – hier in diesem Prachttempel der natur wollen wir, fern von Klöstern und ihren Frömmlern, ein tätiges – und dem, der uns einander geschenkt hat – wohlgefälliges Leben geniessen. Alles, was du heute gesehen, gefürchtet und erfahren hast, war Täuschung – nur die erhörten Wünsche deiner sterbenden Mutter – der Auftrag des redlichen Mönchs – nur meine Liebe, meine langgenährte unaussprechliche Liebe waren es nicht. Was du als verloren dahin gabst, ist dein Eigentum geworden. Nur für den Einklang, für den Austausch unsrer Herzen habe ich diesen Felsen gehöhlt, und der erste Segen