vorlängst ihrem blendenden Vermächtnisse entsagt, und es dem Kloster zugeeignet hätte, das seine geliebte Schwester zum Aufentalte wählen würde. Diese für das Andenken an den Edelmut und die Bruderliebe des Ausstellers fest stehende Urkunde erwartet jedoch, um als Schenkungsbrief gültig zu werden, annoch die freie Einwilligung derjenigen, die von nun an über jede fromme Anwendung ihres Erbteils allein zu verordnen hat." Eine sonderbare Erwartung, dachte, und warum, seufzte ich, muss doch der gute Mann, dessen Kutte ich bis jetzt auf das toleranteste übersah, sie mir, mitten in seinem rührenden Vortrage, so ärgerlich unter die Augen rücken? Doch nötigte er mich, sie aufs neue zu übersehen, als er in dem überzeugendsten Tone fortfuhr: "Verschwunden ist nun der Irrtum, der auch Sie täuschte, tugendhafte Montbasson – verschwunden das Blendwerk vieler Jahre, das Sie, alle um mich Versammelte, durch rauhe unbekannte Wege führte, um Ihre Blicke am Ende mit der herrlichsten Aussicht, die sich aus diesem Leben in jenes verliert, zu überraschen. Der Lohn, meine würdigen Freunde und Freundinnen – indem er zwei versiegelte Päckchen hervorzog, das eine der Tochter, das andere dem Sohne überreichte – der Lohn Ihrer Beharrlichkeit in der Tugend – die glückliche Beendigung meines Auftrags – die Beweise desselben und die Erfüllung so vieler in einander greifender Wünsche, liegen nun in Ihren Händen, und werden Ihnen herzerhebender zusprechen, als ein hinfälliger Greis es vermag." Welch ein freudiges Erschrecken ergriff nicht beide Geschwister, als sie die mütterlichen Handzüge erblickten – die Aufschrift an meine gute Klara – an meinen geliebten Ferdinand lasen, und jene zärtlichen Töne aus ihrer Kindheit wieder zurückschallen hörten. Wie vermischte sich nicht Vergnügen und Wehmut in ihren Gesichtern, als sie die Siegel des Umschlags erbrachen und jedem das Bild seiner Mutter und ein Brief von ihr in die Hand fiel. Welches Herz hätte beim Anblick der guten Kinder ungerührt bleiben können, die jetzt in einer langen Umarmung das Andenken der Abgeschiedenen feierten – dann zu den Stufen des Altars eilten, um bei der Andacht, mit der sie sich nun in die heilige Urkunde vertieften, keinen andern Zeugen zu haben als die Gebenedeite, die, von Guido Rheni gemalt, freundlich auf die Lesenden herabblickte. Keiner von uns übrigen wagte durch einen laut die heilige Stille, die uns umgab, und den Nachklang aus dem mütterlichen grab zu stören, der an die beiden schön verschwisterten Seelen anschlug. dafür erhoben sich aller Herzen auf das froheste mit ihnen, als sie zu unserm Kreis zurückeilten, und sich nun Sohn und Tochter dem glücklichen Vater zu Füssen warfen. Ihre trunkenen Blicke mussten für sie sprechen. Sie hatten einen Fund in der mütterlichen Zuschrift getan, einen goldenen Fingerring, der sich von selbst verständlich machte und den sie ihm entgegen hielten; aber Er, der eben so vergebens nach Worten rang, blickte gegen Himmel, umarmte – und mit betränten Augen verwies er seine Kinder auf den Boten Gottes, der ihre Aufmerksamkeit zu fordern schien. "Klara," rief der Mönch, "Sie haben des Vaters, der Mutter und den Segen Gottes aus meinem mund zu dem Uebergange aus dem jungfräulichen in den ehlichen Stand, und so folgen Sie denn Ihrem grossen Beruf." Freudig gehorchend reichte jetzt das liebe Kind den goldenen Reif ihrem Auserwählten, der ihn entzückter als ein Eroberer die Krone eines Weltteils empfing. – "Und Sie, trefflicher Jüngling," fuhr der Redner gegen den Bruder fort, "der Sie den Gegenstand Ihrer Liebe aus immer für verloren hielten, als er Ihnen am gesichertsten war – lesen Sie in den Blicken Ihrer Freundin Ihr längst verdientes, nur verzögertes Glück, das von heute an alle Ihre Lebensstunden begleiten wird." Und die Edle ergriff mit ihrer linken die Hand der Schwester – reichte die rechte dem Bruder, blickte auf zum Himmel, als ob sie von der Mutter ihres Geliebten einen beifälligen Wink auf den ersten Kuss der Belohnung herabziehen wollte, den sie mit bebenden Lippen den noch bebendern des als Bruder und Sohn gerechtfertigten Mannes aufdrückte, und nun mit heiterer offener Stirne das dem grab abgewonnene Kleinod aus seinen Händen nahm. Wäre in dieser feierlichen Minute aus der obern Sphäre ein Halleluja, vom Harfenklange der Engel begleitet, in diesen Tempel gedrungen – ich würde es ohne Erstaunen gehört, für kein Wunder gehalten haben.
Welch ein Strom unnennbarer Empfindungen musste nicht jetzt diese beseligten Herzen durchbrausen, da selbst das meine in Gefühlen strudelte, die es zuvor noch nie erfahren, nie geahndet hatte. Der frohen Teilnahme an diesem herrlichen Schauspiele stiegen verstohlne Wünsche, tief geschöpfte Seufzer nach, die sich so hoch noch nie gewagt hatten. Noch nie war mir die Liebe und ihr grösstes los – eheliches Glück – in diesem Glanze erschienen, und nie hatte ich mich verlassener gefühlt als in dieser laufenden Stunde. Im Drange mir so neuer Wallungen war mir daher wie einem Durstigen zu Mute, dem von fern in der Einöde ein rieselnder Quell schimmert, als meine bis jetzt zerstreuten Gedanken sich auf Agaten hefteten. Ich überstaunte die holde Gestalt mit einem Feuer, das alle meine Sinne zu verschmelzen drohte, und wie sehnte ich mich, dass nur einer ihrer liebenden Blicke sich auf mich Armen verirren möchte, die sie einzig ihrer Busenfreundin zuschickte.
"Die sinkende Sonne" – riss jetzt der Mönch uns alle aus unserer süssen Betäubung – "ziehe ihre letzten Strahlen als Krone über diess grosse gemeinschaftliche fest. fräulein von St. Aignan, Herr von St. Sauveur –