Seelenangst die Hand ihrer jammernden Freundin an das gepresste Herz, und verbarg die Augen unter dem Tuche, das ihre Tränen einsog. Dieser Anblick war so rührend, dass er selbst die lieblosen Zeugen erweichte, in deren Mitte ich stand. Ich hörte, wie sie sich von den Fenstern zurückzogen, um sich nicht durch ihr Schluchzen zu verraten, doch vergönnte ich ihnen keinen meiner Blicke, die fest an den leidenden Engel geheftet blieben. Nach einer minutenlangen furchtbaren Stille, während welcher der Mönch für die Beruhigung der so peinlich Befragten zu beten schien, richtete sie ihr holdes Gesicht in die Höhe, wendete es mit ernster Andacht gegen den Altar, und von da zu ihm. Ihre Blicke waren erheitert. Frohes Bewusstsein der Unschuld ruhte auf ihrer Stirn, und mit fester stimme, die hände in Begeisterung erhoben, begann sie: "So vernimm denn, Gesalbter des Herrn, an dieser der Busse und Wahrheit geheiligten Stätte, das geheimnis meines schwachen, aber unsträflichen Herzens, vernimm jenen süssen Irrtum, in den es sich selbst für den trefflichen Mann verlockte, der meine Kindheit geleitet, Tugenden und Kenntnisse in mir erweckt, und sich meines dankbaren Gefühls endlich bis zur Entkräftung jeder andern Pflicht, in solcher Stärke bemeistert hat, dass mir immer in seiner Abwesenheit bange, ach! so bange wie einer Verlassenen war. Ich konnte an keinem der Tage, in welchem eine Stunde der Erwartung lag, meinen Wohltäter zu sehen, weder beten noch arbeiten. Mehrmal habe ich in nächtlicher Täuschung geträumt, dass mein Vater seine Hand in die meinige legte und uns segnete, und wenn ich erwachte und mich besann, vergoss ich bittere Tränen über die Unmöglichkeit ihm anzugehören. Willst Du das Liebe nennen, nun so habe ich hoffnungslose Liebe für einen Tugendhaften empfunden. Mein Herz unterwirft sich in Demut dem wohltätigen Krummer, mit dem mich, o schon längst! seine Gleichgültigkeit bestrafte; denn ich bekenne, ehrwürdiger Herr, dass sie es, und Gott möge sich meiner erbarmen, allein war, die mich antrieb dem mütterlichen Willen zu gehorchen, und mir, nach langem Kampfe, meine Bestimmung zum Kloster wünschenswert gemacht hat. So gebrauchte der Allgütige die Würde dieses Mannes, um mich auf den geheiligten Weg zu leiten, den ich jetzt nur desto williger und zufriedener betrete, da er mich mit der edelsten meiner Jugendfreundinnen wieder vereinigen wird, die ihn aus mitleidiger Liebe zu mir voranging. Gute grossmütige Montbasson –" Gin Erguss zärtlicher Tränen unterbrach eine ganze Weile den Wohlklang ihrer stimme. Herrlicher und reizender habe ich nie ein Weib gesehen, Eduard, als es diese angehende Nonne in den erhabenen Augenblicken war, aus denen ich ihr nachlalle Bescheidenheit, Mut und Ergebung strahlten aus den grossen blauen Augen. Die höchste Reinheit der Seele tönte von den befeuerten Lippen. Jeder warme Ausdruck ihres herzlichen Geständnisses entfaltete eine Rose mehr auf den jugendlich verschämten Wangen. Ich war so verloren in der körperliche und geistigen Schönheit dieses unvergleichlichen Kindes, dass ich mich selbst nicht nach dem Mitgenossen meiner Trunkenheit umsehen mochte, der, vorgebogen über das Fensterpolster mit klopfendem Herzen an meine dort ruhende Hand, den Bewegungen des meinigen sympatetisch zustimmte. Sie aber, nun über alle Wehmut erhaben, und in dem glücklichen Wahne, sie stehe nur vor den Augen Gottes, und kein menschlicher Zeuge, ausser den vertrauten Beiden, denen sie die Tiefe ihres hingegebenen Herzens öffnete, könne das Veratmen seiner letzten Seufzer vernehmen, rief mit schmelzender stimme: "Meine Seele," rief sie dem Dominikaner in dem schauernden Augenblicke zu, da er seine Hand aufhob, um ihr Gewissen loszusprechen, und sie zu ihrem furchtbaren Beruf einzusegnen, – "fühlt sich jetzt gestärkter, und zu dem Hingang aus der Welt meiner Jugend bereit, nur, dass ich aus ihr so manchen weisen Rat, so vielen Stoff zu hohen Betrachtungen in meine einsame Armut mitnehmen soll, ohne Ihm, der mich damit ausstattete, dafür danken zu können – nur diess noch beklemmt mir die Brust. – Ach! findest Du nichts tadelnswürdiges in meinem Verlangen, so übernimm und berichtige, ehrwürdiger Vater, diese Schuld meiner Erkenntlichkeit. Gott, schluchzte sie, faltete die hände und schlug die Augen gegen Himmel, möge ihn segnen und beglücken! Es soll mein tägliches Gebet sein! Sage ihm diess zu meinem Abschied." "Ja, fräulein," antwortete der Greis und wischte sich die Augen, "ich will gern und gewissenhaft Ihren Auftrag ausrichten, sobald Sie mich noch belehren wollen – an Wen?" Betroffen staunte das reizende geschöpf bald den Geistlichen bald ihre Aufseherin an. "Ach!" erwiderte sie endlich, "bedarf es wohl noch des Namens?" – o dass doch der Meine einmal so hoch gewürdigt, solch einem Herzen entquellen, über solche Lippen fliessen möchte! – "des Namens meines Wohltäters? – Ihres edlen Freundes – Saint-Sauveur?"
Und in demselben Augenblicke, in welchem diess grosse Losungswort verhallte, sprengte Er, den es zur höchsten Seligkeit eines Sterblichen berief, dessen ahndendes Herz, wie ich nun sah, so ungestüm über meiner Hand geschlagen hatte, die Mitteltür unsrer Halle auf – umschlang in sprachloser Herzenserschütterung die aus dem Schrecken der Ueberraschung ohnmächtig dahin Sinkende, riss ihr den Schleier ab, und drückte wild seine Lippen auf die ihrigen. Und in derselben Sekunde flogen diesem Engel zwei andere aus ihren Wolken zu, die der Betäubten die Schläfe bestrichen, und unter Küssen, Wimmern und den zärtlichsten fragen –