so peinlichen Gedanken wankte ich dem Kirchner nach, der uns eine Loge dem Altar gegen über anwies, die durch eine Glastür in der Mitte zweier Fenster von dem Schiffe der Kirche abgesondert war. Durch den flornen Vorhang, der die Zuschauer verbarg, schimmerten zunächst zwei einander überstehende schwarz beschlagene Bänke meinen feuchten Augen entgegen, und an den beiden Seitenwänden zogen sich die vergitterten Schranken der Nonnen herum. So lange ich und der Marquis allein waren, übersah ich noch so ziemlich gelassen diess geistige Hochgericht; als aber bald nachher der Vater und Bruder des, seinen Schlächtern nun schon ausgelieferten Lammes hereintraten, empörte sich mein Innerstes so heftig bei ihrem Anblicke, dass ich kaum über mich gewinnen konnte, ihnen ihre höfliche Verneigung kalt zu erwiedern. Die heuchlerische Miene, mit welcher der erstere sogleich auf die Knie fiel, täuschte mich so wenig als das bleiche abgehärmte Gesicht des andern. Mag es meinetwegen wahr sein, was mir der Wirt zu Toulon von ihm erzählte; es schändet den eigennützigen Jüngling nur desto mehr, dass er lieber seiner Braut und den Pflichten der Ehre und der Menschlichkeit, als dem schwesterlichen Erbanteil entsagte, der ihm, trotz der tollen Verordnung der Mutter, nicht zukam. Ich konnte diesen Abscheulichkeiten nicht länger nachgrübeln, denn jetzt fingen die Glocken zu läuten an, und der Beförderer und Exekutor des schwärmerischen Testaments, der Dominikaner, erschien, warf sich vor den Altar und betete so lange im Stillen, bis jene schwiegen, und nun ein zweistimmiger, aus den Klausen der Nonnen sanft hervorwallender Choral das Trauerspiel eröffnete. Indem sich der Geistliche seiner Bank zur linken Seite unserer Loge näherte, trat zugleich auf der rechten, – o wie stiegen mir die Haare empor – die Verurteilte, weiss gekleidet, hinter einem Kirchstuhle heraus, und bewegte sich an der Hand ihrer Erzieherin, mit niedergeschlagenen Augen feierlich langsam nach ihrem Sitze. Diese bot ihr einen Flacon zum Riechen. Sie dankte der Freundin, ohne ihn anzunehmen, durch ein gutmütiges Lächeln für ihre Besorgniss, und verbeugte sich gegen den Mönch, der nun, die Schrekkensurkunde in der Hand, seinen Vortrag in schlichtem Predigerton anhob: "Der erste laut meines Mundes an diesem Zufluchtsort unserer Andacht, sei der Glorie des Allweisen und Unerforschlichen und dem Andenken jener zu seiner Herrlichkeit Uebergegangenen geweiht, der Sie, teures fräulein, das Dasein verdanken. Der Glanz ihrer Sterbestunde erhelle die gegenwärtige, die uns beide zu dem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigt, den letzten Willen der Verewigten zu vollziehen. Die schönste und grösste Verbindlichkeit eines Kindes ist Gehorsam, und Ehrerbietung für älteren das erste Gebot, das Verheissung hat. Sie haben sich bereits, dem mütterlichen Verlangen gemäss, zur Annahme des heiligen Schleiers erklärt, und diess stille Kloster gewählt, wo Sie Ihre übrigen Tage ruhig und Gott gefällig zu verleben gedenken; das Ihnen zur Befolgung gesetzte Ziel ist erreicht. Sie stehen zum letztenmal freigelassen hier, vor meiner segnenden Hand, um Ihren gereiften frommen Entschluss zu bestätigen und zu erfüllen, und so wird es Ihnen wohl gehen, und Sie lange leben auf Erden. Wie festlich muss Ihnen, nach siebenzehn verlaufenen Jugendjahren, nicht heute die Erinnerung an den Tag Ihrer Geburt durch die Feier Ihres Gehorsams und Gelübdes werden, das Sie abzulegen bereit sind." Bei diesen Worten entfielen einige Tropfen den Augen des lieben Kindes. Der Mönch, der sie nachdenkend anblickte, hielt so lange inne, bis sie wieder gefasst war, und fuhr dann herzlicher fort: "Ihre Traurigkeit, Teuerste, ist vorübergehend, wie der Schmerz einer Gebährenden. Der Allmächtige wird sie in Freude verwandeln. Diese Tränen, hoffe ich, sind der letzte Tribut, den Ihre Dankbarkeit dem Andenken eines vergangenen glücklichen Lebens zollt; denn wie könnte, da Sie mit heute ein dreimal froheres beginnen, es Ihrem Herzen schwer fallen, jenen vergänglichen Freuden der Welt, an denen es teil nahm, zu entsagen, und sie höhern Befriedigungen aufzuopfern. Habe ich wohl nötig, Ihnen bei dieser Landung aus einem Meere voll Gefahren und Stürme tröstend entgegen zu kommen – wohl nötig, Sie zu ermahnen, den Allwissenden durch ein freimütiges Bekenntniss aller wertlosen Anhänglichkeiten an das Irdische, von denen sich Ihr Herz jetzt trennen und reinigen soll, zu ehren, da es längst dem meinen geöffnet, sich nie der Erforschung seines treusten Ratgebers und Beichtigers zu entziehen gesucht hat? Sollte es aber dennoch, mir unbekannt, sich einer weltlichen sorge bewusst sein – sollte noch ein Wunsch an ihm nagen, den es treulos begriffen wäre, gleichsam als einen verheimlichten Raub, in diese, der Seelenruhe geweihte wohnung mit hinüber zu nehmen, so –" Hier überzog eine flimmernde Röte die blassen Wangen des erschrockenen Kindes, es brach in unaufhaltsame Tränen aus, zitterte, rang wehmütig die hände, und versetzte durch diesen Anblick den erstaunten Priester in einen heiligen hell auflodernden Eifer. "fräulein," erhob er feierlich seine stimme, "ich lege, ja, unter der strengsten Verbindlichkeit eines Eides und bei der ewigen Wahrheit, deren berufener Diener ich bin, lege ich Ihrem Gewissen auf, jenes verborgene noch nicht getilgte Gelüste Ihrer Seele unverhehlt zu bekennen, das in dieser Stunde der Entsagung noch mächtig genug ist, Ihre Standhaftigkeit zu erschüttern, damit ich an Gottes Statt ..." doch hier erlaubte ihm sein Mitleiden nicht weiter zu sprechen, denn seine Beschwörung, die schon mir beinah alle Besinnung nahm, in welchen Zustand versetzte sie nicht vollends diess zarte weibliche Wesen! Sie ergriff und drückte in höchster