Leben schenkte – kann doch verlangen, dass ich ihn morgen zu einer – wo keine menschliche Gnade Statt findet – zum Opferfeste einer neuern Iphigenie – zur Einkleidung des unvergleichlichen Kindes begleiten soll, das mir vor ein paar Tagen zu Toulon so wichtig geworden ist? Ich hatte es ganz vergessen, dass morgen ihr siebenzehnter Geburtstag einfällt, der sie von dem gesellschaftlichen Leben zu trennen und zu einer ewigen Gefangenschaft einzusegnen bestimmt ist! Schliesst der gute Mann etwa aus meiner Fahrt nach Cotignac, dass ich sonst nichts zu tun habe als Klöster zu besuchen? Die langweiligen Stunden, die ich dort zubrachte, sind mir doch vergütet worden, und wie? Was sollte mich aber in Eins verlocken können, wo ich unter ärgerlichen Ceremonien vielleicht Gefahr liefe, mir ein Gallenfieber zu holen? Ueberdies bin ich ja morgen um neun Uhr zu meiner Sonntagsfeier schon in e i n e m Tollhause versagt, das sich unter keiner andern Benennung ankündigt als die ihm gebührt. Der Herr Brigadier mag allein reisen. Ich will nicht auch noch mit leiblichen Augen einer Gleissnerei nachgehen, bei der, sonderbar genug, nicht weniger als bei der eisernen Maske, ein Heuchler von Vater, eine strafbare Mutter und ein eigennütziger Bruder ihr höllisches Spiel treiben. Hat mich die Teilnahme an einem Leidenden, dessen Asche von einem, vollen Sekulum bedeckt ist, schon so mürbe gemacht, welches Entsetzen würde mich nicht erst ergreifen, wenn ich die holde Schöne zum erstenmale wieder nach jener herrlichen Nacht unserer Bekanntschaft im Nonnenschleier an dem rand eines offenen Grabes anstaunen müsste, das sie lebendig verschlingen soll, und aus dem sie, ach Eduard! nun nichts – nichts mehr zu retten vermag. So, streckt denn Unvernunft, Aberglaube und Mönchswut ihren bleiernen, Zepter von einem Jahrhunderte zum andern! Wo ich auch hinblikke, sehe ich nur Torheiten und Laster neben dem Jammer der Unschuld. Du vermutest doch schon, Eduard, dass ich nach solchen Kopf und Herz durchdringenden Gedanken den Marquis mit verweigernder Antwort abgefertigt habe – und Du hast es erraten. Doch, indem ich meinem Bastian den Brief vor das Bette tragen wollte, um ihn morgen mit dem frühesten zu bestellen, trat mir das Bild der guten liebenswürdigen St. Aignan in den Weg, und bat mich, die Sache noch einmal zu überlegen. Ich blieb eine ganze Weile ungewiss stehen, aber die rührende Betrachtung einer Tochter, die Jugend, Schönheit und alle Ansprüche auf ein Leben voll Glück dem kindlichen Gehorsam aufopfert, entschied. Ich zerriss meine Antwort, und bin entschlossen meinem Freunde zu folgen, unsere Tränen zu vermischen und Ihr – koste es mir auch was es wolle, vor ihrem Hingang noch einmal in die blauen himmlischen Augen zu sehen. Der Besuch bei dem andern gebeugten weib entgeht mir ja nicht!
Den 24sten Februar.
Wenn Du aus der Konstellation meines gestrigen Blattes zu bestimmen vermagst, in welcher Gegend mein Stern leuchtet, so sind wir geschiedene Leute; denn trotz Deiner Sehkraft konnte es unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Kaum bin ich mir selbst Ereignisse des abgelaufenen Tages für wahr zu halten, den ich Dir jedoch so treu, als alle vorhergegangenen, zu entwickeln verspreche; habe nur, das bitte' ich Dich, Geduld mit meiner Feder! Du kennst ihre Weise. Sie rückt gewöhnlich nur mit dem Zeiger der Uhr fort, aber vorzüglich heute darf in meinem Tagebuche keine Stunde eher schlagen, als sie erlebt ist, damit nicht der Minuten eine, die sie herbeiführten, verloren gehe. Saint-Sauveur holte mich nicht ab, wie ich erwartete, sondern schickte mir seinen Wagen, um ihn abzuholen. Es fiel mir ein wenig auf, und erinnerte mich, dass Er bei aller seiner Höflichkeit sich doch noch nie herabgelassen habe, mich zu besuchen. Er stand in seiner Haustür, als ich ankam, stieg ein, indem er zugleich dem Kutscher befahl langsam zu fahren, damit wir nur kurz vor dem Anfang der Ceremonie bei den Urselinerinnen einträfen. Konnte er aber nicht lieber um so viel später die Stadt verlassen? Das wollte ich eben fragen, als ich in seinen Augen Tränen bemerkte, die mir alle Sprachlust benahmen, und meine eigene bängliche Stimmung vermehrten. Ich konnte an mir abnehmen, wie viel ihm die gefälligkeit kosten musste, als erbetener Zeuge einer, für Herz und Verstand gleich widrigen Handlung beizuwohnen, und fand es bei seinem Missmut sehr natürlich, dass er sich einen Begleiter zugesellt hatte, aber leider! hätte er zu seiner Zerstreuung keinen unfähigern wählen können als mich. Unsere beiden Seelen schwammen in gleicher Wehmut, die unter allen sympatetischen Gefühlen am wenigsten sich mit Worten abgiebt. O wie lang ward mir der Weg nach dem, von der Stadt ohnehin ziemlich entfernten Kloster, und doch wie erschrak ich, als wir endlich nach drei langweiligen Stunden vor dem Eingange der Kapelle still hielten, hinter der das mit Hängeweiden und Cypressen umgebene gotische Gebäude vorragte. Allgütiger Gott! seufzte ich, wie kannst du zugeben, dass man eins deiner freien frohen Geschöpfe – ach deiner herrlichsten eins! in den Kerker dieser Einöde versperre. Muss nicht dem armen kind das Herz verbluten, wenn es jetzt aus seiner Herreise zum letztenmale von gaukelnden Vögeln umzwitschert, von balsamischen Lüften umweht, dieses schaurige Gemäuer erreicht, und hinter ihm die Pforte zurasselt, die es auf ewig von dem so freundlich winkenden Frühling – den schönsten Hoffnungen seines Geschlechts und jenen Fühllosen trennt, die seiner kindlich und schwesterlich wimmernden Liebe – doch immer Noch wert bleiben!
Unter