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Unverschämte ihrer Gebieterin, als sie eben aus der Kirche zurück kam, ohne nur Rücksicht auf ihre zahlreiche Begleitung zu nehmen, mit der Spottrede in den Weg getreten: Madame, vous venez de solliciter vos juges contre moi, je consens que vous gagniez votre procès, si le roi a assez de credit pour cela. Anna wäre so aufgebracht darüber, dass sie ihren Gewissensrat zu sprechen verlange, und ihn eine Stunde früher als gewöhnlich in ihrem Andachtszimmer erwarte. Unter Leitung einer so vorsichtig geschäftigen Hand lässt sich ja eine zwölfjährige Ehetrennung wohl noch ertragen. Je länger ich an ihren Briefen meine Geduld übte, desto mehr verloren bei mir Nôtre Dame de Graces und ihr Fiacre an Ansehendenn Marie Beauvais, wie mir jetzt jede Zeile verriet, war eigentlich das grosse Triebrad aller Wunder des Louvre. Sie hatte den jungen Barfüsser zuerst der Trost bedürftigen Königin vorgestelltihm seine Rolle angewiesen und ihre gemeinschaftlichen Betstunden eingerichtet. Nach Recht und Billigkeit sollte keine andere Vermittlerin als Sie den Ehrenplatz auf dem Hochaltare zu Cotignac einnehmen. Leichtsinnige und verratene Anna! – ich würde dich entschuldigen und bedauern, und ich würde Gott bitten dir die Sünde zu vergeben, die den guten Herzog von Orleans um die Tronfolge betrog, hättest du nur nicht als eine grausame Mutter deinem Erstgebornen gleich bei seinem Eintritte in die Welt den Stein an den Hals gehängt, der ihn in den Abgrund lebenswieriger Schwermut versenkte. Ja, Eduard, spitze nur die Ohren! Ludewig der Vierzehnte hatte noch einen zwei Jahre ältern Bruder. Fiacre war Vater von beiden, und der Unglückliche, von dem ich eben spreche, war die unbekannte, nur zu berühmte eiserne Maske.9 Die Mutter gebar diesen ihren Erstling in einem entlegenen Gartenhause unter den hülfreichen Händen der Beauvaisund belegte schon während der Geburtsschmerzen das Pfand ihrer verbotenen Liebezu welchem Geschlecht es auch gehören möchte, mit dem Fluche der Weihe, inzwischen ihr Buhler Messen für ihre glückliche Entbindung las. Die Notelferin verbarg das Kind bis in sein sechstes Jahr, und so erhielt der heilige Fiacre Zeit genug, sich nach der bequemsten Madonne umzusehen, die den unreinen Ton kneten und zu einem Gefässe der Heiligkeit bilden sollte. Er wählte die unbesuchteste von allen, die späterhin durch den geschickten Wurf ihres Deckmantels um Annens Bette, nach jener mysteriösen Gewitternacht, seine kluge Wahl nur zu gut rechtfertigte. Er erhielt den grausamen Auftrag, und führte ihn gewissenhaft aus wie ein Mönch. Dasselbe Kloster, wo ich heute seinen Urenkel berauschte, erhielt das Gott geweihte Kind, unter der Bedingung, unbekannt mit seiner Herkunft, der Wundertäterin so lange als Chorknabe zu dienen, bis er zur Tonsur reif sein würde. Nimm einstweilen mit diesem flüchtigen Auszug meiner Kriminalakten vorlieb, bis ich Dir die Belege dazu selbst einhändigen kann. Wenn die Köpfe einer Ehebrecherin, einer Kammerfrau und eines Mönchs zusammentreten, um den Schwefeldünsten ihres Gewissens einen Ableiter zu verschaffen, so lässt sich leicht denken, dass eine solche Vereinigung keine gemeinen Sophistereien entwickelt. Es findet sich leider! unter meinen Papieren nur ein einziges Koncept des heiligen Fiacre, das aber desto fleissiger bearbeitet ist, wie die ausgestrichenen bedenklichen und dafür eingeschalteten gewähltern Worte an den Tag legen. Gott im Himmel, welch ein Brief! an eine strafbare Königinvon ihrem Gewissensratezur Fastenzeitin dem Sterbejahre ihres Gemahls, kurz nach Antritt ihrer Regentschaftim Jahre 1643 an einem Morgen geschrieben, wo sie durch einen nächtlichen bösen Traum erschüttert, von ihrem erschlichenen Trone herab sich nach geistlicher Beruhigung umsah. Wie würde Bayle seinen gelehrten Artikel Marie mit diesem Briefe aufgestutzt haben, wenn er ihn gekannt hätte! Der untergeschobene Kronerbe stand damals in seinem fünften Jahre, und der ihm den Weg gebahnt hatte, in seinem siebenten. Mit welchen behutsamen Saftfarben weiss nicht der heilige Mann diesen Vorläufer des Führers seines volkes zu schildern. Alle himmlische Heerschaaren, schmeichelt er sich, müssten die seligste Freude über die Gewandheit des geweihten Knaben bei den, seinem zarten Alter angemessenen Küchendienstenüber seine Gelehrigkeit in der Schule und besonders über die süsse Anwendung seiner Feierstunden empfinden. Dann stehe er oft vor dem schönen Gemälde, das ihr Majestät der Kirche verehrt habefreue sich des Kindes, das dem Mutterbilde zu Füssen liegeohne zu ahnden, wie nahe es ihm verwandt sei. Dieser rührende Instinkt von Bruderliebe, fährt er gleissnerisch fort, sei ein neuer Segen der Gebenedeitenein deutlicher Beweis ihres Wohlgefallens an ihm, und ein Wiederschein der Strahlenkrone, die seiner in jenem Leben erwarte u.s.w. Es nahm mich Wunder, dass ich den Brief der Regentin von der Beauvais nicht unterstützt sah, so wie es mir überhaupt vorkommt, als sei der Traum nur aus Höflichkeit gegen einen abgedankten Liebhaber erfunden, mit dem man nicht mehr weiss was man reden soll. Schon in einigen vorhergehenden Missiven vermisse ich das Herzliche der vorigen Zeit, so dass ich wohl begreife, warum allein der dritte Sohn Philipp, nachmaliger Herzog von Orleans, seinem regierenden Bruder nicht glich. Die folgenden Briefe werden immer seltener, kürzer und kälter, und behaupten ein gewisses religiöses Ceremoniel, das gegen den ehemaligen traulichen Ton sonderbar absticht. Wem etwas daran gelegen sein könnte zu wissen, wie der heilige Fiacre die Tage seines in der Schnellwage des Hofs gesunkenen Gewichts hingebracht habe, dem könnte ich zur Erläuterung wohl noch einige Beichten mitteilen, die hier, wie verloren, da liegen, und sehr warmen Herzen entflossen scheinen. Im Jahre 1660, wo