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? Ja, wenn ich einen Roman schriebe, so könnte ich freilich meine Materialien sortiren; könnte zusetzen und weglassen, was ich wollte; aber Protokolle des laufenden tages erfordern die schwatzhafteste Treue, und gesetzt, es wäre noch so gleichgültig, ob Cäsar in seinem gewöhnlichen Leben auf der rechten Seite ausspuckte oder auf der linken, so konnte doch, als er mit seinem Tagebuche über den Fluss schwamm, dieser kleine Umstand seine eigene und die Lage der ganzen Welt verändern.

Den 25sten Februar.

Schon seit zwei Stunden sitze ich da, kaue meine Feder, und streite mit ihr, ob sie Dich in das geheimnis ziehen soll, dessen ich mich zu Cotignac bemächtigt habe? Doch bist Du nicht auf dem Runde der Erde mein engster Vertrauter, und müsste ich nicht fürchten, wenn ich gegen Dich schwiege, von der Last, die mir auf dem Herzen liegt, diese Nacht erdrückt zu werden? Vor dem Verschwatzen will ich mich jedoch hüten. Ohnehin macht uns nichts lakonischer, als eine grosse Entdeckung. Passerino trat schon um fünf Uhr vor mein Bette. Während ich mich ankleidete, spitzte er seine Stifteeine halbe Stunde nachher fuhren wir ab. Der Weg war so schlecht und langweilig, als seine Unterhaltung. Der elende Fleck, wo wir um zehn Uhr anlangten, war es nicht weniger, und so taumelte ich denn aus meinem Wagen, durch den Klosterhof und durch die Vorhalle, verstimmt bis über die Ohren, in die russige Kirche. Ein Mönch empfing uns mit der Miene, die allen den guten Leutpern der Vorzeit, oder heilige Spielwerke im Beschlusse haben. Ich tat einen blick auf das alberne Bild des Hochaltars, und hatte auf immer genug daran. Nicht so mein Reisegefährte. Der setzte sich gegen über auf die nächste Bank, zog sein Pergament heraus, und zeichnete, als ob es für die Ewigkeit wäre. Für mich wäre es eine gewesen, wenn ich ihm länger hätte zusehen müssen. Aber der Mönch kannte den Wert der Zeit, nahm mich stillschweigend bei der Hand, führte mich durch einen dunkeln gang in das feuerfeste Gewölbe der Sakristei, und stellte mich vor einen grossen alten vergoldeten Schrank, der meine geringe Geduld aufs ärgste durch sechs künstliche Schlösser prüfte, die weit über eine Viertelstunde wegnahmen, ehe der Pater eins nach dem andern geöffnet hatte: doch dafür gelangte auch meine Bewunderung zu einem unerwarteten Genusse. drei weite Schubfächer entielten die Garderobe der Mutter GottesHemden, Unterröcke, Kaleçons, Strümpfe, Spitzen, Halstücher und Roben, alles, wo nicht neumodisch, doch fein, prächtig und unbefleckt, wie sie selbst. Das kostbarste ihrer Kleider, und das sie nur einmal des Jahrs ihrem Hofstaate zur Schau gibt, war von himmelblauem Atlas mit goldnen Sternen gestickt, und mit Quasten von den reinsten Perlen besetzt. "Dieses Kleid, so äusserst kostbar es auch ist," sagte der Mönch, "wird noch merkwürdiger durch die beiliegende Nachricht, dass es unversöhnliche Feinde der Gebenedeiten, drei portugiesische Juden waren, die es besorgten; so wie ehemals bei ihrer Niederkunft drei Könige aus Morgenland, wie das Ihnen bekannt sein wird" – "Ja, ja," sagte ich, und nachdem er das Kleid, wie die geschickteste Kammerjungfer, wieder in seine Falten gelegt hatte, öffnete er einen mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Kasten. Gott verzeihe mir die Sünde! aber beim ersten Hinblick flog mir der Verdacht durch den Kopf, die heilige Jungfrau habe durch ihre dienstbaren Geister das grüne Gewölbe ausräumen lassen. Mit dieser Juwelensammlung an Ohren- und FingerringenHalsbändern und ZitternadelnUhren, Zahnstochernund Tabaksbüchsen, könnte man, dächte ich, die Bekehrung der Juden übernehmen, an der uns doch allen gelegen ist. "In der Tat, ehrwürdiger Herr," nötigte mir diese seltne Erscheinung die Worte ab, "habe ich die Hochheilige nirgends noch so reich ausgestattet gesehen, als hier! Welcher fromme Bienenschwarm muss nicht seinen irdischen Honig diesem Kloster zugetragen haben, um sich dadurch Zellen im Himmel zu bauen!" "Nichts weniger als das, mein Herr," antwortete der Mönch: "alle Schätze dieses Schrankes rühren von der Dankbarkeit einer einzigen Seelevon der Andacht Ludewigs des Vierzehnten her. Auch legt die Mutter ihm zu Ehren ihre kostbarsten Kleinodien, so wie jenes himmelblaue Kleid mit Perlen, nur zu seinem Geburtstage an. Verlangen Sie noch stärkere Beweise von der achtung dieses grossen Monarchen für unsere Madonneso sehen Sie hier" – indem er ein neues Fach herauszog – "das Ordensband des heiligen Geistes, das er ihr beim Antritte seiner glorreichen Regierung, – hier seinen Heiratskontrakt, den er der Wundertäterin durch einen Gesandten zuschickte, als er sich mit der Infantin Maria Teresia von Spanien vermählte, und hier, in diesem kostbaren Einband, den pyrenäischen Friedensschluss" – –

"Aber warum hat denn dieser grosse Monarch," fragte ich in meiner Einfalt, "bei der Menge Madonnen in seinem weitläuftigen Reiche eben der Ihrigen eine so übermässige Auszeichnung erwiesen?" "Warum? mein Herr," wiederholte der Mönch meine Frage mit mitleidigem Lächeln, "aus der guten Ursache, weil er allein nur ihr sein Dasein verdankte." "Das ist etwas anders, aber ich bitte Euer Hochwürden, wie ging denn das zu?" Der Mönch verschloss erst mit dem bedächtlichsten Ernste seinen Schrank, fasste mich darauf stillschweigend bei den Schultern, und drehte meine stolze Figur einer demütig gebeugten zu, die in