machen kann. Welchen Vorzug, zum Beispiel, behauptet nicht hierin die deutsche natur mit ihrer Kruste vor dem französischen Spinnegewebe. Wenn man sich nicht selbst mutwillig durch Reisen in diess gefährliche Land, oder gar durch vieljährigen Aufentalt daselbst Schaden tut, mein lieber Passerino, so gehörten schon harte Prüfungen des Schicksals dazu, um einen von uns aus seinem täglichen Schlendrian zu bringen; und ob es mich gleich oft genug in bittere Verlegenheit setzt, wenn ich mit meiner deutschen Strohfiedel den feinen flüchtigen Weltton unserer Nachbarn nicht zu erreichen vermag – so" ... "Ha nun merke ich – fiel mir mein Zuhörer ins Wort – wo Sie hinaus wollen. Ja ja, wir gehen ins Narrenhaus – dort können wir freilich dem lieben Gott viel herzlicher danken, als in brillanten Gesellschaften, dass er uns aus gröbern Stoffen zusammengesetzt, und unsere deutschen Basssaiten bis jetzt vor allen massiven Griffen gnädiglich bewahrt hat." Mein Gespräch hatte mir nun zwar den Dienst eines Verdauungsmittels nach einem grossen Gastmahle geleistet; aber nicht im mindesten meine bänglichen Gedanken an die unglückliche Dame zerstreut. Ich fragte meinen Mann, ob er sie schon gesehen habe – "Noch nicht," war seine Antwort, "denn so oft ich auch sonst in jenes Haus kam, so habe ich doch seit Ihrer Ankunft meine Besuche auf Sie, mein lieber Herr, allein eingeschränkt; aber nächstens soll dieser herrliche Gegenstand des allgemeinen Mitleidens meine Reissfeder in Tätigkeit setzen – Ich gedenke meine Zeichnung von ihr, die nicht anders als kräftig ausfallen kann, in Kupfer stechen zu lassen. Wenn nur der zehnte teil ihrer Freunde darauf subskribirt, so soll mir diese Arbeit einen hübschen Taler eintragen." "Die Spekulation ist gut berechnet," lächelte ich – "darum wollen wir auch unsern traurigen Spaziergang keinen Tag länger verschieben." "Doch wohl morgen noch," fiel er ein, mit einer Miene, die meiner Vergessenheit bitter genug zu hülfe kam. "Versteht sich," trotz meiner inneren Galle zwang ich mich, ziemlich gelassen zu antworten, "wenn wir von unserer pittoresken Reise nach Cotignac wieder zurück sind." "O alsdann, mein Herr," rief er entzückt, "stehe ich Ihnen ganz zu Diensten, und ich denke, Sie sollen mit Ihrem Anführer zufrieden sein. Ich habe freien Zutritt im Tollhause – habe schon manche Träne dort verweint – und manchen Groschen dort hingetragen." "Wie so?" "Sehen Sie, mein Herr, schon einige Jahre liegt dort ein Mann an Ketten, der – Gott bewahre jeden davor! – selbst in seinen gesunden Tagen nicht recht bei sich war. – Ein Maler, der ... doch Sie mögen selbst urteilen. Er hatte in einem hiesigen angesehenen haus ein hübsches Verdienst – beinahe ausschliesslich möchte ich sagen. Zu seinem Unglücke aber kommt dem Sammler ein Seestück von mir zu Gesicht. Er kauft es und räumt ihm in seinem saal den vorzüglichsten Platz ein. Mehr brauchte es nicht, um seinen Stolz zu beleidigen. Kaum entdeckt er das neue Gemälde, so stellt er sich, die arme in einander geschlagen, davor; aber anstatt, wie jener grosse Maler, zu rufen: A u c h i c h b i n e i n e r ! so steigt ihm der Künstlerneid so gewaltig zu kopf, dass er einige Tage nachher, wie gesagt, ein völliger Narr ward. Sein Zustand griff mir ans Herz, ich vergass sein Unrecht gegen mich, behandle ihn seitdem wie einen unglücklichen Bruder, und besuche ihn, so oft ich einen Groschen zu Rappee entübrigen kann, der, wie allen verschobenen Gehirnen, auch ihm das willkommenste Geschenk ist." "Tun Sie das, lieber Sperling? Nun so erscheinen Sie mir in diesem Punkte grösser als Voltaire mit seinen vier Affen, und ich begleite Sie nun noch einmal so gern nach Cotignac." – "Wenn haben Sie die Pferde bestellt?" – "Mit Tagesanbruch" – "Gut!" – "Aber noch Eins, mein Herr! Bei Mönchen haben wir als Ketzer wohl nicht viel Gutes auf den Mittag zu erwarten – Sollten Sie nicht aus Fürsorge einen gebratenen Fasan und einige Flaschen Wein mitnehmen?" "Sehr gern, reden Sie das mit meinem Wirt ab – und für heute leben Sie wohl! denn ich habe sehr viel in mein Tagebuch einzutragen." Das wäre nun auch nach der Regel von Pünktlichkeit geschehen, auf die ich vielleicht mehr halte, als Dir lieb ist. Ein anderer, glaube ich gern, würde manches als unwichtig übergangen, und sich bei meinen schläfrigen Augen kürzer gefasst haben; doch könnte es leicht möglich sein, dass dieser andere seine gedrängte Schreibart in der Folge bereuen müsste. – Ich habe meine eigenen Grillen über die Geschwätzigkeit. Was uns heute bloss als Staub auf unserm Lebensgange erscheint, kann morgen ein Kitt werden, der das Ganze verbindet. Du darfst nur in meinem obigen Gespräch mit Passerino ein Komma weglassen, und ich stehe weiter nicht für den Sinn. Eben so erhalten die Vorfälle des Lebens meistens eine ganz andere lückenhafte Ansicht, indem man so genannte Kleinigkeiten nicht berührt, wodurch doch jene nur zu oft herbeigeführt werden. Heute kann es Dir freilich so gleichgültig sein, als es mir ist, ob der Wirt für meinen Mittag morgen einen Kapaun oder Fasan – roten oder weissen Wein in den Wagen packt. Wer kann aber voraus wissen, ob und was für Folgen von dieser Wahl abhangen