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sein, von der ich spreche. Wer wollte aber nicht wünschen, dass, wenn sich auf den Fall ihrer völligen Herstellung ein solcher Verlustsersatz als S. Sauveur darböte, jenes vorgelaufene Gerücht einträfe!

Die Stimmung, in die wir alle uns versetzt fühlten, konnte für jedes einzelne Herz seinen grossen Wert haben, nur zum gesellschaftlichen Tone taugte sie nicht. Der Kapitain, ein viel zu guter Wirt, um seinen Gästen Zwang anzutun, gab daher bald das Signal zur Abfahrt. Mir war sonderbar in meiner Barke zu Mute. Die schreckliche Ungewissheit menschlichen Schicksals schien ihr nachzuschwimmen. Ich hatte so wenig für die muntere Musik, die uns zurück begleitete, als für das Jauchzen am Ufer dasselbe Ohr mehr, und glich ich vor fünf Stunden einem Neuangeworbenen, der lustig ins Treffen geht, so war mir das Herz jetzt gewiss so sehr gesunken, als ihm, wenn er schwer verwundet von der Wahlstatt zurückhinkt. Der vielsagende Händedruck des Kapitains, den ich ihm stillschweigend erwidertedie bänglich freundlichen Blicke, die mir meine andern Tafelgenossen beim Abschiede zuwarfen, söhnten mich mit ihrem vorigen Tumulte aus: denn ein so treuer Anhänger gesellschaftlicher Vergnügungen ich auch sein mag, so kommt es mir doch vor, als würde es den meisten Menschen ganz zuträglich sein, wenn jedes Freudenmahl sie mit ähnlichen Empfindungen entliesse, als ich, und wahrscheinlich alle übrigen Gäste Voltaire's mit nach haus nahmen.

"Lieber Sperling," rief ich meinem alten Lehrmeister entgegen, da er mir, wie gewöhnlich, zuerst in dem wirtshaus aufstiess, "können Sie mir wohl den nächsten Weg nach dem Tollhause zeigen?" "Niemand leichter als ich," war seine geschwinde Antwort; "aber was in aller Welt wollen Sie dort?" Mit dieser Frage stieg er mir in mein Zimmer nach. Als ich hier meinen Staat abgeworfen hatte, und noch die kleine Uhr, die Du kennst, in der Hand hielt, um sie auf meinen Schreibtisch zu legen, veranlasste sie folgendes Gespräch unter uns. "Finden Sie nicht das Gehäuse allerliebst gemalt, und die Juwelen um das Zifferblatt recht artig gefasst?" Er besah sie auf allen Seiten. "Das ist ein ganz superbes Stück," fing er sein Lob an – "Schade nur," fiel ich ihm ein, "dass es nicht richtiger geht." Er zog seine Uhr aus der tasche, und verglich beide. "Ja wohl, drei Viertelstunden und neun Minuten zu früh." "Und doch," warf ich die Nase gegen ihn in die Höh, "ist schwerlich Ihr Werk nur halb so viel wert als das meinige. Ehemals ging es vortrefflich, hat aber offenbar durch die Reise gelitten. Entweder ist die Feder überspannt, ein Zahn verbogen, oder es liegt an der Unruhe." "Bei einer so zarten Arbeit ist das leicht möglich," erwiderte er, "und in dieser Hinsicht vertausche ich meine tombakkene Uhr mit keiner andern. Mag sie noch so plump und altmodisch sein, so hat sie dafür auch nicht um eine Sekunde gestockt, seit ich sie von meinem Grossvater geerbt habe; aber Ihr kostbares Kunstwerk muss ja endlich ganz zu grund gehen, mein Herr, wenn Sie nicht in zeiten seinen Fehlern nachspüren. Ich dächte doch wahrlich, dass es der Mühe verlohnte." "Meinen Sie das, lieber Sperling? Nun so haben Sie auch die Antwort auf Ihre vorige Frage." "Wie denn das?" stutzte er. "In einer grossen Stadt," trieb ich nun meinen Spass mit ihm weiter, "stecken oft die verdorbensten Uhren in den glänzendsten Gehäusen. Die Eigentümer wissen meist selbst nicht, wie weit die ihre von der Sonne abweicht, und bekümmern sich noch weniger um den gang der andern. So lange noch nicht zufällige Stösse die Feder gesprengt, die Kette zerrissen haben, sie nur artig in die Augen fällt und nicht rasselt, gilt jede; ob sie übrigens ihre Bestimmung erfüllt, ficht niemand an. Wie soll nun ein Reisender, dem es mehr um den inneren Gehalt zu tun ist, als um äusseres Blendwerk, dahinter kommen? Wie soll er beurteilen können, ob in seiner Vaterstadt, auf die er doch gern alles bezieht, die Uhren klüger gehen oder nicht? gibt es da eine andere Ausmittelung, als dass er nachforscht, wie viele in der Reparatur und an welcher Verschobenheit sie krank liegen?" Der gute Mann sah mich mit grossen Augen an. Ich legte ihm meine Spielerei näher. – "Aus dieser Ursache, Freund, verlasse ich nie eine ansehnliche Stadt, ohne vorher ihre Tollhäuser zu besichtigen. Dort allein erscheinen die mannichfaltig verschobenen und lahmen Werke, ohne Malerei, Diamanten und Fassung, und erschweren keinem verständigen Auge die Uebersicht ihrer inneren Gebrechen." Passerinowie lange, dachte ich, wird er noch so stumpfsinnig da stehen? – blickte mir bald in das Gesicht, bald auf die Schuhe. "Ein Narr," erhob ich nun meine stimme, "ist schon einzeln ein offenes Buch; eine grössere Anzahl derselben ist die brauchbarste Bibliotek zur Fertigung einer moralischen Mortalitätsliste. Aus ihr entdeckt man, welche Seelenkrankheit an diesem oder jenem Orte am häufigsten die Köpfe verdreht. Sie lehrt, der wie vielste Bürger allemal toll ist, und beantwortet die grosse Frage, in welchem staat der Verstand am besten gedeiht, und am wenigsten Gefahr läuft, so, dass jeder, dem daran liegt, seine Einrichtung darnach