rührendem Bezeigen ihres Danks gegen die Nonnen, die von ihr Abschied nahmen, verliess sie das Kloster – aber wohin liess die gute Dame sich bringen? Den dringendsten Bitten ihrer Begleiterin entgegen, nirgend anderwärts hin, als in das öffentliche Irrenhaus! Nachdem sie die innere Einrichtung nachdenkend untersucht hatte, schien es sie zu freuen, in einem kleinen abgesonderten Hof ein paar leere, reinliche, vergitterte Kammern zu finden. – Diese hier, wendete sie sich leise gegen den Aufseher, miete ich für mich, und die anstossende – wehmütig fragend blickte sie dabei Annen in die Augen – für meine Freundin. Seit jenem Morgen wohnt nun dort die edle Dulderin, immer in sich selbst versunken – ausser dann und wann, wo sie die Gefährtin ihres Elends durch einen sanften Händedruck zu trösten und zu bitten scheint, sie nicht zu verlassen – in stiller Verborgenheit. Nähert sich aber die Schreckensstunde, die sie auf ewig von ihrem Gustav trennte, so mag die Uhr solche ankündigen oder nicht, ihr instinktgleiches Gefühl irret sich um keine Minute – dann tritt sie an das eiserne Gitter ihres selbst gewählten Gefängnisses, und ihre zurückgehaltenen Klagen tönen nun in sonorischen Worten gegen Himmel. allmählich umzieht Fieberröte die blassen Wangen, die matten Augen fangen an zu glühen, die stimme hebt, das Haar sträubt sich, und eine kurze vorlaufende Erschütterung des schönen Gesichts kündigt nun den Eintritt der Wut an, die bis zur völligen Entkräftung des armen Weibes fürchterlich fortdauert. Dieses ist bis jetzt der abgemessene tägliche gang ihres verschmachtenden Lebens. Hat schon meine Erzählung Sie so tief gerührt, mein Herr, was wird nicht erst das zeugnis Ihrer eigenen Augen bewirken! Ich kenne den Hang des menschlichen Herzens nach dem Genusse der Wehmut zu gut aus Erfahrung, um nicht vorauszusetzen, dass auch Sie den merkwürdigen Gegenstand dieser allgemeinen Trauer aufsuchen werden." – "Und das," rief ich, "soll morgendes tages geschehen." – "Ich würde mich zu Ihrem Begleiter anbieten," sagte der wackre Mann, "hätte ich nicht selbst schon oft das Lästige wahrgenommen, das uns fremde Zeugen in solchen Augenblicken der Tränen auflegen. Niemand hat deren wohl mehr um die arme Bedrängte vergossen, als unser guter Saint-Sauveur. Es ist ihm ein Gesetz, sie täglich zu besuchen, und wird er ja davon abgehalten, wie ängstlich sieht er nicht alsdann den schriftlichen Berichten entgegen, die ihm ihre Freundin und einzige Wärterin, die sie duldet, auf diesen Fall zuschicken muss. Es müssen gebietende Geschäfte gewesen sein, die ihn mehrere Tage aus ihrer Nähe entfernten. Auch ist er es, der das Begräbniss des Entleibten in der Weinlaube besorgt, ihm ein Denkmahl errichtet, und sich der verwaisten Diener und herrenlosen Wirtschaft dieses gesunkenen Hauses mit der treusten Tätigkeit angenommen hat." "Hieran," rief ich voller Entzücken, "erkenne ich meinen Freund. Gott segne seine Bemühung, und belohne seinen Eifer durch den glücklichsten Erfolg!" "Aber, mein Herr," richtete der Kapitain jetzt die Frage an mich, "wie in aller Welt geht es zu, dass diese tragische Begebenheit, die doch in der Zeit Ihres Aufentalts allhier vorging, und Stadt und Land erschüttert hat, Ihnen so ganz unbekannt bleiben konnte?" "Ach erinnern Sie Sich denn nicht," seufzte ich, "was der Marquis von mir geschrieben hat? Glücklich für meine Ruhe, möchte ich wohl sagen, lag ich damals selbst ohne Verstand an der Kette einer schweren Krankheit, unter den Händen der ärzte, und vermutlich hat der Marquis und jedermann aus menschenfreundlichen Rücksichten mir auch nachher den Vorgang verschwiegen." Meiner Nachbarin schien schon lange etwas auf der Zunge zu schweben, das ich gar keine Lust hatte ihr abzunehmen, musste aber endlich doch herhalten. "Der Herr Brigadier," zischelte sie mir zu, "mag, im Vertrauen gesagt, wohl noch gewisse zärtlichere Antriebe zu seiner in der Tat sehr lobenswürdigen Sorgfalt haben als die allgemeine Menschenliebe. Von jeher, kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen, hat er nur Augen für diese Frau gehabt, und viele, die ihn genau kennen wollen, behaupten, dass er nur die Genesung der schönen witwe erwarte, um ihr seine Hand anzubieten, die sie auch sicher nicht ausschlägt."
"Sie glauben, fräulein," blinzte ich sie an, "dass diese so tief verwundete ..." "O mein Herr," lachte sie mir ins Wort, "ein liebenswürdiger Mann, der den Verstand einer jungen Dame wieder zurechte bringt, weiss gewiss auch ihrem Herzen beizukommen." Das kann wohl, dachte ich, der Fall bei dir sein, und war boshaft genug, in meine auf- und niedersteigenden Blicke, deren Wendungen nicht schwer zu erraten sind, meine ganze Antwort zu legen. Indess verursachte doch diess Geschwätz, dass ich nach Tische meinen Kaffee noch mit Nachdenken darüber einschlürfte. Unter einem andern Gesichtspunkte genommen, kommt mir die Sache nicht so ganz unwahrscheinlich vor. Ich glaube es als einen Erfahrungssatz annehmen zu dürfen, dass ein sonst gesunder Verstand, der nicht durch eine fehlerhafte Organisirung der Seele, als zum Beispiel durch Hochmut, sondern durch zugestossne geistige Verwundungen verrückt wurde, sich auch wieder findet, so bald die Zeit diese geheilt hat, und sage es diessmal wahrlich ohne alle Seitenblicke auf unsere oft unbändig trostlosen Wittwen, die sich sechs Monate nachher auf das fröhlichste wieder verheiraten. Eine jede dahin spielende idee würde Blasphemie gegen die vortreffliche Frau