der Greuel seines Geschicks erfasste – schildere den entsetzlichen Fall aus einer solchen Höhe der Seligkeit, in eine so grundlose Tiefe des Elends – den Uebergang des frohsten Selbstgefühls, das noch kurz zuvor ihre Farbenstifte bei dem schönen Nachbilde des Geliebten so glücklich geleitet hatte, zu der Trauerpost seiner Ermordung. In einem Augenblicke lag ihre Hütte – die Laube, der Garten – ach die ganze Welt lag hinter ihr! – Sie flog, ohne nach Begleitung zu rufen – ohne zu wissen wohin? nur auf den ungefähren Wink des Schreckensboten, längs dem Steinwege – allen, die ihr begegneten, unaufhaltsam vorbei, unserer Stadt zu – flog durch das Tor – schöpfte nach Luft, um zu schreien – und forderte mit schmetternder stimme ihren Gemahl – von dem erstaunten Haufen, der sie umringt, indem sie ihre blutig zerrungenen hände gegen Himmel hob. Eine fürchterlich schöne Gestalt im weissen Morgenkleide – die Bandschleifen durch den empörten Busen gesprengt – mit braunem fliegendem Haare – fortgetrieben durch innere Pein, und hingegeben der Verzweiflung – so sahen wir sie alle, wie wir hier sitzen, unsern Häusern vorüber, durch die Strasse rennen – und eilten ihr nach. Auf dem Marktplatze sank sie endlich ohnmächtig darnieder. Einige aus dem Kreise, der sie auch hier mit staunendem Mitleiden umgab, waren im Begriffe, sie in das nächste Haus zu bringen, als Saint-Sauveur, durch den Lärm an's Fenster gezogen, seine Freundin erkannte – blitzschnell herbei flog – sie jenen ab, auf den Arm nahm, und in das nahe Kloster der barmherzigen Schwestern bis in das Zimmer trug, das man ihr einräumte. Er schickte nach den berühmtesten Aerzten der Stadt, forderte, ordnete, und verschaffte alles, was er zur Beruhigung und Bequemlichkeit der Kranken für nötig hielt; konnte aber, so wenig als ein anderer, begreifen, was dem armen weib begegnet sei, bis ihre gute Anna, mit Tränen und Schweisstropfen benetzt, unter uns trat, und den schrecklichen Vorgang nach der Angabe des Augenzeugen erzählte. Indem erholte sie sich – Wir, die das Stöhnen der Erwachten nicht zu ertragen vermochten, verliessen das Zimmer, nur Saint-Sauveur blieb, ohne seiner zu schonen. – Welch eine Morgenstunde! Sie werden den schauderhaften Eindruck leicht begreifen, mein Herr, den sie auf jeden zurückliess, der ihr beiwohnte, und sich über die Wehmut nicht weiter verwundern, in die uns Ihr zufälliger Fund versetzt hat. Der feinste Faden, der mit einem solchen Gewebe des Unglücks in Verbindung steht – würde er auch noch so leise berührt, muss seinen ganzen Umfang erschüttern."
Der Kapitain hatte nun, wie er glaubte, mir allen genüglichen Aufschluss gegeben, und regte sich aufs neue mit seinem Champagner: aber jedermann ermunterte den Redner fortzufahren, und verbat das berauschende Getränk – "So verlangen denn meine lieben Gäste," fragte er, "noch immer keine Ruhe? Sie kennen ja alle, ausser der fremde Herr da, den Fortgang des Trauerspiels, so gut als ich" – "Aber auch er," rief ein ältlicher mit Pflastern verstellter Officier, dem der Hieb in einem Ehrengefechte Mund und Nase gespalten hatte, "sollte nicht von uns gehen, ohne die Warnung, die der Verfolg der geschichte noch rührender predigt, als der Anfang, mit in seine Heimat zu nehmen." "So hören Sie denn," fuhr der Kapitain fort, "was mir nicht nur Saint-Sauveur von der folgenden Stunde mitgeteilt hat, sondern so viel ich auch noch bis heute von der Unglücklichen weiss. Sie öffnete die Augen unter jenem krampfhaften Gestöhne, das uns verscheucht hatte, und sah sich starr um; sobald sie aber ihre Jugendfreundin erblickte, stürzte sie ihr in die ausgebreiteten arme. fest an dieses einzige geschöpf geklammert, das sie in der ganzen natur allein noch zu erkennen schien, liess sie ihr Herz ausbluten, und ihre sprachlosen Gefühle veratmen. Erschöpft sank sie endlich auf ihr Bette, und zugleich in den tiefsten Schlaf, der bis den andern Morgen anhielt. Die ärzte bauten grosse Hoffnungen, auf diesen Beistand der natur, und trösteten alle Nachfragenden damit, die das Kloster unaufhörlich belagerten. Schöne, aber ach! vergebliche Erwartung! Die Kranke hatte während der Ruhe nur neue Kräfte zu der schrecklichen Folter gesammelt, die ihr bevorstand. Denn, als die wiederkehrende Unglücksstunde ertönte, raffte sie sich in einem schauervollen Erwachen von ihrem einsamen Lager auf – Gustav, war der erste Jammerlaut, den sie, an den Busen ihrer Freundin gelehnt, ausstiess – ach liebe Anna! lass mich doch meinen Gustav suchen, und mein müdes Haupt auf seinem Grabhügel ausruhn! – Unter diesem fortdauernden Gewimmer stieg ihr Schmerz immer höher und höher, bis auf den Gipfel des Wahnsinns. Diese innere Pein liess nicht eher nach, als bis sich ihre Zunge in einen Strom noch nie erhörter Flüche gegen den Mörder ihres Gemahls ergossen hatte; dann erst kam sie, in der äussersten Abmattung, wieder zu sich. Welchen Drang unnennbarer Martern lässt nicht eine solche Linderung in einer so edlen, sanften und Gott ergebenen Seele voraussetzen! drei Wochen nachher, die nur aus trübsinnigen Stunden zusammengesetzt waren, kam ihr zum erstenmal ein anderer Gedanke. Anna, – erwachte sie mit ihrem in gesunden Tagen so freundlichen Aufblick – ich möchte mir wohl eine anständigere wohnung suchen – Bestelle mir doch meinen Wagen. Dieses erste Zeichen von Besonnenheit verbreitete überall Hoffnung und Freude. An der Hand ihrer Getreuen, und mit