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Götzen beschäftigte, als der Uebergang von der leeren zur vollen Schüssel dauerte. Voltaires Bild flog in diesen Zwischenzeiten, wie ein Schatten in der Zauberlaterne, nur flüchtig den Augen vorüber; desto herzergreifender fesselte er aber unser aller Aufmerksamkeit, als es lichter auf der Tafel ward, und unter den Spielwerken des Nachtisches ein Teller mit Devisen die Erinnerung an den ganzen Umfang seiner Vorzüge zurückbrachte; denn aus jeder noch so unbedeutenden Figur, die auf Geradewohl genommen, belächelt und zerknickt wurde, entwickelte sich ein, aus dem Schatze seiner Schriften entlehnter ernster oder schalkhafter Gedanke. Es war die artigste Lotterie der Art, die ich je gesehen, und allen Tafeln empfehlen möchte, so wie es die erste ohne Nieten war, die mir vorkam. Sie erheiterte unsern vergnügten Zirkel noch mehr. Es war beinahe so gut, als ob der gefeierte Dichter selbst zugegen sei, ja in gewisser Rücksicht war es noch besser; denn mancher von den Gästen, der vielleicht unter den Augen des Dichters zu blöde gewesen wäre, ihm seinen Beifall anders, als durch ein bescheidenes Stillschweigen zu zeigenbetäubte jetzt unser Gehör; mancher, dem mit Voltaires Versen, heute vielleicht zum erstenmal ein kluges Wort über die Zunge kam, spielte hier den Kenner, und schien, als wolle er ihnen nur desto mehr Glanz durch die Einwilligung verschaffen, die er uns gab, sie ohne Bedenken für schön zu halten. Ich hielt, bis es die andern müde waren, ihren Gewinn auszutrommeln, mein los, unter der Maske eines Harlekins, mit so zögernder Bescheidenheit zwischen den Fingern, als ob es ein Impromptu von meiner eigenen Erfindung entielte; und wenn mir jemand gesagt hätte: du hast Worte in deiner Gewalt, die gleiches Schrecken um dich her verbreiten werden, als jene, die eine übermenschliche Hand, der Tafel des Königs Belsazar gegen über an die Wand schrieb, ich würde ihn für einen Fantasten gehalten, meinen Harlekin so gewiss als jetzt, und ohne Furcht vor dem traurigen Erfolge geöffnet haben, der mir aber nur zu bald in die hände kam; denn ich hatte kaum die ersten Worte des Verses über die Zunge:

Le grand mond est léger, inappliqué, volage,

Sa voix trouble et séduit. Est-on seul, on est sage.

so entstand, wie in der natur vor dem Ausbruche eines Erdbebens, eine so auffallende Stille an der Tafel, dass ich verwundert um mich herum blickte, ohne die sonderbar andächtige wirkung dieser Zeilen auf eine so muntere Gesellschaft begreifen zu können. Ich sah nur niedergeschlagene Augen, hörte nur tiefgeholte Seufzer, und unser Wirt, eine Flasche Champagner in der Hand, schien äusserst verlegen, was er damit anfangenob dem Harlekin trotzen, oder meine Neugier befriedigen sollte. Er entschloss sich aus Höflichkeit gegen einen Fremden zu dem letzterenschob das Leichtsinn erweckende Getränk bei Seite, und – "Wundern Sie Sich nicht, mein Herr," wendete er sich nach mir, "dass der Denkspruch, den das Ungefähr Ihnen zuwarf, uns alle so ernstaft gemacht hat. Er veranlasste die Erinnerung an eine eben so vortreffliche als höchst unglückliche Freundin. Sie hatte diese Zeilen über den Eingang eines EremitenHäuschens setzen lassen, in welchem sie eben den süssesten Träumereien nachhing, als ein grausames Verhängniss sie plötzlich und wahrscheinlich auf ewig daraus vertrieb. Wenn es meine übrigen Gäste nicht zu sehr angreift, so geben sie wohl zu, dass ich unserm lieben Fremden den traurigen Vorgang erzähle" – Die die Damen falteten die hände wie in einer Betstunde, und das denkende Wesen meiner Nachbarin hob sich ein wenig. "Lassen Sie uns, mein Herr," fuhr der Kapitain fort, "einen Augenblick in das schöne Tal zurückgehen, von dem Sie heute herkommen. Dünkte es nicht Ihrem Herzen, als Sie es zum erstenmal so abgezogen von der übrigen Welt überblickten, dass es dem menschlichen Elend unmöglich sei, in diesen Wohnsitz der Ruhe zu dringen? und doch hätte SaintSauveur, der es wahrscheinlich aber, aus Schonung Ihrer, unterliess, Ihnen aus seinem Saalfenster den Geburtsort der person zeigen können, die eben dort zu einem Jammer ohne Gleichen heranwuchs. Ich berufe mich dreist auf die selbst höchst liebenswürdigen Damen meiner Gesellschaft, ob sie eine gekannt haben, die ihrem Geschlechte mehr Ehre machte, und an Schönheit, Verstand und Annehmlichkeiten dem fräulein von Larai gleich war." Nein, so wahr Gott lebt, fielen sie hier alle dem Redner in's Wort, und er selbst brauchte einige Augenblicke, sich von dem rührenden Hinblick auf sie zu erholen. Denke, Eduard, um wie viel dieser Einklang bei einer solchen Gewissensfrage, diese unglaubliche Zustimmung weiblicher Unparteilichkeit über die Vorzüge einer andern, meine Aufmerksamkeit noch erhöhen musste! "Der Vater dieses Engels," ging der Seemann in seiner Erzählung fort, "einer der wackersten Menschen, lebte in jenem reizenden Bezirke auf seinem Landgute, und widmete nach dem tod einer trefflichen Gattin, seine Erholungsstunden nur Freunden, die ihm glichen, und alle Kräfte der Erziehung des einzigen Zweigs seiner glücklichen Ehe." Diese ihm so liebe Tochter stand im dreizehnten Jahre, als er, in der besten Meinung, den Grund zu ihrem nachherigen entsetzlichen Schicksale legte. Er versprach sie einem jungen GrafenSein Namedoch ich verschweige ihn lieber aus achtung für edle Verwandte. Sie wechselten die Ringe unter den übelsten Vorbedeutungen. Er steckte den ihrigen mit einer spöttischen Miene an, die den Anwesenden höchst missfiel, und sie