W i e l a n d zu weit in den Irrgängen der Wahrheit zu folgen, und mir die Strafe zu erholen, die der Prophet J o n a s von seinen Zuhörern erlitt. Keiner der zwölf Jünger, die hier zum Gedächtnisse des göttlichen Sterblichen versammelt waren, erwähnte seiner eigenen geringen person, ausser in Verbindung mit seinem Meister, und alle suchten einander zu überschreien. Wenn j e n e r im Zählen war, wie oft er mit dem liebenswürdigen Dichter an einer Tafel gespeist habe, so störte ihn d i e s e r durch seinen langjährigen Briefwechsel mit dem berühmten mann. Mancher hatte mehrere Wochen bei ihm in Fernay verlebt, und – glaubwürdig genug – die Affen persönlich gekannt, die dort im Leben, wie hier in hölzernen Nachbildern, seinen Ruhm stützten. Der eine gab zu verstehen, er habe ihm, der jede Kleinigkeit zu benutzen wusste – durch Umgang vielleicht zu mehr glücklichen Einfällen geholfen, als sich die litterarische Welt wohl vorstellte; der andere beschwor bei seiner Ehre, dass er vier Posten hinter Voltaires Wagen hergefahren, und immer so glücklich gewesen sei, beim Aussteigen ein oder zwei Worte von ihm zu hören, die bis zur nächsten Station wie eine Herzstärkung auf ihn gewirkt hätten. Ein dritter, indem er das Kinn vorstreckte, wie Voltaire selbst, liess merken, er trüge wohl die Physiognomie des Dichters nicht von ungefähr. – Sei es wie es sei, unterbrach er sich selbst, tant mieux!
Da ich mich von allen diesen Glücksfällen keines
einzigen rühmen konnte, so kam es mir auch nicht von weitem in den Sinn, darein zu sprechen, bis mir eine junge Dame die Zunge löste. "Ach Gott!" rief sie entusiastisch aus, "welchen Genuss gewährt nicht sein herrlicher Geist einem denkenden Wesen!" – Ich blickte ihr geschwind nach dem Busen, weil Kenner behaupten wollen, hier sässe den Weibern der Verstand, so wie ihr Herz hinter der Stirn. – Beides aber kam mir etwas platt vor. "Vier Monate war der grosse Mann," fuhr sie mit aufgehobenen Augen fort, "in meiner älteren haus zur Miete, und denken Sie! ich bewohne sein Arbeitszimmer. Es ist klein – aber wahrlich, ich vertauschte es nicht mit dem schönsten Spiegelgemach – schon des Quatrains wegen nicht, das er auf eine der Fensterscheiben gekritzelt hat." – "Was?" fiel ich ihr in die Rede, "Sie besitzen eine Fensterscheibe mit einer Quatrain von Voltaire?" "Ja," wiederholte sie mit stolzem Anstand, "vier Verse von seiner eigenen Hand, und die selbst in der neuesten Ausgabe seiner Werke fehlen." "O Madam!" trat ich ihr jetzt näher, "wie glücklich könnten Sie mich durch dieses Stückchen Glas machen! Bestimmen Sie, ich bitte, einen Preis, ich verstehe mich unbesehen dazu." – Lieber, lieber Eduard, dass ich doch nie lernen werde, meine Worte zu wägen! "Es tut mir leid," antwortete sie mit übrigens sehr freundlichen Augen, "dass ich mich auf so einen Handel nicht unbedingt einlassen kann – Jene Scheibe ist mir ein zu liebes Eigentum und – nicht wahr, lieber Vater?" rief sie einem ältlichen Militär zu – "unzertrennlich von meiner person." – Diese Erklärung stopfte mir auf einmal den Mund. Ich leistete zwar ungern Verzicht auf solch einen Schatz für mein Kabinet, tat sogar ein übriges, warf zum zweitenmal einen blick auf das denkende Wesen; aber der Preis war und blieb mir zu hoch.
Der Aufruf zur Tafel unterbrach bald nachher das allgemeine Gespräch. Meine Kunstgenossin setzte sich neben mir – Ich hatte nun alle gelegenheit, tiefer in ihren Verstand zu blicken – Sie liess auch ihr Herz sprechen: doch ich erwähnte die Scheibe weiter mit keiner Sylbe. Siehe, Eduard, ich wollte gern zwei Tage hungern, wenn ich mir dadurch das Vergnügen erkaufen könnte, Dir den Küchenzettel des herrlichen Mahls vorzulegen, das jetzt begann. Er würde Dir unsern sinnlichen Genuss viel anschaulicher machen, als meine wortreichste Beschreibung. Im Allgemeinen muss ich Dir jedoch angeben, wodurch es sich vor allen andern auszeichnete, ehe ich zum Schlusse des Festes komme, der eine reine neue Feder erfordert. Es ward – vielleicht nach Schiffsgebrauch, vielleicht auch aus symbolischer Hinsicht – nur eine Schüssel auf einmal aufgesetzt – und schon das gefiel mir; denn so blieb die Bewunderung, die wir ihr einstimmig zollten, wie bei Voltairen, so lange ungeteilt, bis eine andere erschien, die, wie es ihm auch gehen wird, uns noch bewundernswürdiger vorkam, als die erste. Entständen aber auch zwanzig Dichter nach ihm, deren immer einer grösser als der andere, den Geschmack an die vorangegangenen verdrängte, sie könnten kein höheres Erstaunen bei mir erregen, als mir die Reihe eben so vieler immer köstlicherer Gerichte abnötigte. Es war mir eine bittersüsse Betrachtung, aber ganz eines Philosophen würdig, dass mir, selbst in dem Gebiete meiner vorzüglichsten Kenntnisse, so viel Neues entgegen kam. Denn ausser dem gesegneten Brod, dessen ich mich noch von Aix aus erinnerte, trat doch nicht ein einziges Gericht unter meinen Gesichtskreis, das ich als einen alten Bekannten hätte begrüssen, und im voraus erraten können, was er mir leisten würde. Noch scheint es mir bemerkenswert, und ich möchte wohl wissen, ob dieses auch bei andern Opfern der Fall sei, dass die Gesellschaft sich nur so lange mit der Verherrlichung ihres