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der letzte Liebesdienst sein, den ich meinem tollen Lehrmeister erzeige, so wie das letzte Marienbild, das ich besuche. Ach! aber wie fällt mir der Abschied so schwer, den ich, o Gott, auf ewig von diesem reizenden, einzigen Tale nehmen soll. Ohne jenes abgeschmackte Berufsgeschäft hätte ich wenigstens noch einen Tag länger – (Saint-Sauveur stellte es mir ja anheim) – hier bleiben, und diese Höhen und Tiefendiese Landhäuser und Wiesen, die sich vor mir hinstrecken, näher beäugeln können, als durch das Fenster. Ist es nicht zum Tollwerden, dass ich die letzte Vorstellung eines so prächtigen Schauspiels, als mir die natur auf Morgen verspricht, ausschlagen muss, damit ein paar Müssiggänger einen Tag eher ihre hölzernen Puppen den Gaffern ausstellen, und ein Schmierer an einer noch elenderen als jene, seinen Pinsel versuchen kann? Vergebens wiederhole ich mir, wie viel edler solche Hingebungen werden, je mehr sie uns kosten. Meine Grossmut hebt den Schmerz nicht, und am meisten ärgert es mich, dass es solche Armseligkeiten sind, die mich von hier abrufen. Ich bin doch in der Tat ein sehr guter Narr, dass ich gehe! Nur noch einen Schluck aus diesem würzhaften Luftstrom! Einen Hinblick noch auf das stärkende Grün dieser Gefilde! und dann lege ich, mit dem Seufzer eines Liebenden, der aus den Armen seiner Schönenzum Sturmlaufen gerissen wird, die Feder aus der Handgebe meine Nase dem Staube der Heerstrasse und meinen armen Kopf den Strahlen Preis, die senkrecht auf ihn herabschiessen.

Marseille.

Das Gesicht voller Schweisstropfenalle Poren von der Hitze geöffnet, sprang ich endlich nach zwei melankolischen Stunden den Urhebern meines Missmuts in die hände. Sie erwarteten meiner am Tore des Gastofs, wie ihres Heilandes, und spitzten die Ohren auf das erste Wort, das ich vorbringen würde, und das war: "Ein frisches Hemde!" aber diese in Feuer gesetzten Genies waren schon so fremd in meiner Haushaltung geworden, und so irre, dass sie mich an Bastian verwiesen, der aber nicht zu haus sei. Sprachlos vor Aerger wankte ich die Treppe hinauf, und fand an meiner tür eine Dame hocken, die sich nur noch hätte erbieten dürfen, mir eins überzuwerfen, um alle meine inneren Flüche zur Sprache zu bringen. Es war die Geliebte des Prologus, die berüchtigte Elektra, die sich mir in einem Aufzuge zu Füssen warf, dass ich trotz des Zugwindes für das klügste hielt, sie sammt ihren Teaterhelden gleich auf dem Vorplatze abzufertigen. – Ich drückte jedem zum freundlichen Lebedie hände, ihr albernes Handwerk künftighin klüger zu treiben, und die Trödel-Lumpen, die sie aus meinem Dienst mitnähmen, vollends als ehrliche Kerle zu zerreissen. Heilfroh über mein erstes abgetanes Geschäft, schlüpfte ich nun in mein Zimmer, und bald nachher kam mir auch mein Kammerdiener zu hülfe. Als er das Seinige besorgt hatte, fertigte ich ihn an den Marquis ab, und suchte nun Ruhe und Friede in meinem Lehnstuhle; hatte aber kaum einige Minutenselbstständig und selig, wie die Gotteit, ohne Prologus und Epilogus da gesessen, als mich der Narr von Maler in das menschliche Elend wieder zurück brachte. Aber auch ihn überhob ich, wie die Puppenspieler, des Vortrags – "Gehen Sie jetzt wie gewöhnlich auf meine Kosten zur WirtstafelMorgen früh, Herr Passerino, bin ich zu Ihrem Befehl!" zugleich bewegte ich die Hand gegen die Tür, zu der er nun, ohne den Mund zu öffnen – (so gut hatten wir einander verstanden), hinausschlüpfte. Wundere Dich nicht über meine lakonische Laune, Eduard! Wie konnte ich mich wohl gegen diese Menschengesichter, die mir einen Tag voller Genuss auf dem schönsten Winkel des Erdbodens geraubt hatten, zu freundlichen Gesprächen herablassen! – Doch, es kommt noch bunterhöre nur! Hast Du nicht auch, wie ich, erwartet, dass mich S. Sauveur auf den Mittag einladen würde? Ja, wenn er nicht durchaus an mir die Haltbarbeit seines Systems versuchen wollteSeine heutige Ueberraschung aber, mag er mir nicht übel nehmen, geht über die erlaubnis. Rate einmal, was mir der artige Marquis an Bastians Stelle, von dem ich, ohne mich umzusehen, glaubte, er nähere sich jetzt mit seiner Botschaft meinem Lehnstuhlefür einen Abgeordneten zuschickte und mit welchen Aufträgen? Einen vornehmen Seeofficiereinen Verwandten des Brigadiers, der mir ankündigte: – "Er habe ihm die Ehre übertragen, in seiner heutigen Abwesenheit für meine Bewirtung und Unterhaltung zu sorgen." – "In seiner Abwesenheit?" fragte ich mit Befremden, das dem Herrn auffiel – "Nun ja; denn Sie wissen doch," antwortete er, "dass Sie ihn diesen Morgen auf seiner Bastide zurückliessen?" "Nein, das ist mir in der Tat etwas Neues," stotterte ich unter einem misstrauischen blick auf den Unbekannten – "Nun so kann ich es Ihnen bescheinigen" – Der Brief, den er mir mit diesen Worten überreichtewar zwar nur flüchtig und mit Bleistift geschrieben, unläugbar aber von der Hand meines FreundesEin Glück, dass es so war, nimmermehr wäre ich sonst von der Stelle gegangen, so sonderbar kam mir der Inhalt vor – "Ich" – lautete er ungefähr, "antworte Dir sehr in Eile, wie Du siehst, aus meinem Janustempel, den ich dringender Geschäfte wegen vor morgen nicht verlassen kann" – "Aus