Versuch, sich munter dran zu nippen, Aus den geträumten Dornen rief, Und ihm – gleich dem Montblanc im Morgenperspectiv, Zwei Schneegewölbe zeigt, an denen im Betippen, Kein Finger bricht, gesetzt, er griff' auch noch so schief, Und ihm, – auf die Gefahr für Wollust umzukippen, Mit jenem Hauptjuwel, das nur ihr Schöpfungsbrief Erraten lässt – entgegen lief.
Ehe ich mich ganz von der holden Nachterscheinung entferne, die mit dem letzten Pünktchen meines reichhaltigen Gedankenstrichs, schöner als ich sie, in Wahrheit, geträumt habe, aber noch lange nicht so anschaulich hervortrat, als Du, mein verständiger Freund und Leser, sie ausmalen wirst, muss ich Dir doch der Vollständigkeit wegen die stille Betrachtung noch mitteilen, mit der ich heute, ziemlich spät, mein Bette verliess. Der angeborne und treueste Freund menschlicher natur, besonders der meinigen, zischelte ich mir zu und rieb nur die Augen munter, hat es doch diessmal wieder recht gut mit dir gemeint, aber fast zu gut! Es ist nicht der erste Morgen, wo ich ihm diesen kleinen freundschaftlichen Vorwurf zu machen habe. Ich bin in meinem Leben, das ist gewiss, manchem widrigen Augenblicke, vielen Sorgen und Grillen, durch die Vermittelung des Schlafs, wenn keine andere verfangen wollten, glücklich entwischt; durch ihn wurden nicht selten meine brausenden Leidenschaften dert. Dagegen aber hat mich auch sein einschmeichelnder Besuch eben so gewiss um manche schöne Belohnung der Wachsamkeit, um manchen Gewinnst an Kenntnissen gebracht, der nicht zu berechnen ist. über süssen Träumen der Nacht habe ich oft weit süssere des tages verloren, und bei Freuden, die man nur mit offenen Augen geniessen kann, wie heute bei der aufgehenden Sonne, das Nachsehen gehabt. Sie, die ich kürzlich mit solcher Inbrunst besang, ist schon seit vier Stunden dem blumigen Brautbette dieses Tales entstiegen, und hat nun für mich, wie jede Schöne, die sich der weiten Welt Preis gibt, nichts anlockendes mehr. Auch Saint-Sauveur hat, wie die Sonne, das Erwachen seines Gastes nicht abgewartet. Er wäre, sagt mir mein schnurbärtiger Landsmann, den er mir zu meinem Fortkommen zurückliess, mit Tages Anbruche, seinen Geschäften nach, zu fuss, durch den Tempel des Friedens, und vermutlich nach Marseille gegangen. O warum hat mich der gute Mann nicht geweckt! Wie gern hätt' ich seine muntere Unterhaltung, in der Kühle des Morgens, gegen die Schattenbilder meines Traums eingetauscht, da ich jetzt, bei voller Besinnung, ein paar heisse einsame Stunden durchbrechen muss, um in meine verschraubte Wirtschaft zu gelangen, wohin mich ein paar alberne Briefe auf das ängstlichste rufen. Sie beleidigten schon mein Auge, als ich sie aufschlug, und ihre Siegel verrieten mir sogleich, als wenn es die bekanntesten Wappen wären, von wem jeder herrührte. Auf dem einen war eine hirnlose Maske – auf dem andern das Petschaft des Michelangelo gedrückt. Ich griff nach dem Wahrzeichen des ersten, der mir eine wortreiche Bitte entwickelte, an deren schleuniger Gewährung mir zwar eben so viel gelegen war, als den beiden Puppenspielern, die sie vortrugen, aber auch gerade um desswillen mir recht böses Blut machten. Diess verlangt eine Erklärung, lieber Eduard. Du wirst Dich erinnern, unter welchen Scheltworten ich mir letztin den armen Prologus vom Halse schaffte, als er sich mit rednerischem Anstand meinem Schreibepulte näherte. Hätte ich nur zwei Minuten Geduld behalten ihn anzuhören, so würde ich erfahren und mich längst darein gefügt haben, dass die Elektra, mit der er seinen Perioden anhub, nichts weniger als griechischen Ursprungs, sondern in jenen glücklichen Tagen seiner teatralischen herrschaft die prächtige Frau des ersten Akteurs gewesen, seit kurzem witwe geworden – Besitzerin eines weitläuftigen Sortiments trefflich organisirter Puppen, und geneigt sei, ihm, aus unveralteter achtung, ihre Hand zu geben. Schliesse ja nicht aus dem gedrungenen Auszuge des briefes auf seine Kürze. Ich könnte Dich damit tödten, wenn ich Dir ihn in seinem ganzen Umfange vorlegen wollte. Durch mein Zusammendrücken, wie ich es bei so heillosem Geschwätze zu tun pflege, habe ich ihm nur das Gift benommen. In einer Nachschrift bitten beide Brüder um ihre Entlassung noch diesen Vormittag, mit Beibehaltung ihrer Livree, weil der Jahrmarkt zu Montpellier, wo Elektra zuerst ihr neues Teater zu eröffnen gedächte, schon übermorgen seinen Anfang nähme, und sie dort eines Prologs und Epilogs gewiss benötigter sein würde als ich. Hierin haben nun die zwei verbrüderten Narren vollkommen recht; auch will ich eilen, und meiner eigenen Freiheit so lange Zwang antun, bis ich ihnen, wie ein Paar unnützen Stubenvögeln, die ihrige geschenkt habe. Mögen sie mit ihren bunten Federn, die ohnehin nicht von der Farbe meiner Helmdecken sind, aus einer Wildniss in die andere ihren Talenten nachfliegen. Mir soll ihres Schicksals halber weiter kein graues Haar wachsen. Ungleich mehr sorge macht mir die peinliche Frage, mit der in der zweiten Epistel der unselige Passerino mir zu leib geht. Freilich hatte ich es vergessen – aber er nicht, dass der einzige Tag, den uns SaintSauveur zu der artistischen Reise nach Cotignac frei gab, morgen eintrete. Er wolle, sagt er, die unglückliche Möglichkeit gar nicht voraussetzen, dass ich zum zweitenmale anderes Sinnes geworden sei, und habe desshalb die Postpferde mit dem frühesten in meinen Gastof bestellt. Was will ich tun? Würde er mich wohl aus Frankreich lassen, ehe ich ihm nicht mein Versprechen halte? So sei es denn! Doch soll es gewiss