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Höhe der Unsterblichkeit, aus der du, gleich einem Engel, auf diesen Todtenhügel herab schimmerst, immer noch fern von dir, so gibt mir doch schon der mindeste Nebenstrahl deines heutigen Abglanzes alle Ehre und Würde wieder, die ich in der niedern Sphäre des Leichtsinns und der Wollust verlor. – Dich, die jeden Kreis erheitert, jeden geselligen Trieb veredelt, konnte ein Vater, der Lebensgenuss, Freuden und Feste liebt, zu der Einsamkeit eines Klosters verdammen? – eines Klosters? wo deine von ihm entsprossene und sorgsam gepflegte Jugendblüte, bei den höchsten Ansprüchen auf Gefallen und Liebe, wo deine sanften Herzenserwartungen und jene geheimen Ahndungen mütterlichen Entzückenseinem Götzenbilde zum unnützen Weihrauch dienen, und die Keime zu den reichsten Ernten menschlichen Glücks in dem Darrofen einer Zelle dumpf werden und vertrocknen sollen? – Unglückliches Kind! Entferne dich, wie die Tugend vom Laster, von deinem abscheulichen Bruder, der die Stirn hat, das Verbrechen seiner Erbschaft mit dem letzten Willen einer in Wahnsinn sterbenden Mutter zu beschönigen. Entferne dich, noch ist es Zeit, von den arglistigen Lockungen der frömmelnden Sirenen, die dich in den Strudel ihrer Langenweile zu ziehen drohen. Erhalte deine holde Munterkeit der freien, mit dir verwebten naturfern von dem heiligen Schneckengang eines ungebrauchten strafbaren Lebens. Und entflöhest du als Bettlerin dem undankbaren land, dessen Zierde du bist, so würdest du doch die Sonne auf- und untergehen, den Wald grünen, die Saatfelder wogen sehen, würdest die Lerchen singen, den Bach rieseln hören, und in dem grossen Tempel Gottes eine redlich freiwillige Dienerin seiner ausspendenden Liebe sein. –

Dreimal habe ich die niedergelegte Feder wieder erhoben, und meine Herzensangst durch das Adagio der Elegie zu besänftigen versucht; aber das Vorgefühl der unnennbaren Leiden, denen das unbefangene Kind, zur Feier seines Geburtstags, träumend entgegen geht, foltert mich zu sehr, um meinen Schmerz täuschen zu können. – Muss sie denn hin, die arme Verlockte, wo schon so viele lebendig begraben wurden, die ihr an Schönheit, Tugend, und Frohsinn gleich waren: nun so stärke sie Gott bei dem Erwachen ihres Bewusstseins! Er lasse sie vollen Ersatz in der Freundschaftsquelle der Unnachahmlichen finden, die dem ehelichen und mütterlichen Berufe freiwillig entsagt, um jeden Kelch mit ihrer Jugendgespielin zu trinken, und auf denselben Stufen, gleichen Schritts mit ihr, in die Region der Auserwählten zu steigen! Möge der Gedanke untrennbarer Vereinigung euch immer als ein lachender Genius zur Seite stehen und durch dieses kurze Leben begleiten, ihr göttlich verschwisterten Seelen! – Zwei Blumenso denke' ich mir euchzwei herrliche Blumen im Tale, umringt von unübersteiglichen Felsen, die, der Kenntniss der Menschen und ihrer Neugier ewig verborgen, ihr blühendes Dasein in dem leeren Luftraume verdunstenaber ein Engel des himmels hat sie unter seiner Obhut, sonnet, pfleget und schmückt sie, und findet Wohlgefallen an ihrer Eintracht und Schönheit. – Wer kann sagen, dass sie Unrecht leiden? Wer kennt den Umfang ihrer Bestimmung? – An dieses tröstende Bild will ich mich halten und mein Hauptkissen damit polstern, und so oft ich murrend..

Gott! was ist mir begegnet! Es lag, Eduardwährend der drei Stunden, die ich Dir vorjammerte, lag eine der schauderhaftesten Nachrichten auf meinem Pulte. Ich entdeckte sie, da ich mir eine Träne abtrocknen wollte, die mir meine Trauer um das schöne, edle, duldende Kind entriss. Indem ich mein Schnupftuch entwickelte, fiel ein Brief heraus. Hier lies seinen Inhalt.

"So sehr ich auch für Ueberraschungen bin, lieber Wilhelm, so hätte ich derjenigen doch gern entbehrt, die du mir heute zu sehr ungelegener Zeit verschafft hast." –

Was zum Henker, dachte ich bei mir selbst und legte meine flache Hand auf das Blatt, will der Marquis mit diesem spitzigen Eingange? Ich konnte es nicht erraten, und las fort. –

"Ich würde mich über meinen verlornen Spaziergang kaum getröstet habendas Glück, das dir ward, gehörte mir, du führtest Klärchen, und ich inzwischen musste deine tollen Geschäfte bei ihrem Vater vertretenwäre mir nicht zu einiger Entschädigung der Spass geblieben, dich am Ende mit den Folgen deiner angenehmen Zerstreuung, die alle deine Schritte durch die Welt begleitet, selbst stärker noch zu überraschen als du mich." –

Zur Sache, lieber Marquis, rief ich voller Ungeduld. Ach, ich erfuhr sie nur zu geschwind!

"Dein verlornes Schnupftuch und dein unbenutztes Einlassbillet haben sich wieder gefunden. Ich soll dir das erstere im Namen des Königs überliefern. In Ansehung des andern wird dich das darüber gehaltene Protokoll verständigen, das ich von dem Herrn Intendanten erlaubnis habe dir im Auszuge mitzuteilen:

'Nachdem der angeblich aus Chursachsen gebürtige Ehrlieb Fürchtegott Freiherr von ..., der seit drei Jahren wiederholter Betrügereien halber, sonderlich in verbotenen Spielen, auf die königlichen Galeeren allhier gebracht worden, heute dato sich des Verbrechens schuldig gemacht, und eingestanden hat, dass er diesen Morgen die Unachtsamkeit eines andern hier durchreisenden Deutschen, der die Galeeren besah, benutzt, und mit derselben Hand, die er nach einem Almosen jenem entgegen streckte, nicht nur dessen Taschentuch, sondern auch einen Erlaubnissschein zur Besichtigung des königlichen Arsenals, diebischer Weise entwendet, und beides eine Stunde nachher einem Englischen Herumstreicher für sechs Livres verkauft habe. Nachdem ferner nur gedachter aus Glocester gebürtiger Vagabond sich in anständige Kleidung arglistig versteckt, und unter dem angemassten, auf dem Einlassschein